Review

Once Upon A Time... In Nazi-Occupied France

Der Milchbauer und Familienvater Perrier LaPadite (Denis Menochet) hackt vor seinem Haus Holz. Plötzlich ertönen Motorengeräusche... SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) und seine Nazi-Schergen nähern sich dem Haus im französischem Flachland. LaPadite, der schon in der Vergangenheit Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen musste, weiß genau, was jetzt folgt. Doch der überaus charmante Hans Landa, dem der Spitzname "Judenjäger" vorrauseilt, erweist sich als sympathischer Gesprächspartner - und genau darin liegt seine Taktik. Landa bringt LaPadite in kürzester Zeit dazu, die jüdische Familie Dreyfus zu verraten, die sich seit längerer Zeit unter den Fußbodendielen des Bauernhauses versteckt hält. Landa verabschiedet sich freundlich, winkt seine Gefolgsleute in das Haus, die den Holzboden mit ihren Maschinengewehren in Stücke reißen. Als das Blutbad vollendet ist, rührt sich doch noch etwas unter dem Haus. Shosanna (Melanie Laurent), die 18jährige Tochter, hat überlebt und kann in die Wälder flüchten...

"Au revoir, Shosanna."

Inglourious Basterds

Lt. Aldo Raine (Brad Pitt), ein Hillbilly aus den Bergen von Tennessee, stellt eine Guerilla-Einheit aus jüdischen Soldaten zusammen, die als Zivilisten getarnt, in Frankreich auf Nazi-Jagd gehen. Der Plan ist, ähnlich der Kriegsstrategie der Apachen, die Nazis nicht nur zu töten, sondern auf psychologischer Ebene zu vernichten, indem man die Deutschen skalpiert und jeweils einen am Leben lässt, der die Legende weitererzählt...

Unter der Truppe, die die Deutschen die "Basterds" nennen, befinden sich unter anderem Sgt. Donny Donowitz (Eli Roth) und Sgt. Hugo Stiglitz (Til Schweiger). Donowitz, der den Spitznamen "Bärenjude" trägt, ist bekannt dafür, Nazis mit seinem Baseballschläger die Köpfe einzuschlagen. Stiglitz, der als Angehöriger der deutschen Wehrmacht 13 Gestapo-Offiziere getötet hat, sollte dafür nicht einfach an die Wand gestellt werden. Das Oberkommando beschloss, ihn nach Berlin zurück zu schicken, um an ihm ein Exempel zu statuieren. Als die Basterds von ihm erfahren haben, wurde er befreit und von Lt. Raine rekrutiert.

A German Night In Paris

Shosanna, die nach ihrer Flucht in Paris untergetaucht ist, ist mittlerweile Besitzerin eines Kinos. Fredrick Zoller (Daniel Brühl), ein deutscher Kriegsheld, der von einem Glockenturm aus, auf sich allein gestellt 200 Amerikaner getötet hat, ist in der Stadt für die Premiere seines ersten Filmes. Stolz Der Nation, so der Titel, ist die Verfilmung seiner Heldentaten, in der er auch die Hauptrolle übernimmt.

Zoller, der auf Shosanna trifft und offensichtlich romantische Gefühle für sie hegt, überredet Joseph Goebbels (Sylvester Groth), der als Propanganda-Minister für die Produktion des Filmes verantwortlich ist, die Premiere in Shosannas Kino zu verlegen. Zoller wollte Shosanna mit dieser Geste nur beeindrucken, doch die Jüdin beginnt ihren eigenen Plan zu schmieden. Sie hat vor, das Kino während der Premiere komplett abzufackeln und somit alle Nazis, die an diesem Abend anwesend sein werden, unter ihnen auch Oberst Landa, zu töten. Als Zünder sollen die dreihundert 35MM-Nitrofilmkopien des Kinos dienen, die hoch entflammbar sind und dreimal so schnell brennen wie Papier.

Operation Kino

General Ed Fenech (Mike Myers), ein britisches Mastermind, instruiert Lt. Archie Hicox (Michael Fassbender) über "Operation Kino". Da das gesamte deutsche Oberkommando bei der Premiere von Stolz Der Nation anwesend sein wird, ist geplant, das Kino während der Vorführung in die Luft zu sprengen. Dafür soll sich Lt. Hicox, seines Zeichens Experte im Bereich des deutschen Films in den 20ern, in Frankreich mit den Basterds, sowie einer britischen Doppelagenten, dem deutschen Filmstar Bridget von Hammermark (Diane Kruger), zusammen tun. Treffpunkt hierfür ist die Kellertaverne La Louisiane.

