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Once Upon A Time In Naci-Occupied France... so wollte Tarantino seinen seit langer, langer Zeit geplanten Nazi-Western in Anlehnung an den großartigen Sergio Leone, dessen letztes, nie vollendetes Projekt ein Film über den zweiten Weltkrieg werden sollte, ursprünglich nennen. Schließlich wurde daraus ein etwas knackigeres "Inglourious Basterds", ein Titel, der seinerseits ein direktes Zitat des "dirty war movies" von Enzo Castellari darstellt - und ein freches "Brad Pitt is a Basterd" macht auf einem Filmplakat nunmal einfach mehr her. Dennoch wäre Tarantinos erste Idee in Anbetracht der doch sehr opernhaften, im besten Stil des Kult-Regisseurs zunächst nur lose zusammenhängenden, dann aber doch geschickt ineinandergeknüpften Erzählstruktur passender gewesen. Tarantino zeigt keinen Film, in dem Brad Pitt die Hauptrolle spielt; er macht nicht mehr und nicht weniger, als einen zynischen, entpuppenden und entwaffnenden Blick auf die gesamte postfaschistische Erzählung zu werfen.

Frankreich, 1941: Die Nazis haben das Land besetzt. Perrier LaPadite (D. Menochet) wohnt mit seinen drei Töchtern auf seinem Bauernhof; in seinem Keller versteckt er eine befreundete, jüdische Familie, um sie vor der Deportation zu bewahren. Doch Oberst Hans Landa (C. Walz), seinerseits "der Judenjäger" genannt, kommt LaPadite kaltblütig und berechnend auf die Schliche und richtet die Juden hin, bevor sie von ihrer Entdeckung wissen. Nur die älteste Tochter, Shosanna (M. Laurent), kann entkommen.
Unterdessen rekrutiert Lt. Aldo Rayne (B. Pitt) ein Kommando amerikanischer Juden um sich; die "Basterds" genannte Truppe soll incognito hinter den deutschen Linien agieren und "den Nazis dasselbe antun, was sie Europa angetan haben". Rayne verlangt von jedem seiner Soldaten einhundert Skalps von toten Nazis.
Der britische Geheimdienst schickt seinen eigenen Mann zu den Basterds; Lt. Hicox (M. Fassbender) soll mit der deutschen Doppelagentin und Starschauspielerin Bridget von Hammersmarck (D. Krüger) zur Premiere des Propagandafilms "Stolz der Nation" in einem kleinen französischen Kino gehen und zusätzlich einen Basterd einschläusen, um "den ganzen Korb voller fauler Eier hochzujagen". Doch alles kommt anders als erwartet; das Kino gehört mittlerweile der untergetauchten Shosanna, und als diese erfährt, dass das gesamte Nazi-Oberkommando in ihrem Kino gastieren wird, plant sie ihrerseits einen Anschlag.

Das also ein Versuch, Tarantinos 160-minütigen Film möglichst straff zusammenzufassen. Dass hierbei lange nicht alle Handlungstwists und -verknüpfungen wiedergegeben werden können, liegt an der Sache selbst; genauso kongenial wie in seinem bisherigen Referenzwerk "Pulp Fiction" stellt der Regisseur hier die Struktur klassischen Erzählens auf den Kopf. Aber diese Tatsache allein macht "Inglourious Basterds" noch nicht zu dem Meisterwerk, das es zweifellos ist; wie eingangs erwähnt, demontiert Tarantino hier so ziemlich alles, was die Nachkriegserzählung bedeutet und bietet eine historische Alternative, die so bedingungslos und frei von jeglichem Kitsch ist, dass "das Kino hier über die Realität siegt", wie der deutsche Filmkritiker Georg Seeßlen es treffend formuliert hat. Der Film macht sich frei von der erdrückenden Schwere von Antikriegsfilmen oder oftmals von faschistischen Propangadafilmen nur schwer zu unterscheidender Waffenpornographie und löst die zynische Distanz der Kriegswestern wie eben Castellaris "Inglorious Bastards"  ins Nichts auf. Tarantinos durchaus waghalsiger Twist der historischen Tatsachen ist kein "Was-wäre-wenn", sondern ein mittelfingerschwingendes "So-siehts-aus!" gegenüber all der heuchlerischen Pseudo-Distanziertheit bezüglich der Greueltaten des dritten Reichs, die nichts anderes bewirkt hat als eine gefährliche Distanziertheit im Geiste der "Erbschuldigen".

Und dennoch wird uns der blanke Trash, Pulp, Gossip und Nonsens vorgeführt, der aber eben nicht "non-sense" ist, sondern in seiner Ungehobeltheit der  Wahrheit wohl am nächsten kommt. Da ist der von Christoph Walz grandios dargestellte Hans Landa, ein Abziehbild des bösen Obernazis, der aber so gar nicht in das Klischee des rassistischen Ideologen passt, sondern vielmehr in das rechnerische Kalkül des macchiavellischen Staatsmannes; er bietet sein Können, sein Geschick frei von moralischem Bimbam eben dem Regime an, dass ihm dafür am meisten bieten kann. Die Sympathie seiner umgänglichen, österreichischen Art wird vor dem Hintergrund seines Berufs zur Ironie und zum eigentlichen Grund, warum der Zuschauer Landa so verabscheuungswürdig findet; gemeinsam mit der schier unfassbaren Sprachgewandheit des Nazi-Oberst ist sie dessen schärfste Waffe.
Ihm gegenüber steht der Hinterwäldler Aldo Rayne, ein Hillbilly, aber kein Redneck, der ebenso frei von Ideologie den Nazis in den Hintern treten will und dabei nicht weniger rassistisch vorgeht als diese selbst. Überhaupt wird das tradierte Täter-Opfer-Verständnis zum Zwecke eines gründlichen "mindfucks" beim Zuschauer umgedreht; die Juden sind nicht mehr die wehrlosen Opfer, die den bösen, dämonischen Nationalsozialisten hilflos ausgeliefert sind. Und ganz ernsthaftig muss man sich fragen, ob dieses Geschichtsbild den Nazis nicht wirklich gut in den Kram gepasst hätte...

Auf der filmisch-technischen Seite braucht man, wie typisch für Tarantino, nicht viele Worte verlieren; es wird kein Fehler gemacht. Herausragend ist wie immer der Soundtrack, der aus einer Mixtur von Italo-Western-Hymnen (Ennio Morricone!), zeitgenössischer, deutscher Musik und einigen modernen Rocksongs besteht; insbesondere der Einsatz von David Bowies "Putting Out Fire" als rabiates Thema der Judenrache bleibt dem Zuschauer in Erinnerung.

Tarantino erwies hier nicht nur der deutschen Schauspielerriege einen gewaltigen Dienst, in dem er sie in einem Top-Hollywood-Streifen besetzte; Walz, Schweiger, Diehl, Brühl, Groth, Wuttke, Burkhard, und sogar Zweit- und Drittreihenakteure wie etwa der TV-Comedian Volker "Zack" Michalowski sind in "Inglourious Basterds" nicht das übliche Beiwerk, sondern die eigentlichen Hauptakteure. Neben einem grandiosen Stück Unterhaltung, dass frei von jeglicher interpretatorischen Schwere Spaß macht, bietet der Film einen Mehrwert in soziologischer wie wirklichkeitstheoretischer Hinsicht; für Tarantino ist das Kino genauso gleichberechtigte Erzählung wie die Geschichten von Kriegsveteranen wie das, was in den Schulbüchern steht.

10/10 Punkte.

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