Und Adolf Hitler lacht. Tränen quellen vor Begeisterung aus seinen Augen und auch der neben ihm sitzende Joseph Goebbels (Sylvester Groth) kann kaum an sich halten. Entsprechend fällt Hitlers (Martin Wuttke) Urteil aus: „Das ist dein bisher bester Film!“ – Fast verlegen freut sich Goebbels über dieses Kompliment. Ihre beinahe kindliche Begeisterung gilt dem Film „Stolz der Nation“ über einen deutschen Soldaten, der von einem Turm aus ein Scheibenschiessen auf amerikanische Soldaten veranstaltet. Die wehrlosen Opfer werden auf das Schönste abgeschlachtet, fallen in Brunnen oder sterben mit den skurrilsten Verrenkungen. Hitler und Goebbels geben (nicht nur) in dieser Szene lächerliche Figuren ab, aber wie sehr unterscheidet sich ihre Reaktion auf diesen Film von denen, die sich am brutalen Niedermetzeln der Truppe um Aldo Raines (Brad Pitt) Truppe, genannt die „Inglourious Basterds“, erfreuen?
„Stolz der Nation“ wurde von Eli Roth gedreht, bekannt geworden als Regisseur für Horrorfilme wie „Hostel“ oder „Cabin Fever“, der nicht ohne selbstironischen Hintergrund von Tarantino auch als Killer besetzt wurde, der seine meist wehrlosen Opfer mit einem Baseballschläger erschlägt, was der Film in einer Szene entsprechend genüsslich zelebriert. Man spürt an vielen Details von „Inglourious basterds“, dass sich Tarantino in seiner Inszenierung um keine Erwartungshaltung scherte, aber diese beiden Szenen stehen auch beispielhaft für die Frage, ob diese gedankliche Unabhängigkeit auch transportiert wird?
Die Figuren, die Tarantino in seinem neuen Film auftreten lässt, sind bekannte Stereotypen seines ganz persönlichen Panoptikums – tumbe, brutale Schläger, die Freude am Abschlachten haben, intelligente Sadisten, die sich lange an den Windungen ihrer Opfer delektieren, bevor sie zuschlagen, feige Idioten, die ihre unverdiente Macht ausüben, bis sie an einen Stärkeren gelangen, oder schöne Frauen, die tödliche Pläne schmieden. Diese Typen hat man in seinen Filmen alle schon einmal gesehen, aber hier werden sie erstmals in eine reale Historie integriert und teils unerwartet besetzt. Während die Nazi-Oberen um Adolf Hitler noch die erwartet unfähigen, selbstverliebten Machthaber abgeben, sind es ausgerechnet die sie bekämpfenden Amerikaner, die als etwas einfach gestrickte Schläger auftreten. Dagegen verkörpert die „SS“ hier eine kultivierte und hoch gebildete Kaste, die nicht nur weit über ihren politischen Anführern steht, sondern gegen die auch die „Inglourious Basterds“ letztlich wenig ausrichten können.
Tarantino Verharmlosung der tatsächlichen Ereignisse zu unterstellen, wäre allerdings völlig falsch, denn unter dem kultivierten Deckmäntelchen bleiben der ausgeprägte Sadismus, der Rassismus und letztlich die Lust an der Tötung Unschuldiger immer spürbar, aber in der Figur des Oberst Landa (Christoph Waltz) und des SS - Offiziers Hellstrom (August Diehl) lässt Tarantino faszinierende Persönlichkeiten auf die Zuschauer los, die in ihrer Mischung aus Überlegenheit und ihrer verabscheuungswürdigen historischen Rolle polarisieren müssen.
„Inglourious Basterds“ ist typisches Tarantino-Kino mit seinen langen Dialogen, den vertrauten Figuren und der Unausweichlichkeit, die sich schon im ersten Moment einer Szene zeigt, obwohl es bis zu dieser Konsequenz noch lange dauern kann. Gleichzeitig ist der Film auch eine Abkehr, ein ironischer Bruch mit den eigenen Traditionen, da die Wahl eines historischen Hintergrunds, Vorgaben hinsichtlich der Bewertung von Gruppen und Verhaltensmuster mitbringt, die die Reinheit der üblichen Kategorisierung in Frage stellt.