Revenge Of The Giant Face

Mittlerweile hat sich sogar Adolf Hitler (Martin Wuttke) für die Premiere angekündigt. Die Fäden beginnen zusammenzulaufen. Sowohl die Basterds, als auch Shosanna, beginnen ihre Vornehmungen unabhängig voneinander in die Tat umzusetzen. Nur Oberst Landa druchschaut die Intrigen, doch auch er hat seine eigenen Pläne...


Lange, lange hat es gedauert, bis Quentin Tarantino das Drehbuch zu seinem Kriegsfilm beenden konnte. Ingesamt mehr als zehn Jahre. Inspiriert von Genre-Klassikern wie Das Dreckige Dutzend oder Agenten Sterben Einsam, wollte Tarantino seine Version von einem A-Bunch-Of-Guys-On-A-Mission-Film, einem Subgenre des Kriegsfilms, umsetzen. Doch wie zu vermuten war, lässt Tarantino die Genrekonventionen fast vollkommen beiseite und blickt über den Tellerrand hinaus. Inglourious Basterds ist nicht geprägt von Schlachtszenen, wie man hätte vermuten können, sondern bezieht seine Stärke und sein Tempo vorallem aus den Dialogen.

Die Trailer und die Vermarktung des Films, konzentrierte sich hauptsächlich auf die Basterds, insbesondere in Person von Brad Pitt. Hier wurden teilweise falsche Erwartungen geweckt. Brad Pitt trägt einen wichtigen Teil zu Inglourious Basterds bei, jedoch ist er nur ein Mitglied eines großen Ensembles. Hier ragen vorallem Melanie Laurent und Christoph Waltz heraus.

Die Suche nach einem passenden Darsteller für den Oberst Hans Landa entpuppte sich für Tarantino als eine fast unlösbare Aufgabe. Landa lebt von seinem Charm, der untergründigen Gefahr, die von ihm ausgeht und vorallem von seinem sprachlichen Talent. Als man die Suche schon fast aufgeben wollte und Tarantino die Rolle des Oberst Landa schon als vermeintlich "unspielbar" bezeichnete, betrat Christoph Waltz den Raum und las einen Teil der Eröffnugsszene. Tarantino und Produzent Lawrence Bender blickten sich in die Augen und wussten, sie hatten den richtigen Mann gefunden. Es ist beeindruckend, wie Waltz in englisch, deutsch, französisch und italienisch durch den Film tänzelt. Es bedarf keiner großen Gesten, die Gefahr, die von ihm ausgeht ist unmittelbar spürbar. Landa ist ein Mann, der mit den Menschen spielt und im Hintergrund alles schon durchschaut hat und somit selbst die Fäden zieht, was jedoch erst bei der zweiten Sichtung auffällt. Die besten Bösewichte in Filmen waren immer die Charaktere, die man sowohl hasste und zugleich liebte. Genau das trifft hier zu. Inglourious Basterds wäre ohne ihn nicht vorstellbar. Waltz, der in Deutschland über den Status eines Fernsehdarstellers nie hinaus gekommen ist, bekam zurecht den Darstellerpreis in Cannes und sollte bei der Oscar-Verleihung ein gewichtige Rolle spielen. Kurzum, es ist die Rolle seines Lebens und zugleich einer der besten Charaktere, die Tarantino je geschaffen hat.

Sprache spielt aber nicht nur bei Waltz eine wichtige Rolle. Der ganze Film ist geprägt von der sprachlichen Authentizität. Die Deutschen sprechen deutsch, die Franzosen französisch und die Amerikaner/Engländer englisch. Somit mutete Tarantino dem amerikanischem Publikum zu, zwei Drittel des Films Untertitel lesen zu müssen. Für die lesefaulen Amerikaner ein gewagter Ansatz, der sich aber gelohnt hat. Insbesondere den männlichen deutschen Darstellern kommt dies zugute. Sowohl Gedeon Burkhard, als auch Til Schweiger, der das Privileg hatte, den vielleicht coolsten Charakter des Films zu spielen, überzeugen auf ganzer Linie. Man freut sich immer wieder, wenn Billy Prestons Slaughter erklingt und Til Schweiger dazu, als eine Art deutscher Mr. Blonde, Nazis erschießt, ersticht oder erwürgt. Hervorzuheben ist auch August Diehl, der als schmieriger SS-Sturmbannführer Hellstrom seine, leider wenigen Szenen, dominiert.

