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"Once upon a time in Nazi occupied France..."

Wenn sich ein eh schon polarisierender Regisseur wie Quentin Tarantino ausgerechnet das 3. Reich zum Thema seines neuen Filmes macht, dann kann das entweder enorm in die Hose gehen oder zum Meilenstein werden. Kurz vorweg: „Inglourious Basterds“ hat den Sprung in meinen Augen geschafft!

Inhaltlich dürfte bereits das meiste gesagt sein: Ein jüdisches Guerillateam unter der Leitung von Lt. Aldo „The Apache“ Raine (Brad Pitt) hat es sich zum Ziel gemacht, möglichst viele Nazis grausam hinzurichten und zu skalpieren um deren Führern das Fürchten zu lehren. Zeitgleich ergibt sich für eine junge jüdische Französin eine Gelegenheit dazu, die Ermordung ihrer Familie zu rächen und die oberste Schicht der „Naziprominenz“ während einer Kinovorstellung auszulöschen.

„Inglourious Basterds“ beginnt mit einer furiosen, etwa 20minütigen Einleitungssequenz, in der ein französischer Bauer (der mich enorm an Leonidas aus „300“ erinnert hat) und seine Familie von einem SS-Trupp heimgesucht werden, weil sie verdächtigt werden, Juden zu verstecken.

Die Szene ist – wie viele im Film - in beeindruckend wenig Takes gedreht und öffnet den Vorhang für den offensichtlichen Star des Films: Christoph Waltz als Hans „The Jewhunter“ Landa. Dieser gibt sich als intelligenter, mehrsprachig versierter und manierlicher Mensch, von dem aber von der ersten Minute an eine dauerhafte Bedrohung ausgeht. Der Zuschauer baut eine richtige Hassliebe zu Landa auf: Er ist skrupellos, er ist das Böse, aber er hat Charme und Witz. Waltz brilliert in seiner Rolle wie nie zuvor und erreicht eine ähnliche Leinwandpräsenz, wie zuletzt Heath Ledger als Joker in „The Dark Knight“. Man kann nur hoffen, dass er bei den Globes und vielleicht auch bei den Oscars nicht vergessen wird.

Überhaupt ist der Film durch die Bank sehr prominent und fast immer gut besetzt: Brad Pitt spielt den akzentbehafteten Haudi-Rowdy Redneck Guy und Commander der „Basterds“ mit einer beachtlichen Coolness und nimmt sich in seiner Rolle zu keiner Zeit allzu ernst. August Diehl trifft als scharfsinniger Major erneut ins Schwarze während Daniel Brühl den gewohnt netten Jungen von nebenan spielt, hinter dessen Fassade aber ein tödlicher brauner Soldat steckt. Hitler und Göbbels sind bewusst überzogene Kabinettfiguren, die auch einem Comic entsprungen sein könnten. Letzerer hat nicht zuletzt wegen seines rheinländischen Akzents (er stammt ja aus Rheydt) einige Lacher auf seiner Seite. Einzig die „Basterds“ (u.a. Til Schweiger, Eli Roth) bleiben skriptbedingt etwas blass und treten im gesamten Film eher als Nebenfiguren auf. Über die Rolle von Diane Kruger als Filmstar Bridget von Hammersmark lässt sich streiten: Die Performance ist besonders sprachlich schwach und auch körperlich extrem hölzern. Das steht aber in einem so herben Kontrast zum Rest des Ensembles, dass es fast schon Absicht sein könnte.

Auffällig im gesamten Film ist der Gebrauch von Sprache. Die Deutschen reden deutsch, die Amerikaner englisch und die Franzosen französisch. Tarantino bestand darauf, dass die Darsteller stets authentisch und natürlich sprechen. Das endet in einem kruden Kauderwelsch und einem zu großen Teilen untertitelten Film, der dem ungeübten Kinozuschauer schon einiges an Lesearbeit abverlangt. Auf der anderen Seite wird dadurch eine seltsame Authentizität erreicht, die den bewusst überzogenen Charakteren auf eine erfrischende Weise wiederspricht. Historische Korrektheit will der Film aber natürlich nicht erreichen, so schreibt er etwa das Ende Hitlers in einem sprichwörtlich heißen Finale neu.

Typisch für einen Tarantino sind besonders die Figuren und Dialoge: Die Gespräche sind wie gewohnt lang, skurril und bis ins kleinste Detail akzentuiert. Trotz der wirklich großen Zahl an Charakteren kann der Zuschauer bereits nach einigen Minuten Gesichter den Namen zuordnen. Die meisten Charaktere haben zudem einen Spitznamen und werden allesamt in ihrer Rolle zelebriert. In „Inglourious Basterds“ gibt es keine Massenschlachten und keine gesichtslosen Soldaten. Der Krieg wird hier von Persönlichkeiten geführt.

Insgesamt gibt es weniger Actionszenen im Film als der Trailer vermuten lässt. Wenn dann aber mal die Waffen ausgepackt werden, dann kracht es gewaltig. Und gewalttätig: Kurze und heftige Feuergefechte, skalpierte Schädel und Brad Pitts Finger in Diane Krugers Bein – Gorehounds kommen durchaus auf ihre Kosten. Der Film will aber offensichtlich kein typischer Kriegsfilm sein, sondern ist eher eine Karikatur des Krieges. Die Stimmung im Film ist selten bedrohlich, oftmals makaber und witzig und immer faszinierend.

Kurzum: 153 Minuten  perfekte Unterhaltung und definitiv einen (O-Ton!) Kinobesuch wert.

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