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"Jeder Mann unter meinem Kommando schuldet mir 100 Nazi Skalps. Und ich will meine Skalps"

Während der Besatzung des deutschen Reiches in Frankreich wird die Familie von Shosanna Dreyfuss (Mélanie Laurent) durch den Detektiv und Nazi Oberst Hans Landa (Christoph Waltz) aufgespürt und hingerichtet. Shosanna gelingt es zu entkommen. Sie flieht nach Paris und legt sich dort eine neue Identität als Besitzerin eines Kinos zu.
Ein paar Jahre später stellt Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) eine Gruppe bestehend aus jüdisch-amerikanischen Soldaten, darunter Sgt. Donnie Donowitz (Eli Roth) und Lt. Archie Hicox (Michael Fassbender), zusammen, befreit den deutschen Nazi Schlächter Sgt. Hugo Stiglitz (Til Schweiger) und macht Jagd auf vereinzelte Soldatengruppen unter denen sie als die "Basterds" bekannt werden.
Als bekannt wird, dass der gesamte Führungsstab des Nazi-Regimes zu einer Premiere in einem Kino versammelt sein wird, und gar Adolf Hitler (Martin Wuttke) anreisen wird, stellen die "Basterds" Kontakt zur deutschen Schauspielerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) her, die ihnen verdeckt Zutritt in das Kino verschaffen soll, nicht wissend, dass die dortige Kinobetreiberin Shosanna bereits eigene Rachepläne schmiedet.

Quentin Tarantino, bekannt durch seinen recht eigenwilligen Humor und Hang zu altbackenen Filmen der 70er, präsentiert mit "Inglourious Basterds" einen Exploitation-Kriegsfilms angelehnt an den schon erwähnten 70er Jahre Style, mitsamt den damals noch vorherrschenden technischen Mägeln. Abrupter Abriss der Musik, ersichtliche Brandlöcher, unergründlich plötzlicher Schnitt, darauf muss sich das Publikum einrichten. Ähnlich wie bei "Death Proof", dem Beitrag zum "Grindhouse" Feature, dass von Kritikern durch seinen hohen Anteil an Dialogen zerrissen wurde.

Dialoglastig ist auch Tarantinos Neuer und gleichfalls eine Hommage bekannter, grandioser Italo-Western.
"Es war einmal…im von Nazis besetzten Frankreich“. Mit dieser Eingangstexteinblendung spielt Tarantino nicht nur auf Sergio Leones "Once Upon A Time in the West“, hierzulande "Spiel mir das Lied vom Tod", an. Er bereitet den Zuschauer auf eine zitatenreiche, eigenwillige Zweitweltkriegsgeschichte vor, die jenseits geschichtlicher Fakten abläuft. Die fiktive Handlung ist gespickt mit Absurditäten, bewahrt aber einen glaubwürdigen Charakter und setzt nach der Pausierung in "Death Proof" erneut auf das von Tarantino beliebte Stilmittel der Kapiteleinteilung.
Durch die Kapitelstruktur präsentiert sich "Inglourious Basterds" als episodenhaft aufgebauter Kriegsfilm, dessen wenige, meist an einer einzigen Location verweilende Szenen Tarantino in der ihm eigenen Klasse und ruhigem Tempo schier ewig ausdehnt, ohne das Geschehen bei einer stattlichen Laufzeit von zweieinhalb Stunden jemals langweilig oder zäh wirken zu lassen. Einzig in den ersten beiden Kapiteln herrscht etwas Unsicherheit, worauf der Regisseur denn überhaupt hinaus willl. Gerade, da nach dem Trailer die Vermutung eher auf einem bleihaltigen Vergnügen liegt.

Dies ist nicht der Fall. "Inglourious Basterds" erweist sich eher als überzeugender Sprachabtausch der Figuren. Messerscharfe Dialoge fliegen im Sekundentakt durch den Raum und sorgen hin und wieder auch für äußerst amüsante Momente. Details, wie das aus der Nähe aufgezeichnete anzünden einer Pfeife oder dem fliegenden Wechsel von auffällig vielen in Originalsprache gehaltenen Dialogen, durch Untertitel vermittelt, sorgen für ein Mittendrin Gefühl. Meist ohne dass es der Zuschauer bewusst wahrnimmt, was ebenso den Spannungsanstieg betrifft.