Einzig Diane Krugers Darstellung der Bridget von Hammersmark bleibt sehr blass. Sie schafft es zu keiner Sekunde, die Ausstrahlung einer Marlene Dietrich oder Hildegard Knef aufzubauen. Krugers Leistung leidet vorallem unter der Tatsache, dass ihre Aussprache der deutschen Dialoge teilweise sehr merkwürdige Formen annimmt. Dies könnte damit zusammenhängen, dass sie nun schon seit mehreren Jahren in Frankreich und Amerika lebt, und somit die deutsche Sprache "verlernt" hat...

Sehr kritisch wurde die Besetzung des Donny Donowitz gesehen. Doch auch hier gibt es Entwarnung: Hostel-Regisseur Eli Roth, der für die Rolle einiges an Muskelmasse zugelegt hat, gibt einen überzeugenden "Bärenjuden" ab. Ähnliches gilt für Brad Pitt, der als Hillbilly teilweise vielleicht etwas zu sehr auf die Tube drückt, vorallem, was seinen Akzent betrifft, jedoch ist auch er die passende Besetzung als Aldo "The Apache" Raine.

Auch wenn Diane Kruger ihrer Figur keine Farbe verleihen konnte, rettet Melanie Laurent den weiblichen Beitrag in diesem Film. Als jüdischer Racheengel bleibt sie von der ersten Sekunde an präsent.

Die restlichen Darsteller will ich hier mit einem Zitat von Ken Duken abschließen, der gesagt hat, dass er "sogar eine Kanonenkugel spielen würde, nur um in einem Tarantino-Film zu sein". So findet sich das Who is Who der deutschen Darstelleriege in Inglourious Basterds: Daniel Brühl, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Christian Berkel, Ludger Pistor, Jana Pallaske... selbst Ärzte-Mitglied Bela B. hat einen kleinen Cameoauftritt als Kinoanweiser.

Nach der Premiere in Cannes wurde in der Presse häufig die Dialoglastigkeit des Films kritisiert, eine Tatsache, die verwundert, da dies schon immer eines der Stilmittel Tarantinos war. Einzig zu bejahen ist dies in Kapitel 3, in welchem der Film etwas an Fahrt einbüßt. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Darstellung der Basterds. Bis auf Aldo Raine, Donny Donowitz, Hugo Stiglitz und Wilhelm Wicki, bleiben die anderen Basterds Figuren ohne jeglichen Hintergrund, die in einer Szene noch da sind und ab dieser nie wieder auftauchen. So starben viele Basterds wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Grundsätzlich ist der Film in drei Höhepunkte aufzuteilen. Der erste wäre die Eröffnungszene, die fast 20 Minuten andauert. Geprägt von Stilmitteln, die den Italo-Western von Sergio Leone entnommen sind - insbesondere die Eröffnungsszene aus Zwei Glorreiche Halunken. Die Kameraarbeit ist hier besonders hervorzuheben. Robert Richardson liefert hier ähnlich herrausragende Arbeit, wie Tonino Delli Colli damals in der Zusammenarbeit mit Sergio Leone.

Der zweite Höhepunkt dürfte die "La Louisiane-Szene" sein. Der Regisseur selbst beschrieb die Sequenz als eine Art "Mini-Reservoir Dogs". Wiederum fast 20 Minuten lang, liefert hier Tarantino vielleicht eine der besten Arbeiten in seiner Karriere ab.

SPOILER ANFANG:


Der dritte und zugleich "heißeste" Teil des Films ist das große Finale. Während die meisten Kriegsfilme verzweifelt versuchen, die Realität so gut wie möglich zu imitieren, wirft Tarantino alle Konventionen beiseite und schreibt das Ende des Zweiten Weltkrieges um. Wenn man in die Augen von Eli Roth blickt, während er den Körper von Hitler mit Kugeln durchsiebt, weiß man, dass es schon lange ein Bedürfnis nach der Verwirklichung einer jüdischen Rachephantasie gab. Hitler wird hier nicht nur getötet, sondern im wahrsten Sinne des Wortes "zerfetzt". Der Jude Roth, der übrigens die Regie für den deutschen Propagandafilm Stolz Der Nation übernahm, bezeichnete Inglourious Basterds selbst als einen "Kosher Porn". Selten gab es in den letzten Jahren einen solch überzeugenden und gut geschnittenen (Sally Menke sollte an dieser Stelle erwähnt werden) Klimax oder um es mit den Worten von Donny Donowitz zu sagen: "FUCK A DUCK!"