Das das Tarantino nicht nur gewusst, sondern auch gewollt haben muss, kann man am ersten Kapitel (von insgesamt fünf) erkennen, dass gleichzeitig einen frühen Höhepunkt des Films darstellt, weil es in seiner Aussagekraft für sämtliche weitere Vorgänge verantwortlich bleibt. Oberst Landa trifft in dieser Szene nicht auf einen Unterlegenen, sondern auf Perrier LaPadite (Dennis Menochet), einen französischen Bauern, der schon lange eine jüdische Familie bei sich versteckt. La Padite wirkt souverän und lässt sich auch von Landa zuerst nicht aus der Ruhe bringen, aber er wird zunehmend in einer Art demontiert, die auf Landas konkrete Frage, ob er Staatsfeinde bei sich versteckt, nur noch eine Antwort zulässt. Der ausschweifende, in zwei Sprachen stattfindende Dialog, hat nur wenig mit den üblichen Gesprächen aus früheren Tarantino-Filmen zu tun, denn er leistet sich keine unnötigen Schlenker oder versteckte Anspielungen, sondern ist auch in seiner Länge unbedingt notwendig.
Einerseits vermittelt er den hohen Intellekt des SS-Mannes, den sein Beiname „Der Judenjäger“ mit einem gewissen Stolz erfüllt, andererseits auch den Missbrauch dieses Könnens. So wie Landa willkürlich Töten lässt, so verschenkt er auch Leben, indem er die junge Shosanna (Mélanie Laurent) laufen lässt, was erst die weiteren Ereignisse in Gang setzt.
Obwohl Tarantino diese Szene musikalisch mit Zitaten des Italo-Western untermalt, bleibt er im weiteren Verlauf des Films erstaunlich zurückhaltend mit der Anwendung von Zitaten oder Insider-Verweisen, was die Eigenständigkeit noch unterstreicht. Auch der Bruch mit historischen Realitäten, die sich der Film ganz ungeniert leistet, funktioniert nur, weil er diese Verfälschungen in einen genau recherchierten historischen Zusammenhang bringt. Das erste Kapitel gibt in seiner Struktur die damalige Realität genau wieder und sollte trotz der geistig, charmanten Ergüsse des österreichischen „Judenjägers“, auch Unbehagen beim Betrachter hervorrufen. Doch gelingt das auch?
Neben den beeindruckenden Leistungen von Waltz und Diehl, wirkt Till Schweigers Rolle als wortkarger Nazi-Killer eher parodistisch in ihrer Einseitigkeit, während Daniel Brühls vordergründig unauffällige Darstellung des Soldatenhelden Frederic Zoller signifikant ist für die Zweideutigkeit des Films. Allein die Wahl Brühls für die Rolle verdeutlicht schon Tarantinos Intention, denn Brühl steht für einen netten, höflichen und umgänglichen Typ. Als solcher erscheint er auch, als er fast schüchtern Kontakt zu Shosanna aufnimmt, die inzwischen unter falschem Namen in Paris lebt. Auch er wirkt kultiviert, aber anders als ein Landa scheint er seine Fähigkeiten nicht zu missbrauchen. Fast peinlich berührt wirkt er angesichts seiner Popularität als Kriegsheld und als Shosanna irrtümlich als seine Freundin bezeichnet wird, stellt er das sofort richtig. Doch dieses Verhalten stellt sich als Fassade heraus, die einen eingebildeten, selbstverliebten Charakter verbirgt, der jede Ablehnung als persönlichen Affront begreift. Hier zeigt sich die Nazi-Fratze hinter einem hübschen, freundlichen Gesicht – ganz anders als in der sadistischen Offensichtlichkeit eines Oberst Landa oder einer lächerlichen Figur wie Adolf Hitler.
Geschickt baut Tarantino in fünf Kapiteln, die jede für sich in Zeit und Raum begrenzt sind, eine komplexe Story auf, in der die Namen gebenden „Inglourious Basterds“ nur eine Nebenrolle spielen. Das Ergebnis ist beeindruckend und nimmt in seiner Respektlosigkeit nicht nur das so gern korrekt sein wollende historische Genre auseinander, sondern leistet sich auch einen ironischen Umgang mit den eigenen Stilmitteln, veralbert geschickt die Erwartungshaltung der Fans und bleibt sich doch treu in seiner Filmbegeisterung. Das alles vor dem realen Hintergrund eines strategisch ausgeführten Massenmordes. Letztlich stellt sich auch ein Film wie „Inglourious Basterds“ dieser historischen Tatsache, aber Tarantino kümmert sich dabei nicht um die üblichen vorgegebenen Muster, weshalb er es dem Betrachter überlässt, reine Freude oder Unbehagen bei seinem Film zu verspüren. „Inglourious Basterds“ sollte Fragen aufwerfen und nachdenklich machen, aber ob er das auch tatsächlich bewirkt, ist am wenigsten Tarantinos Problem (8,5/10).