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Zwei Jahre nach seiner großartigen 70er-Car-Crash-Hommage „Death Proof“ als Beitrag zum zu Unrecht gefloppten QT/RR-Bahnhofskino-Doublefeature „Grindhouse“ präsentiert Regie-Meister Quentin Tarantino nun endlich seinen lange erwarteten Kriegsfilm „Inglorious Basterds“ – der hat mit dem (beinahe) gleichnamigen Italoreißer von Enzo G. Castellari zwar nur Genre und Setting gemein, gibt damit aber bereits im Titel einen Vorgeschmack auf Tarantinos einmal mehr dominierende Zitatenfreudigkeit.

„Es war einmal…im von Nazis besetzten Frankreich“: Mit der Eingangstexteinblendung spielt Tarantino nicht nur auf Sergio Leones „Once Upon A Time in the West“ an und untermauert die Hommage augenblicklich mit Italowestern-Klängen, auch bereitet er den Zuschauer auf den ganz und gar märchenhaften Charakter seiner eigenwillig-schrägen WW2-Story vor, die auf unheimlich charmante und dabei stets einen Charakter von Glabwürdigkeit und Realismus bewahrende Weise die Geschichte umschreibt und der Nazi-Herrschaft in doppelterlei Hinsicht durch die Macht des Kinos ein Ende setzt. Einmal mehr durchs beliebte Tarantino-Stilmittel der Kapiteleinteilung strukturiert, erzählt „Inglorious Basterds“ zwar einerseits von der titelgebenden, jüdischsstämmigen US-Spezialeinheit, die unter Führung des Indianer-Nachfahren Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) hinter den feindlichen Linien Jagd auf Naziskalps macht, verliert seine eigentlichen Protagonisten aber oftmals regelrecht aus den Augen, indem er die Privat-Vendetta der jungen Französin Shosanna Dreyfuss (Melanie Laurent), deren Familie vom SS-Standartenführer und passionierten Judenjäger Hans Landa (Christoph Waltz) ausgelöscht wurde, gegen das Nazi-Regime als zweiten zentralen Handlungspfeiler etabliert. Das Ziel, auf das die einen wie die andere hinarbeiten, ist dabei dasselbe – und der Erfolg wird sich wider der historischen Realität einstellen, was das i-Tüpfelchen auf der schrägen Klasse von „Inglorious Basterds“ markiert.

Durch die Kapitelstruktur präsentiert sich der Streifen als episodenhaft aufgebauter Kriegsfilm, dessen wenige, zumeist an einer einzigen Location verweilende Szenen Tarantino in der ihm eigenen Klasse und ruhigem Tempo schier ewig ausdehnt, ohne das Geschehen bei einer stattlichen Laufzeit von zweieinhalb Stunden jemals langweilig oder zäh wirken zu lassen. Wer nach dem Trailer einen bleihaltigen Nonstop-Actionreigen erwartet hat, wird sich alsbald ernüchtert sehen, doch da die Action abgesehen von „Kill Bill Vol.1“ noch in keinem Tarantino-Film das zentrale Element ausmachte, wundert es auch nicht, dass die „Basterds“ ihre Klasse einmal mehr genialen Dialogen, ebensolchen Schauspielerleistungen, der raffinierten Inszenierung, perfekten Musikauswahl und durch all das generierten exzellenten Atmosphäre zu verdanken. 

Tarantino sprudelt wie gewohnt über vor grandiosen Ideen auf inhaltlicher wie inszenatorischer Ebene und man glaubt ihm gerne, dass die ursprüngliche Skriptfassung Stoff für eine ganze TV-Serie gegeben hätte. Besonders stark neben der leichtfüßigen Geschichtsverfälschung ist die Verquickung des WW2-Settings mit überbordenden Western-Motiven, die von der herrlich zynisch-schrägen Plotbasis des Nazi-Skalpierens bis zum Spaghetti-Soundtrack von Ennio Morricone reicht. Auf musikalischer Ebene hat sich Tarantino ohnehin einmal mehr selbst übertroffen: Neben den stimmungsvollen Italowestern-Sounds sorgt vor allem die Platzierung von David Bowies „Cat People (Putting Out Fire)“ im unmittelbaren Vorfeld des Finales im Kino, während Melanie Laurent sich schminkt und vorbereitet, in Verbindung mit den genial komponierten Bildern für pure Magie. Die herrscht auch, wenn am Ende das Lichtspielhaus in Flammen aufgeht und Laurents Gesicht schwarz-weiß auf Rauch und die verbrennende Leinwand projiziert wird, während im Vordergrund Flammen lodern und zwei der Basterds unerbittlich mit Maschinenpistolen in den von panischen Nazis gefüllten verschlossenen Saal holzen.

