Review

Oh my god, they killed Hitler! - You Basterds!!!

Es ist mal wieder soweit - alle Welt durfte sich einen Wolf diskutieren, was der alte und schier unangreifbare Filmwüterich Tarantino jetzt wieder zusammengeköchelt hat und ob das Ganze nun albern oder spannend, redundant oder relevant, historisch fragwürdig, frevlerisch oder schlicht parodistisch sein soll. Wenn sich die Wogen jetzt geglättet haben, hat sich das rote Meer (Filmblut?) eh in die üblichen zwei Lager geteilt und auferstanden aus Ruinen, sucht sich jetzt jeder seine eigene Wahrheit.

Wie also rangehen an diesen Film, der sich, und das ist schon mal immer gut, auch Wochen nach Ansicht immer noch nicht gesetzt hat und immer noch nicht vergessen ist. Muß man seine gesellschaftliche, soziologische oder filmhistorische Bedeutung diskutieren oder darf man mit dem Film auch Spaß haben. Muß man Letzteres nicht sogar, damit der Film überhaupt etwas nützt?
Es steht zu befürchten, daß der Regisseur selbst mit amüsiertem Befremden auf das Diskussionsgewusel herabgeblickt hat und sich ins Fäustchen lacht, denn sein Plan ist aufgegangen. 160 Minuten Film - und die Leute wollen es sehen.

Natürlich, Tarantino war schon immer anders, zunächst ein zitatwütiger Wiederaufbereiter filmischer Genreversatzstücke, ein visuell fast schon genialer Collagist, dann sich immer weiter von Konventionen lösend und in seinen eigenen Kosmos zurückziehend, in der Hoffnung, daß "sein-Ding-zu-machen" immer noch ankommt.
Tatsächlich löst sich das tarantinoeske Universum mit "Basterds" ein Stück weiter auf - man erkennt die Handschrift - aber der Mann ist weitergezogen zu neuen Ufern und präsentiert seine Nazi-Rache-Story immer ein wenig weiter abseits des Weges, als man meinen mag.

Fünf grobe Akte für eine Vielzahl an Akteuren, ein Plotgerüst, dem man als Zuschauer folgen darf, aber wenig traditioneller Fluß, stattdessen Episoden, detailliert ausgemalte Tableaus ohne klare Gut/Böse-Seiten und wenn dann doch der Pinselstrich die Unterscheidung andeutet, dann stellt Tarantino die Sympathieverteilung meistens auf den Kopf.
Gehen wir sie ruhig durch:

Den Auftakt trägt, so meint man zu wissen, die Faszination des Bösen, wenn Judenjäger Hans Landa mit auserlesener Höflichkeit bei einem Besuch auf einem französischen Bauernhof mit präziser Nichtigkeit den Ort als Judenversteck entlarvt. Landa, mit meisterhafter Chuzpe von Christoph Waltz auf die Spitze getrieben, entflieht dem Nazi-Monstrum-Bild auf allen Ebenen. Den ideologischen Unterbau negiert er praktisch durch die entwaffnende Erklärung, nur seine Arbeit zu tun und entnervt den Bauern eigentlich dadurch, daß er nichts tut, weil sein Instinkt ihn bereits wissen läßt, was er braucht. Landa ist gebildet, weltgewandt, humorvoll, menschlich und Tarantino schafft es, durch seine fast kindliche Verspieltheit das Publikum auf seine Seite wechseln zu lassen, obwohl das bedeutet, daß die vor Angst schwitzende Flüchtlingsfamilie dahingeschlachtet wird.

Dem gegenüber präsentiert sich die Rebellengruppe um jüdische Amerikaner, die aus Rache Nazi-Skalps erbeuten und die deutschen Truppen zum Zwecke der Verunsicherung abschlachten einerseits als rächendes Gegengewicht, dann als Egalisierung von Gut/Böse-Schemata oder Entwertung des Revanchismus, da die "Guten" nicht anders als die "Bösen" sind und gleichzeitig als amüsant-überzeichnete Comictruppe, in der Til Schweiger als "german nazikiller superstar" sogar seine eigene Popstarrückblende bekommt und Eli Roth (nun wahrlich der alberne Schwachpunkt des Films) als baseballkeule-schwingender Schädelmatscher fast zur Karikatur wird.
Dazwischen dilettiert Brad Pitt mit Selbstironie des breitesten Südstaatenslangs in der Rolle des Redenschwingers, der jedoch die Hauptrollenfigur niemals ausfüllen darf, ist er letztendlich nur als Handlangerkatalysator im tarantinoesken Uhrwerk unterwegs.

