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Schon früh hatte Tarantino über „Inglorious Basterds“ gesprochen, ihn als „Zwei glorreiche Halunken“ im besetzen Frankreich beschrieben und bunt herumgecastet, da durfte man gespannt auf das Ergebnis sein.
Doch bevor man die titelgebenden Basterds kennenlernt, führt Tarantino in einer brillanten, im Leone-Stil gedrehten Szene Hans Landa (Christoph Waltz), genannt Der Judenjäger, ein. Passend zum Leone-Stil heißt diese Szene, die eines der fünf Kapitel von „Inglorious Basterds“ ausmacht, dann auch „Once upon a Time in Nazi-occupied France“. Sie besteht quasi nur dem Dialog zwischen Landa und einem Milchbauern, ist aber hochspannend und zeigt mit welcher Präzision Landa seine Gegenspieler verbal bricht.
Es kommt die Einführung der Basterds, einer zum Großteil jüdischen Spezialeinheit, die Nazis besonders grausam massakriert, um Angst zu säen. Lieutenant Aldo Raine (Brad Pitt) steht ihr vor, des Weiteren gehören der Schlägertyp Donny ’The Bear-Jew’ Donowitz (Eli Roth) und der deutsche Deserteur Hugo Stiglitz (Til Schweiger) zu der Truppe. Diese Figuren werden ansatzweise charakterisiert, über den Rest erfährt man gar nichts, womit Tarantino den flachen Söldner-Flicks huldigt, aber auch Publikumserwartungen unterläuft – immerhin sind sie die Titelgeber.

Der Hauptteil spielt 1944, als der Krieg sich gerade wendet. Die Basterds haben sich etabliert, während Joseph Goebbels (Sylvester Groth) eine Filmpremiere im besetzten Paris plant, zu der die gesamte Führungsriege kommen soll. Ein lohnenswertes Ziel, das Landa schützen soll…
Nach dem netten, aber arg selbstverliebten „Death Proof“ hat Tarantino mit „Inglorious Basterds“ ein Werk geschaffen, das alte Traditionen ebenso aufleben lässt, wie es sie bricht. Der Titel lehnt sich an Enzo G. Castellaris „Inglorious Bastards“ an, die Schrifteinblendungen sind quasi alle Retro, die Musik zitiert verschiedene Vorbilder und die Bildkomposition lehnt sich oft an Italowestern, vor allem natürlich Sergio Leone an. Tarantino plündert in der Schatzkiste des Kinos, doch im Dialog bleibt derartiges oft außen vor. Sicher, man redet über den Film der Kriegszeit beim Gespräch vorm Kino, die Runde „Wer bin ich?“ in einer Kellerbar kommt nicht ohne Filmreferenzen aus, aber Tarantinos Hang das Thema beinahe totzulabern, der bleibt außen vor.

Nicht, dass die langen Dialoge fehlen würden, aber hier geht es nicht darum mit Popkulturwissen zu bonzen oder möglichst coole Sachen zu sagen. Stattdessen dienen sie oft dem reinen Spannungsaufbau. In einem Film, in dem es um Tarnen und Täuschen geht, stehen die Figuren andauernd unter Beobachtung und je länger sie einer Nazi-Befragung standhalten müssen, desto unerträglich wird das Ganze. Es sind quasi nur Dialoge, der Inhalt ist oft nicht wichtig und doch ist das Wie dermaßen fesselnd, dass es nie langweilig wird – und gegen Ende entladen sich diese Szenen immer in einer Gewaltexplosion.
Denn „Inglorious Basterds“ setzt im Gegensatz zum nominellen Castellari-Original nicht auf Action. Nur gelegentlich geht es mal rund und in einer Szene stellt Tarantino sogar den Übersichtsverlust seiner Protagonisten während einer Schießerei nach. Die Gewalt ist in diesen Szenen heftig, da werden blutige Einschüsse verteilt und Hakenkreuze in Stirne geritzt. Wie so häufig setzen diese kurzen Schockeffekte Akzente, beweisen, dass Tarantino immer noch gern mit dem Publikum spielt.

Mit akkurater Geschichtsrepräsentation hat Tarantino sicher nichts am Hut, das Ende schreibt die Historie mal ganz dreist rum, sein keifender Hitler ist eine Karikatur und gewisse Grausamkeiten des NS-Regimes erwähnt er erst gar nicht – Tarantino benutzt den Zweiten Weltkrieg als Spielwiese für seine Phantasien, wie dereinst das gute Expoitationkino. Mit political correctness ist da nicht viel, aber das hatte man von Anfang an nicht erwartet.
Da trifft es sich dann auch gut, dass sich „Inglorious Basterds“ selbst nicht ernst nimmt, seine Figuren bewusst als vordefinierte Typen anlegt und mit skurrilen Macken ausstattet. Stiglitz sagt zum Beispiel fast nie etwas, Landa scheint mehr Freude an seiner Detektivarbeit als an der NS-Ideologie zu haben und Raine labert konsequent mit breitem Tennesse-Akzent herum. Schon allein deshalb muss man den Film in seiner Originalfassung sehen, aber auch aus dem Grund, dass eine Synchro den dauernden, filmbestimmenden Wechsel zwischen deutscher, englischer, französischer und (kurz) italienischer Sprache nur kaputtmachen kann. „Inglorious Basterds“ lebt von dem Spiel mit der Sprachbarriere und Tarantino scheißt da konsequent auf die Faulheit diverser Zuschauer Untertitel lesen zu wollen – hier ist es Pflicht.

Es sei denn natürlich man kann in allen vier Sprachen so flüssig parlieren wie Christoph Waltz, der hier wirklich alles und jeden an die Wand spielt und zu Recht mit dem Darstellerpreis in Cannes ausgezeichnet wurde. Brad Pitt gibt den arroganten, etwas simplen Raine mit Elan, Til Schweiger war selten so cool wie hier und selbst aus Daniel Brühl kann Tarantino noch etwas herausholen. Der Rest vom Cast ist fast durchweg exquisit, es überzeugen Mélanie Laurent, Sylvester Groth, August Diehl, Michael Fassbender, Mike Myers und viele mehr. Nur zwei Schwachpunkte hat der Film. Zum einen die wenig talentierte Diane Krüger, die inmitten eines derart guten Ensembles natürlich besonders flau heraussticht. Zum anderen Tarantinos Buddy und Vollproll Eli Roth, der zwar sichtlich stolz auf seine dicken Oberarme ist, aber noch nicht mal ein wortloses Heraustreten aus einem dunklen Tunnel überzeugend spielen kann.

„Inglorious Basterds“ ist ein ungewöhnlicher Film über den Zweiten Weltkrieg, der Erwartungen unterläuft und ungeniert nach eigenem Gutdünken mit der Historie verfährt. Doch er ist wunderbar ungewöhnlich, fasziniert mit seinen brillanten überlangen Dialogszenen, um dann wieder schnelle Gewaltakzente zu setzen. Am Ende des Films sagt Aldo Raine: „I think this is my masterpiece.“ Ob Tarantino ihn da für sich sprechen lässt, keine Ahnung. Toll ist der Film auf alle Fälle.

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