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„Es war einmal …“. So beginnen im Allgemeinen Märchen. Mit „Once upon a time (in the west)“ können auch Western beginnen, zu denen das gleichnamige (und wohl unerreichte) Meisterwerk von Sergio Leone gezählt werden kann. Und mit „Es war einmal …“ beginnt auch das neue Werk von Quentin Tarantino, der beide Gattungen (Märchen und Western) in seiner Interpretation des Zweiten Weltkrieges äußerst referenziell und sehr selbstreflexiv vermischt. So wie sich Tarantino wenig um die rechtschreibliche Korrektheit des Titels „Inglourious Basterds“ schert, so kümmert ihn auch wenig die historische Genauigkeit seines Stoffes. Aber dafür ist es ja ein modernes Märchen, das er genussvoll und in einer unglaublich dichten Atmosphäre erzählt.

Dabei gliedert er seinen Film in 5 Kapitel und beginnt ihn im Jahr 1941 kurz nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutsche Wehrmacht. Bereits die ersten 20 Minuten des Films – und dies ist eine einzige Szene – setzen Maßstäbe in Sachen dramaturgischer Inszenierung: Das Haus eines Milchbauers und seiner Familie steht einsam in der französischen Landschaft. Auf einem schmalen, staubigen Weg nähert sich ein Konvoi aus Militärfahrzeugen, in denen sich der „Judenjäger“ Col. Hans Landa (Christoph Waltz in einer grandiosen Rolle!) befindet. Er betritt das Haus des Bauern und beginnt ein zynisches Verhör, in dem er Informationen über den Verbleib einiger jüdischer Familien aus der Umgebung erhalten möchte. Dabei bleibt er äußerst korrekt und erschreckend höflich, während der Zuschauer nach einigen Minuten durch eine Kamerafahrt durch den Fußboden erfährt, dass der Bauer eine der jüdischen Familien bei sich versteckt. Dem Zuschauer ist dann auch klar, dass Landa bereits in Kenntnis darüber ist, aber dennoch sein Spiel weitertreibt. Schließlich lässt er eine bewaffnete SS-Einheit das Haus betreten und durch den Fußboden hindurch die Familie liquidieren. Nur ein Mädchen kann der Erschießung entkommen und flieht.
 Drei Jahre später betreibt dieses Mädchen mit dem Namen Shosanna Dreyfus (Mélanie Laurent) - nun zu einer attraktiven, jungen Frau herangewachen – ein kleines Kino in der Pariser Innenstadt. Durch eine zufällige Bekanntschaft zu dem deutschen Scharfschützen Frederick Zoller (Daniel Brühl), dessen ruhmreicher Kriegseinsatz von Joseph Goebbels verfilmt wurde, wird ihr Kino als Premierenstandort des Films „Stolz der Nation“ von den deutschen Besatzern ausgewählt. Zur Premiere ist die crème de la crème der Nazi-Führung eingeladen und auch Hitler wird als Gast erwartet. Diese Gelegenheit will die Kinobetreiberin, die Hans Landa den Mord an ihren Eltern nie verziehen hat, nutzen, um die Nazi-Elite auszuräuchern. Den gleichen Plan hat auch eine amerikanische Spezialeinheit, die sogenannten „Inglourious Basterds“, unter der Führung des Halbindianers Lt. Aldo Raine (Brad Pitt) gefasst, die geheim hinter den feindlichen Linien operieren und mit Vorliebe Nazis skalpieren. Zu dieser Gruppe zählen auch emigrierte deutschstämmige Juden und auch ein deutscher Soldat, Sgt. Hugo Stieglitz (und diese Rolle spielt Til Schweiger mal wirklich gut), der ein Dutzend Wehrmachtsoffiziere getötet hat. Mit dieser (fast) unmöglichen Mission, den Führer zu liquidieren und die Weltgeschichte entscheidend zu verändern, ziehen sie in den Kampf nach Paris. 

Tarantino beweist wieder einmal, wie geschickt und treffsicher er mit einer hohen Quote an Dialogen einen Film aufbauen und tragen kann. Nahezu jeder Satz ist präzise durchdacht und keinesfalls redundant. Trotz einiger weniger Längen sind die meisten (sehr breit angelegten) Szenen erstklassig inszeniert. Ein Genuss sind vor allem die Szenen, in denen Christoph Waltz (die eigentliche Hauptrolle) den sadistischen und sprachgewandten SS-Mann Hans Landa mimt. Allein seine Präsenz ist den Preis für die Kinokarte wert. Enttäuschen tut vor allem Diane Kruger - die eine deutsche Schauspielerin spielt - auf der ganzen Linie, so dass man sich schon auf ihr baldiges Ableben freut. Auch einige Gewaltszenen hätten durchaus weniger blutig ausfallen können. Dies sind aber auch schon die einzigen Wermutstropfen.

„Inglourious Basterds“ kann wie viele Filme von Quentin Tarantino als Referenz an verschiedenste Filmgenres (Western, Film Noir) gelesen werden und es finden sich unzählige Anzeichen dafür, die zu nennen den dafür nötigen Platz hier sprengen würden. Doch in erster Linie ist dieser Film eine Reflexion über das Kino und das Kinomaterial selbst und eine Hommage an die Macht des fiktiven cineastischen Bildes. In wohl keinem anderen seiner Filme wird die Leidenschaft für und das Wissen Tarantinos über das Kino und dessen Geschichte deutlicher als in diesem. Nicht nur die gewohnheitsmäßig sehr gut choreografierten Actionszenen sind äußerst physisch, sondern auch das sonst unsichtbare Filmmaterial wird durch Tarantino in seiner Materialität dem Zuschauer preisgegeben (Es eignet sich aufgrund seiner hohen Entzündbarkeit wunderbar als Brandbeschleuniger!). Dass Tarantino gerade einen Kinosaal nützt, um den Naziabschaum in den Orkus zu befördern, verweist indirekt auch darauf, dass (leider) nur im Film das Böse zumeist seine gerechte Strafe erhält und dass das Kino, respektive die fiktive Welt, auch immer eine alternative Geschichtsinterpretation bieten kann. Über Hitler war bekannt, dass er ein inniger Filmfan gewesen war, der sich in seinem privaten Kinosaal auch vor der Realität versteckte. Tarantino hat Hitler dort eingeholt, wo er sich wohl am sichersten fühlte und ihn „heißkalt“ erwischt. Auch das ist ein Indiz für die unglaublich starke suggestive Kraft dieses Films. An einer Stelle im Film ritzt Brad Pitt alias Aldo Rain einem Nazi mit einem großen Messer ein Hakenkreuz in die Stirn. Dabei blickt er direkt in die Kamera und sagt, er hätte hiermit wohl sein Meisterwerk abgeliefert. An seiner Stelle könnte man sich auch Tarantino vorstellen – vielleicht war dies auch genau seine Intention -, der das Publikum anschaut und in imaginärer Zwiesprache zu ihm sagt: „Hiermit habe ich mein Meisterwerk abgeliefert.“ Und das Publikum antwortet einhellig: „Ja, das hast du!“

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