„Harper´s Island“, so so. Fast dünkt es Einen, die letzten 10 Jahre Horrorfilmgeschichte hätte es nicht gegeben, so unglaublich Nineties wirkt diese amerikanische Serie – und doch weist das Produktionsdatum auf 2009 hin. Muss das unbedingt schlecht sein? Haben wir auf Grund von selbstreflexiven und sich ständig an Gewalt übertrumpfen wollenden Sickos nicht mal wieder einen völlig ironielosen und nicht ultrablutigen Film á la „Ich weiß was Du letzten Sommer getan hast“ verdient?
Vielleicht ist es das Alter, vielleicht habe ich aber auch in den letzten Jahren zu viele „grenzüberschreitende“ Erfahrungen gemacht: Was es auch sein mag, „Harper´s Island“ hat mir gefallen und das obwohl den 13 Folgen alle ausgelutschten Standardelemente des seit Jahrzehnten eigentlich ausgelutschten Slashergenres zu Eigen sind.
Umreißen wir mal grob den Plot: Vor sieben Jahren brachte John Wakefield auf Harper´s Island, einer kleinen Insel bei Seattle, sechs Menschen um, unter anderem die Mutter von unserer Protagonistin Abby. Ihr Vater, der Sheriff des kleinen Örtchens von Harper´s Island, brachte ihn schließlich um und beendete damit die grausame Mordserie. Danach verloren alle Beteiligten sich aus den Augen, zogen von der Insel um zu vergessen. Mit Beginn der Handlung finden Sie alle wieder zusammen um auf dem Eiland die Hochzeit von Henry und Trish zu feiern, so eine Art reiche Prinzessin heiratet das verarmte (männliche) Aschenputtel. Doch schon bei der Überfahrt vom Festland zur Insel tränkt sich das Meer mit Blut und ein erster Todesfall ist zu beklagen – und es soll bei Weitem nicht der einzige bleiben. Ist Wakefield etwa doch noch am Leben?
Zu aller erst, und das ist ja schon mal was: „Harper´s Island“ ist keine „Endlosserie“ wie etwa „Lost“. Es wurde zu keinem Zeitpunkt mit dem Gedanken gespielt, die Serie bei Erfolg einer ersten Staffel fortzuführen. Das wiederum bedeutet, dass wir es mit einer vollkommen abgeschlossenen Geschichte zu tun haben und nicht etwa einer Handlung, die kurz vor Absetzung dann hastig und unbefriedigend zu Ende geführt wird (Hör ich da jemanden „Akte X“ schreien?). Nein, wenn hier mit der 13. Folge ein Schlusspunkt gesetzt wird, dann ist dieser tatsächlich absolut!
Vorteil Nummero zwei: Auch wenn wir es bei den meisten Charakteren mit den üblichen Klischeeabziehbildern zu tun haben, durch das Serienkonzept bekommt selbst die verwöhnte Standardbitch (die es ja in JEDEM Schlitzerfilm gibt) eine ungewöhnliche Tiefe – und so kommt es, dass einem gegen Ende die übriggebliebenen Schäfchen tatsächlich ein wenig ans Herz gewachsen sind. Wenn das nicht ein Novum im Genre ist!
Und, weil aller guten Dinge ja bekanntlich drei sind: „Harper´s Island“ mag die ersten paar Folgen ein wenig langsam in Fahrt kommen und besitzt auch insgesamt keine vergleichbaren Cliffhanger wie etwa „Lost“ oder der diesbezügliche Klassenprimus „24“. Aber ich will verdammt sein, wenn es mir nicht echt schwer gefallen ist, mich selbst zu überreden ins Bett zu gehen und keine weitere Folge mehr anzuschauen. Es ist halt wie so oft bei Serien – ist man erst mal drin, kann man nicht mehr aufhören. Gerade das typische Slasher-Element, nämlich die Gretchenfrage nach dem Täter, wird hier bis zum Ende in Extreme gezogen. Tatsächlich war ich in einer der finalen Folgen kurz davor den Fernseher anzuschreien: „Jetzt sagt doch verdammt nochmal endlich, wer der Mörder ist!!!“
So in etwa müssen sich wohl Anfang der 90er die Zuschauer von „Twin Peaks“ gefühlt haben, bis Ihnen der Sat1-Videotext vorab die Lösung verriet. Wie fies! Neben dem eigentümlichen Schauplatz und den allesamt verdächtigen Personen hat „Harper´s Island“ eine weitere – leider – nicht von der Hand zu weisende Gemeinsamkeit mit David Lynch´s Vorzeigeserie: Das Ende wirkt ein klein wenig beliebig. Klar, es gibt eine Erklärung und die macht ja auch irgendwie Sinn, aber – gerade wenn man sich die Interviews mit den Schauspielern ansieht, die weder wussten wann sie in der Serie das Zeitliche segnen würden, noch wer den der Täter ist – es wirkt, als haben die Autoren sich erste am Ende Gedanken über die Auflösung gemacht. So beliebig wirkt das Ende, dass es im Grunde jeder gewesen sein könnte. Das mag zwar etwas enttäuschend sein, dem Sehvergnügen indes tut es wenig Abbruch.
