Es war einmal im von Nazis besetzten Frankreich: Der deutsche Oberst Landa, gespielt von Christoph Waltz, lässt eine jüdische Familie ermorden, wobei eine der Töchter, gespielt von Melanie Laurent, entkommen kann. Drei Jahre später betreibt sie in Paris ein kleines Kino und lernt einen gefeierten deutschen Kriegshelden, gespielt von Daniel Brühl, kennen, dessen Heldentaten verfilmt werden. Er leitet alles in die Wege, damit die Premiere, zu der alle hochrangigen Mitglieder des SS-Regimes erscheinen wollen, in ihrem Kino gezeigt wird. Was er nicht weiß ist, dass die französische Jüdin plant, Hitler, Goebbels und Konsorten mitsamt des Kinos zu verbrennen. Was sie jedoch nicht ahnt, ist, dass eine Truppe amerikanischer Elitekämpfer, von den deutschen Soldaten als Basterds bezeichnet, ebenfalls einen Anschlag für die Premiere plant. Dabei werden die Basterds unter der Führung von Aldo Raine, gespielt von Brad Pitt, von einer deutschen Filmdiva, die zu den Briten übergelaufen ist, gespielt von Diane Krüger, unterstützt.
"Reservoir Dogs" war im Grunde nicht mehr als ein unnötig in die Länge gezogener Thriller, woraufhin mit "Pulp Fiction" ein zweiter, vollkommen überbewerteter Film von Quentin Tarantino folgte, der mit seinen ellenlangen, unsinnigen und krampfhaft auf cool getrimmten Dialogen meiner Meinung nach seinem Kultstatus nicht einmal im Ansatz gerecht wird. "Jackie Brown", "Kill Bill - Volume 2" und "Death Proof" sind im Grunde nichts als mittelmäßige Filme und dann bliebe noch "Kill Bill Volume 1", der zumindest unterhaltsam war, aber mit dem Prädikat Meisterwerk doch zu hoch bewertet ist. Bei "Inglourious Basterds" merkt man nun jedoch, dass Tarantino, der vor allem in seinen letzten Filmen enormen Spaß an brutalen, mitunter auch trashigen Szenen hatte, mittlerweile eine gewisse geistige Reife entwickelt zu haben scheint. Das sonst sehr vordergründig und primitiv verwendete Stilmittel Gewalt tritt deutlicher in den Hintergrund und, anders, als man es nach den ersten Trailern hätte erwarten können, ist dies hier nicht der Tagtraum eines skurrilen Krauskopfs, der sich ausmalt, wie es sein muss, während des zweiten Weltkriegs durch Frankreich zu rennen und Nazis zu töten. Vielmehr ist "Inglourious Basterds" ein kleines Meisterwerk mit zahlreichen Innovationen und Tarantinos erster Film, den ich als solches bezeichnen würde.
"Es war einmal", so wird Tarantinos Werk eröffnet, doch wie im Märchen geht es zunächst nicht weiter. Vielmehr erinnert das erste von fünf Kapiteln, das hauptsächlich aus dem enorm spannungsvollen Dialog von Oberst Landa und einem französischen Bauern, der Juden in seinem Keller versteckt, besteht, an einen knallharten Italo-Western, was durch die langsamen Kamerabewegungen und die Genre-typische Musik unterstrichen wird. So ertönen im Laufe des Films mehr als einmal altbekannte Klänge von Ennio Morricone. Was dann folgt, scheint ebenfalls einem Italo-Western entlaufen: Es kommt zur brutalen Erschießung der jüdischen Familie, woraufhin die entkommene Tochter auf Rache sinnt.
Zunächst wird jedoch der Plot um die Basterds eröffnet, die an den Nazis, die in ihre Fänge geraten, Exempel statuieren. Die betreffenden Gewaltakte sind relativ explizit dargestellt, aber quantitativ derart rar gesät, dass "Inglourious Basterds" zu keinem Zeitpunkt zu einem brutalen Verschnitt des 80er-Jahre-Actionfilms, einer reinen Nazi-Schlachtplatte, verkommt. Vielmehr ist der Handlungsstrang um die jüdisch-amerikanische Elitetruppe deshalb besonders unterhaltsam, weil Tarantino nicht mit schwarzem Humor geizt, aber auf seine überlangen, teilweise relativ überflüssigen Dialoge verzichtet. Aber die Basterds sind im Grunde eher ein unterhaltsamer Subplot, denn im Mittelpunkt steht ganz klar die Rache der französischen Kinobetreiberin.
Und die ist hervorragend konstruiert. Zunächst wird in diesem Zusammenhang die Nebenfigur des deutschen Kriegshelden Zoller, dessen Geschichte mit "Stolz der Nation" verfilmt wird, mit ins Geschehen gebracht, die vor allem für das spätere Finale von großer Bedeutung ist. Außerdem gelingen Tarantino gerade bei diesem Handlungsstrang besonders viele spannende Dialoge, bei denen die Atmosphäre praktisch greifbar ist, man denke nur an das Gespräch zwischen der französischen Jüdin und Landa, wobei Tarantino auch von den exzellenten Darstellern unterstützt wird.