Der Film lebt weniger von der Verfolgung des zugegeben recht dünnen, konstanten Fadens, dem Sturz des Führungsstabs. Vielmehr von den Geschichten die daraus entstehen. Somit ist ein echtes Highlight eine ca. 25 minütige Bar-Szene, wo sich einige der "Basterds" mit Bridget von Hammersmark treffen, um ihr Vorgehen beim Einstieg in das Kino abzusprechen. Unglücklicherweise wird das Gespräch immer wieder durch einige Soldaten, die die Geburt des Sohnes eines Kameraden feiern, unterbrochen. Und als sich dann auch noch ein hochrangiger Offizier einmischt eskaliert die Situation. Die Stärke dieser und weiterer in sich beinahe geschlossener Passagen des Drehbuchs ist der Grund, wieso der Film in dem Kapitel Konzept so gut funktioniert.

Jede Episode enthält eine Spitze die sich in einem Gewaltexzess äußert. Bei der ruhig inszenierten Story passiert dies nicht oft, wenn dann aber richtig. Die Schießereien sind von ungemeiner Wucht und Brutalität und überwältigen den Zuschauer mit einem Inferno blutigen Bleigewitters. Daneben wird gefoltert, gequält und detailliert skalpiert. Zumindest auf diesem Gebiet hält der Film, was der Trailer suggerierte.

Essentiell wichtig für "Inglourious Basterds“ ist, dass er sich meistens selbst nicht sonderlich ernst nimmt. Hitler verkommt zur Witzfigur und auch einige andere Nazigrößen werden eher satirisch als besonders fies dargestellt. Wenn Hitler darüber redet, dass ein als "Bärenjude“ bekannter Jude der "Basterds" scheinbar kein Mensch sondern ein Golem sein soll, ist sanftes Schmunzeln vorprogrammiert. Richtige Lacher beherbergen besonders Akzentabhängige Dialoge, wie beispielsweise der genial misslungene Versuch, 3 Mitglieder der "Basterds" als Italiener zu tarnen und bei ihrer eigenen namentlichen Vorstellung durch das Gegenüber mehrfach berichtigen zu lassen. Der Humor erreicht zwar nicht das kultige "Pulp Fiction“-Niveau, ist aber verdammt nah dran. Schwarzer Humor zum Verständnis vorausgesetzt.

Tarantino hat einen großen namhaften Cast angezogen und die Schauspieler an die nationale Zugehörigkeit ihrer Figuren angepasst. Deutsche spielen Deutsche, Franzosen spielen Franzosen. Eine überwältigende Authentizität ist die Folge und gleichfalls eine überaus vielschichtige Prominenz. Neben dem herrlich sprücheklopfenden Brad Pitt ("Fight Club", "Der seltsame Fall des Benjamin Button") stehen Regiekollege Eli Roth ("Hostel") sowie ein grimmig drein blickender Til Schweiger ("Keinohrhasen", "Far Cry") auf Seiten der "Basterds". Mélanie Laurent ("Tage des Ruhms - Die vergessenen Helden des Zweiten Weltkrieges") präsentiert den zweiten Pol als visuell ansprechende, französische Rächerin.
Dazwischen finden sich eine Menge bekannter Gesichter, meist auch in vielen Nebenrollen. Beispielsweise Christian Berkel ("Das Experiment", "Black Book") als Barkeeper in einer Kellerbar, Daniel Brühl ("Krabat", "Die fetten Jahre sind vorbei") als Kriegsheld oder Mike Myers ("Austin Powers").
Diane Kruger ("Vermächtnis"-Reihe, "Troja") macht einmal mehr eine gute Figur, Martin Wuttke ("Tatort") hats mit der Darstellung des Adolf Hitler nach der herausragenden Leistung von Bruno Ganz in "Der Untergang" etwas schwerer.
Es ist aber der Österreicher Christoph Waltz ("Tatort") der alle anderen weit in den Schatten stellt. Bereits zur Einführung seiner Figur im ersten Kapitel wird klar, dass er trotz charmantem Lächeln überaus schnell in der Lage ist das Gegenüber einzuschüchtern, völligst ohne Gewalteinwirkung. Dies bekommt auch das Publikum durch seine immerwährende Präsenz zu spüren. Phänomenal!

Die Mischung aus abgedrehtem, sarkastischem Humor, leichten Gewaltspitzen, ein wenig Ernsthaftigkeit, dem Stil der an 70er Exploitation-Filme erinnert und der allgemeinen Dialoglastigkeit, machen den Film insgesamt zu einem gänzlich anderen Kriegsfilm als viele wohl erwartet haben. Wer sich davon nicht abschrecken lässt erlebt einen ungemein unterhaltenden Film mit einem nur zu Beginn nicht offensichtlich schlüssigen, roten Faden. Die Vielzahl bekannter Gesichter, auch in kleinen Rollen, und ein überragender Christoph Waltz tragen ungemein zu dieser Unterhaltung bei und bestätigen Tarantino in seiner gnadenlosen Abrechnung mit dem dritten Reich, was sich gerade im Finale bemerkbar macht.

9 / 10

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