Diane Kruger mag vielleicht nicht sonderlich gut deutsch sprechen und hat auch nicht die Ausstrahlung einer UFA-Diva, jedoch kann sie erstaunlich gut sterben. Die Szene, in der sie von Oberst Landa erwürgt wird - die Hände die sie würgten waren übrigens die von Tarantino selbst - ist eine der sowohl verstörendsten, als auch besten des ganzen Films.


SPOILER ENDE

An Gewalt sparte Tarantino in seinen Filmen nie, doch selten - ausgenommen vielleicht Kill Bill Vol. 1 - war er so blutig. Es wird heiter skalpiert, geschlitzt, erstochen, geschossen und in Wunden herumgefingert. Köpfe werden von Baseballschlägern zermanscht oder von Maschinengewehren zerfetzt. Tarantino geht mit Nazis nicht gerade zimperlich um, oder um es mit den Worten von Hugo Stiglitz zu sagen: "Say 'Auf Wiedersehen' to your Nazi balls."

Tarantino verwunderte viele im Vorfeld wegen de Auswahl eines David Bowie Songs, doch gerade dieser entpuppte sich als wahrer Glücksgriff. Die gesamte Montage von Shosannas Vorbereitungen auf den großen Premieren-Abend wird grandios untermalt von Cat People. Eines der Lieder, die Tarantino schon lange mal verwenden wollte, war Ennio Morricones Un Amico. Das sehr melancholische Stück fand seinen Einsatz an einer ungewöhlichen Stelle und steht somit im Kontrast zur visuellen Gewalt. Gerade dieser Kontrast ist es aber, der diesen Moment zu einem der einprägsamsten macht.

"Ich habe es geliebt Hitler zu schreiben", so Tarantino. Gerade in Deutschland ist man mit der Darstellung des "Führers" sehr zart besaitet. Entweder kommen dabei überaus nachdenkliche und ernste Darbietungen heraus (Der Untergang) oder eben lächerliche und qualitätsarme (Mein Führer). In Inglourious Basterds ist Hitler eben genau das, wie er vom Ausland aufgenommen wurde: ein schreiender, kleiner Mann mit fettigen Strähnen und schwarzem Bärtchen. Tarantinos Hitler ist eine Karrikatur des Bösen und somit unbedenklich zu "konsumieren". Er hat gut daran getan, an dieser Stelle niemanden auf die Füße zu treten.

1978 drehte Enzo G. Castellari (Keoma) einen Film, der in Deutschland unter dem Titel Ein Haufen Verwegener Hunde veröffentlicht wurde. In Amerika erschien der Film unter den Titeln G.I. Bro (wohl um Fred "The Hammer" Williamson als Vermarktungsfigur zu nutzen) und Inglorious Bastards. Tarantino betonte, dass sein Film kein Remake sei, sondern, dass er die Rechte nur wegen des Titels gekauft habe. Und somit ist sein $70 Millionen teures Werk ein vollkommen eigenständiger Film. Erstmals erwähnte Tarantino Inglourious Basterds 1998, nach der Veröffentlichung von Jackie Brown. Viel Zeit ist seitdem vergangen. Es kusierten Gerüchte, dass Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger, Bruce Willis, Eddie Murphy und Michael Madsen als Besetzung bereits "eingeplant" seien. Doch wie so viele Gerüchte um Tarantino, war auch das eine Ente. Jedoch hat sich das Warten gelohnt. Man erlebt in diesen 150 Minuten den besten Tarantino seit Pulp Fiction und angeblich gibt es schon Pläne für ein Prequel... Ein Gerücht, auf dessen Auflösung hoffentlich nicht wieder über ein Jahrzehnt gewartet werden muss.

"Inglourious Basterds gehört in eurer DVD-Sammlung zwischen Scarface und GoodFellas", so Tarantino. Und so soll es dann auch sein!

Bis auf die erwähnten kleinen Schwächen bleibt Inglourious Basterds ein (fast) makelloser Film. Die Metapher, dass das Kino die Welt rettet, bleibt eine süßliche, aber schöne Phantasie. Prädikat: besonders wertvoll

9 Punkte

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