Von der Kameraführung bei Dialogen bis zu markig-kreativen Texteinblendungen zur Vorstellung von Charakteren, von innovativen Perspektiven bis Magic Moments wie den genannten – inszenatorisch vollbringt Tarantino in „Inglorious Basterds“ ein Meisterstück und auch die charakteristische, für zahlreiche enorm witzige Momente sorgende Klasse der Dialoge veredelt das Nazimärchen durch die Bank. Zwar nicht auf unerreichtem „Pulp Fiction“-Niveau, dafür aber mehrsprachig: Um größtmögliche Authentizität bemüht und genervt von der Vernachlässigung des Aspekts der Sprachbarriere in nahezu allen Kriegsfilmen lässt Tarantino all seine Charaktere in der jeweiligen Landessprache sprechen (eine gewichtige dem Italienischen zukommende Rolle sorgt für das Comedy-Highlight des Films) – und besetzte sie auch dementsprechend.So ist im Cast von „Inglorious Basterds“ ein enormer Anteil deutscher bzw. deutschsprachiger Schauspieler vertreten, für den man das Who’s who hiesiger Prominenz engagierte:
Neben der Filmen wie „Troja“ und „National Treasure“ sei dank auf internationalem Parkett ja bereits etablierten Diane Kruger sowie dem ebenfalls US-erfahrenen Til Schweiger als schweigsamem Nazi-Überläufer in den Reihen der Basterds tummeln sich unter anderem Daniel Brühl und Gedeon Burkhard, für eine Nebenrolle stieß man gar auf Sat1-„Zack“ Volker Michalowki. Mit Cameos der in die Original-„Bastards“ involvierten Bo Svenson und Enzo G. Castellari sowie Rollen für Mike Myers und „Hostel“-Star Eli Roth, der bereits in „Death Proof“ mit von der Partie gewesen war und hier als Gastregisseur den Film-im-Film-Propagandastreifen „Stolz der Nation“ inszenierte, als Baseballschläger-schwingendem Nazischreck ist weitere Prominenz vertreten, der darstellerische Glanz des Films ruht aber ganz und gar auf zwei Mitwirkenden: Zum einen auf einem als Lt. Aldo Rayne ungemein kultig-coolen, einen herrlichen Spruch nach dem anderen raushauenden Brad Pitt, zum anderen auf dem alles und jeden an die Wand spielenden Österreicher Christoph Waltz als unberechenbarem SS-Psychopathen Landa – wenn ihm diese in Cannes mit dem Darstellerpreis honorierte Glanzleistung nicht zu internationalem Durchbruch verhilft, was dann.

Freilich wäre Tarantino nicht Tarantino, gäbe es im Verlauf seiner ruhig inszenierten Story nicht auch einige derbe Gewaltexzesse – und zumindest auf diesem Gebiet hält der Film, was der Trailer suggerierte. Wenn es in „Inglorious Basterds“ zur Sache geht, dann richtig: Die Shootouts, alles in allem lediglich zwei an der Zahl, sind von ungemeiner Wucht und Brutalität, überwältigen den Zuschauer mit einem Inferno blutigen Bleigewitters und auch daneben wird gefoltert, gequält und vor allem – detailliert skalpiert. Dass die FSK bereit war, das mit einer FSK-16 durchzuwinken, macht Staunen.

Fazit: Nach dem gelungenen „Grindhouse“-Beitrag „Death Proof“ präsentiert Quentin Tarantino mit dem langerwarteten „Inglorious Basterds“ sein nächstes Meisterstück: Er lässt das Kino über die Geschichte siegen und zelebriert von exzellenten Dialogen über zahlreiche Zitate bis zu einem enorm atmosphärischen Soundtrack all seine bewährten Trademarks in gewohnter Qualität, kann auf eine hochkarätige, von einem tollen Brad Pitt und einem monströs guten Christoph Waltz angeführte Darstellerriege bauen und generiert durch inszenatorische Hochleistung den einen oder anderen grandiosen Magic Moment. Ein Tarantino, wie man ihn sich nur wünschen kann.

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