Nach „Death Proof“ hatte ich die Befürchtung, dass bei Tarantino langsam die Luft raus wäre, dass er sich inmitten seiner Filmzitate verstricken und wiederholen würde. Nicht, dass ich „Death Proof“ schlecht fand, im Gegenteil, mir hat diese „Grindhouse“-Hälfte gut gefallen, auch wenn ich den Part von Robert Rodriguez noch besser fand. Aber es machten sich schon leichte Abnutzungserscheinungen bemerkbar, und der Film wirkte ein bisschen zu selbstverliebt und aufs Zitieren um der Zitate willen aus. Nach den ersten durchwachsenen Reaktionen auf „Inglourious Basterds“ nach der Cannes-Premiere sah ich diese Befürchtung schon bestätigt, aber Tarantino und sein neuer Film haben mich zum Glück eines Besseren belehrt. „Inglourious Basterds“ ist lang, vielleicht an manchen Stellen sogar zu lang – aber ich muss diesen überraschend komplexen und vielschichtigen Film noch mal irgendwann sehen, um das wirklich einschätzen zu können. Auf den ersten Blick kann ich noch nicht sagen, ob der Film „nur“ sehr gut oder ein richtiges
Meisterwerk ist.
Ja, natürlich weist der Film alle typischen Tarantino-Merkmale auf: Starke Dialoglastigkeit, Humor, explizite Gewaltszenen, wunderbare Kamerafahrten und Einstellungen sowie den gewohnt genialen und stets stimmigen Musikeinsatz – und natürlich viele Filmreferenzen. Wie gehabt also; nichts Neues, könnte man denken. Dazu kommt eben aber auch eine starke „Jackie Brown“-Schlagseite, mit der wohl die wenigsten gerechnet hätten. Soll heißen: Psychologisch ausgefeilte Charaktere und eine Story mit – angesichts der Thematik und der Tatsache, dass der Film eigentlich ein Remake eines italienischen Trash-Klassikers ist – erstaunlichem Tiefgang und Anspruch. Trotzdem spielt der Film selbstverständlich wieder komplett im Tarantino-Paralleluniversum, in dem auch mal ungeniert die Geschichte verdreht wird, und Hitler sowie die gesamte NS-Führungsriege am Ende sterben. Ich habe noch nie einen Film gesehen, der derartig homogen die Gegensätze Trash und Anspruch miteinander verbindet, nicht einmal „Pulp Fiction“. Und einen
originelleren WW2-Film ebenso wenig. Am ehesten fällt mir als Vergleich noch Paul Verhoevens ebenfalls sehr gelungener „Black Book“ ein, welcher zum Teil einen ähnlichen Ansatz hatte. Der Österreicher Christoph Waltz wurde für seine geniale Darstellung, die trotz vergangener Großtaten von John Travolta („Pulp Fiction“), Uma Thurman („Kill Bill“) oder Robert De Niro („Jackie Brown“) die vielleicht bisher beste in einem Tarantino-Film ist, schon in Cannes als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet und kann sich auch Chancen auf eine
Oscar-Nominierung ausrechnen.
Mit dem originalen „Inglorious Bastards“ (deutscher Titel: „Ein Haufen
verwegener Hunde“) aus dem Jahre 1977 von Enzo G. Castellari – der
selbstverständlich auch in einen kleinen Gastauftritt zu sehen ist – hat Tarantinos Version außer seinem leicht veränderten Titel übrigens fast nichts gemein. Sondern es handelt sich im Grunde genommen um ein komplett eigenständiges Werk, vielleicht sogar Tarantinos eigenständigstes bisher. Insofern ist die Bezeichnung „Remake“ ziemlich irreführend. Ganz wichtig ist es jedenfalls, diesen Film in der Originalfassung zu sehen, da die verschiedenen verwendeten Sprachen und sogar die Akzente eine wichtige Rolle spielen. Deutsch synchronisiert geht sehr viel verloren, da ich fast noch nie einen Film gesehen habe, der in dem Ausmaß von seiner Mehrsprachigkeit lebt. Wenn sich Brad Pitts Charakter beispielsweise mit breitem amerikanischem Akzent am Italienischen versucht, sorgt das für einige der größten Lacher im Film. Etwa zur Hälfte wird im Film sowieso deutsch gesprochen, der Rest ist größtenteils auf französisch und englisch, ein paar Passagen sind italienisch. Sogar die gelbe Farbgebung der Untertitel scheint nicht zufällig gewählt.
Fazit: Tarantino in Bestform. Er hat es souverän geschafft, sich aus einer möglichen kreativen Sackgasse herauszuwinden und mit „Inglourious Basterds“ seinen reifsten und erwachsensten Film abgeliefert, der aber
trotzdem seine Trash-Wurzeln nicht verleugnet. Zudem ist der gesamte Film eine sehr sympathische Liebeserklärung an das Kino an sich und wirkt dabei weit weniger selbstverliebt und selbstzweckhaft als beispielsweise „Death Proof“. Schon jetzt totsicher einer der zehn besten Filme des Jahres 2009.