Im folgenden mittleren Akt wird dann das Finale bereits vorbereitet - das überlebende Opfer aus dem ersten Akt sieht seine Chance zur Rache, als ein in sie verliebter deutscher Filmstar (Daniel Brühl als "Soldat-wird-Star-für-Durchhaltefilm" so clean-cut, daß es fast schon übertrieben wirkt) seine anstehende Filmpremiere in ihr Kino verlegt und die politische Elite Nazi-Deutschlands dem beiwohnen will. Natürlich will auch die Basterds-Söldnertruppe diese Gelegenheit nutzen, doch wo sonst meist eine Verbindung geknüpft wird, läßt Tarantino bis zum Ende die beiden Pläne unbemerkt voneinander wachsen.
Während der Regisseur mit kleinen filmhistorischen Einbauten seiner Zitateleidenschaft die Zügel schießen läßt, geht er von nun an in die Breite und führt den Zuschauer tatsächlich in die Irre: ein konspiratives Treffen in einem Kneipenkeller zwischen Basterds und einem britischen Agenten walzt Tarantino mit beinahe schon hitchcockscher Dimension in Suspense aus, wenn die eigentliche Absicht der Saboteure immer wieder durchkreuzt oder aufgehalten wird und ständig neue Hindernisse im Weg auftauchen. Auch hier kommt wieder die Lust an den geschliffenen Dialogen und der Wille zur präzisen Charakterisierung ins Spiel, bis der große Organisator alles brachial durcheinanderwürfelt und die ganze Kneipenbesatzung in einer rasanten Szene dahinschlachtet.

So gerät der finale Akt zu einer Art Himmelfahrtskommando, improvisiert und wenig durchdacht und mittels Landas Anwesenheit (der auch schon den dritten Akt heimsuchte) eine Beinahe-Katastrophe. Hier, im Inferno, hebt Tarantino dann alle Grenzen auf, bricht die vierte Wand auf (und die Kinoleinwand als solche gleich dazu) und verformt den letzten Rest Historie zu einer grell überzeichneten Mutation von Kriegsfilm, löscht richtig oder falsch ebenso auf, wie das schlußendliche Zweckbündnis zwischen Pitt und Waltz die Begriffe Gut oder Böse komplett auf den Kopf stellt, wieder plädiert der Regisseur hier für den Revanchismus, aber eben zynisch, müde und als eine Art Notlösung, weil die sonst in Kriegsfilmen vertretenen Prinzipien einfach nicht funktionieren.

Was immer man formal oder inhaltlich (oder noch besser moralisch) hineininterpretiert, letztendlich bleibt die Frage, wie das Publikum mit dieser abstrusen Kriegsfilmphantasie zurecht kommt. Wie üblich beim Regisseur bleibt immer die Frage, ob die in die Breite gezogenen, aber geschliffenen Dialoge ankommen oder als zu lang empfunden werden - noch immer erwartet ein großer Teil des Publikums im Wesentlichen einen "normal funktionierenden" Film wie Tarantinos Frühwerke, während "Basterds" wie ein präzise ausgemaltes Szenenbuch wirkt, darin aber meisterhaft im Takt und in der Atmosphäre.

Für meinen Teil muß ich sagen, daß all diese formalen Fragen letztendlich im Film unwichtig waren - der Spaß an der Inszenierung, die satirischen Spitzen, die präzise zusammenmontierten Figuren, die Komplexität der Bilder und untergebrachten Zitate, das macht den Film aus. Tarantino kann man auch einfach genießen, ohne ihn zu demontieren, wann kriegt man denn schon solche Hybriden aus Filmgeschichte und Eigenkomposition heute noch geboten. Sich im Sessel vor Vergnügen zu kringeln, daß der Mann sich von fast allen Erwartungen komplett gelöst hat, das ist schon wahre Meisterschaft. Tarantino wird nur aufpassen müssen, das dieser Rückzug auf die individuelle Scholle keine hermetische Abgeschlossenheit provoziert, die ihn eines Tages dem Publikum entfremdet. Bis dahin bleibe ich dran. (9/10)

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