Die Produktion selbst ist völlig okay, doch auch hier scheint es, als habe es die aufwändigen Serien der letzten Dekade nie gegeben. Alles sieht ein wenig nach Fernsehfilm aus (selbst der „Tatort“ begibt sich inszenatorisch mittlerweile auf anspruchsvolleres Niveau) – ebenso wie ja Jennifer Love Hewitts Vehikel „I know what you did last summer“, der nun mal gar nicht nach „großem“ Kino aussah. Dennoch wirkt die Serie zu keinem Zeitpunkt billig, schaffen es doch schöne Helikopteraufnahmen, düster inszenierte Geheimgänge und einige Explosionen wenigstens einen Anflug von Leinwandatmo zu versprühen.
Nun komme ich noch zu einem etwas zweischneidigen Schwert: die Kills (und damit meine ich nicht die Band). Das Konzept der Serie verspricht jede Folge mindestens einen Toten – und schaut man sich den Bodycount von immerhin 29 Dahingeschiedenen an, so kann man mit Fug und Recht behaupten, dass dieses Versprechen eingelöst wurde. Nur leider mangelt es für eine Serie dieses Genres ein wenig am heißgeliebten Schmodder. Auch in dieser Beziehung scheint „Harper´s Island“ ein typisches Kind der 90er zu sein. Klar, man sieht einige recht krude Ergebnisse der Tötungen, aber für ein Konzept, in dessen erster Folge schon jemand in zwei Hälften gerissen bzw. geschnitten wird – soviel Spoiler sollte erlaubt sein – fehlten mir dann doch ein paar Blutfontänen.
Im Gegensatz dazu beweist Erfinder Ari Schlossberg eine recht heftige Kompromisslosigkeit was die Auswahl der Opfer angeht. An einige der Sympathieträger sollte man sich nicht allzusehr gewöhnen, denn egal ob nett oder böse, der Unbekannte kann sie mir nichts, dir nichts aus dem Drehbuch „schneiden“ (Ha, der musste sein!). Auch das macht einen nicht unerheblichen Reiz der Serie aus.
Neben einigen Dummheiten, die ja dem Genre leider inhärent sind und die zum Ende hin etwas sehr zunehmen, kann man den Leuten von CBS also getrost auf die Schulter klopfen, denn Alles in Allem haben sie hier einen wirklich guten Job gemacht – auch wenn ich mir zwischendrin schon denken konnte wer der Täter ist – zumindest hat es mich am Ende dann nicht wirklich gewundert.
Achja, und final vielleicht zwei kleine Tipps:
1. Bitte bei DVD-Anschaffung NICHT die Extras auf Disc 4 ansehen, da diese beinahe schon boshafte Spoiler beinhalten.
2. Im Interview über den vermeintlichen Täter, gibt einer der Schauspieler den entscheidenden Hinweis (den hat er von seiner Tochter erfahren, als diese mitbekam dass er in der Pilotfolge halbiert wird): Es war ein Troll!
In diesem Sinne, meine Empfehlung an alle da draußen die auch mal ohne zig Tonnen von Kunstblut auskommen.
Gar nicht so schlechte 7,5 / 10 Punkte.
Kennt ihr das? Manchmal kommt man einfach zu keinem Ende.
Hier noch ein winziges PS:
Sehr lustig sind im Übrigen noch die Originaltitel der Folgen, die dem Geräusch entsprechen, das die jeweiligen Opfer bei Ihrem Tod machen (z.B. "Whap" oder "Crackle").