Anders als bei den anderen Werken Tarantinos ist der Spannungsaufbau trotz der Einteilung in verschiedene Kapitel und der beiden zentralen Handlungsfäden, die sich gegenseitig kaum vorantreiben, relativ konstant und es entstehen nur wenige Längen, wenn sich Tarantino mal ein wenig zu viel Zeit für einen im Grunde unwichtigen Schauplatz nimmt, beispielsweise beim Trinkspiel der deutschen Soldaten in einem Tavernenkeller. Beim Finale gibt es dann einige überraschende Wendungen, wenn die Handlungsfäden schließlich zusammenlaufen, die die Spannung immer weiter erhöhen und dem Film einen sehr gelungenen Abgang verschaffen, wenn Hitler und seine Helfer schließlich im brennenden Kino umkommen. Neben der gelungenen Metaphorik dieser Szene ist es auch hier besonders die Kreativität des Machers, die stark beeindruckt.
Neben der gelungenen dramaturgischen Inszenierung, wissen aber auch die restlichen Innovationen Tarantinos durchaus zu überzeugen. Die Italo-Western-Ansätze sind ebenso einfallsreich, wie die Hommage an den deutschen Film, die "Inglourious Basterds" ebenfalls von der breiten Masse und Hollywoods Stereotypen überdeutlich abheben. In seinen stärksten Momenten entwickelt sich "Inglourious Basterds" sogar zur Nazi-Satire, etwa, wenn sich Hitler über den brutalen und primitiven Propagandafilm "Stolz der Nation", der fast wie seine eigene Parodie wirkt, köstlich amüsiert und Goebbels beim Lob seines Führers nahezu in Tränen ausbricht. Ebenso innovativ und gelungen sind Tarantinos Einfälle rund um Herkunft und Sprache seiner Charaktere. So sind einige Gags um die verschiedenen Akzente der Beteiligten wirklich zündend, auch wenn in die deutsche Fassung im Endeffekt nicht allzu viele dieser amüsanten Einalgen gerettet werden konnten.
Wäre noch zu erwähnen, dass, während der Plot durchaus überzeugt, die zahlreichen Charaktere zum Teil nicht so richtig an Profil gewinnen, besonders bei den Basterds bleibt es bei einer recht skurrilen, aber doch eher blassen Konstruktion, aber mehr braucht es bei diesem Film im Grunde auch nicht. Ansonsten ist die Konstruktion weitestgehend solide, wobei der undurchsichtige Oberst Landa hervorragend konstruiert ist und die französische Kinobesitzerin, genauso, wie der deutsche Kriegsheld zumindest auf ordentlichem Niveau an Profil gewinnen. Außerdem konstruiert Tarantino die Nazis relativ individuell und verwendet kaum gängige Klischees.
Richtig weit über das Mittelmaß hinaus tragen den Film dabei besonders die Darsteller, wobei an dieser Stelle besonders Christoph Waltz lobend zu erwähnen wäre. Waltz ist in der Rolle des opportunistischen, intelligenten und multilingualen Oberst Landa derart präsent, dass alle anderen Darsteller zu Nebenfiguren verkommen. In jedem Dialog sieht man förmlich, wie es in dem scharfsinnigen Oberst, dem sein Ruf als Judenjäger vorauseilt, arbeitet und, wie er versucht sein Gegenüber zu verunsichern. Dabei sind sein Zynismus und seine Süffisanz zum Einen sehr amüsant, zum anderen aber auch beängstigend gut vermittelt. Ein Leistung, die durchaus einen Oscar verdient hätte.
Neben Waltz ist es vor allem Melanie Laurent, die fern ab ihrer Heimat vor "Inglourious Basterds" ebenfalls eher leidlich bekannt war, die hier ihre Chance nutzt, um sich zu empfehlen. Mit ihrem hübschen, zierlichen Äußeren und ihrem, in Gegenwart Landas zurückhaltenden und verängstigten Spiel sichert sie sich die Sympathie des Zuschauers, überzeugt dann aber auch beim knallharten Racheakt an den Nazis auf ganzer Linie. Erst an dritter Stelle ist der eigentliche Star des Films, Brad Pitt, zu nennen, der als knallharter Nazi-Jäger mit seiner verbissenen, aber doch sehr sympathischen Art eine ordentliche Leistung zeigt, stellenweise aber ein wenig zu verkrampft wirkt. Weitere positive Überraschungen sind vor allem "Hostel"-Regisseur Eli Roth, der hier unerwartet gut aufspielt und Daniel Brühl, der hier eine gewohnt gute Leistung zeigt und seinem ambivalenten Charakter so durchaus gerecht wird. Til Schweiger zeigt eine solide Leistung und beweist erneut, dass er nicht der allerbeste Charakterdarsteller ist, wird aber von Tarantino so geschickt ausgespielt, dass er nicht weiter stört und mit seiner grimmigen Art eher noch überzeugt, während Diane Krüger auf ganzer Linie enttäuscht, aber zumindest das notwendige Charisma für ihre Rolle als Filmdiva mitbringt. Die übrigen Nebendarsteller sind weitestgehend gut besetzt.
Fazit:
"Inglourious Basterds" ist ein Italo-Western, eine Hommage an den deutschen Film der 20er Jahre, ein Weltkriegsmärchen und vieles mehr. Aber Tarantinos Werk ist vor allem eines: Nach einer, fern ab aller Stereotypen liegenden Handlung erzählt, mit zahlreiche Innovationen gespickt und, anders als alle anderen Werke Tarantinos, durchgehend spannend und fesselnd inszeniert. Darüber hinaus ist "Inglourious Basterds" sehr humorvoll, verkommt aber zu keinem Zeitpunkt zur Farce und dann wären da auch noch die grandiosen Darsteller, von denen vor allem der Oscar-verdächtig gute Christoph Waltz besonders hervorsticht. Unterm Stricht ein überaus gelungener Film, dem man außer ein paar etwas zu lang geratenen Dialogen nicht allzu viel vorwerfen kann.
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