Review

"Es war einmal im von Nazis besetzen Frankreich..."

Immer wieder für zitatgespickte, schräge Sternstunden des modernen Kinos zu sorgen, das wird Regieexzentriker Quentin Tarantino zumindest ab und an völlig zu Recht attestiert. Mit "Inglorious Basterds" schreibt das Mastermind hinter "Pulp Fiction" und "Kill Bill" nun kurzerhand die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu. Für dieses ambitionierte Vorhaben setzt Tarantino nicht nur auf ein schillerndes internationales Staraufgebot und bisweilen skurile Cameo-Auftritte, sondern ebenso auf zwar nicht allzu häufige, aber dafür umso brachialere Actionszenen und selbstverständlich auch auf die von ihm so meisterlich beherrschte Kunst der Dialogführung.
Insgesamt kann man durchaus vorweg nehmen, dass nach zuletzt eher durchschnittlichen, respektive zumindest umstrittenen Werken vom Schlage eines „Death Proof“ die aktuell vorliegene Weltkriegsgroteske definitiv zu den stärksten und facettenreichsten Auswüchsen des tarantino'schen Schaffens zählt.

Schon der schlicht, aber ungemein treffsicher durchkomponierte Vorspann zeigt dem Zuschauer eindrucksvoll auf, dass er es hier mit einem waschechten "Tarantino" zu tun hat. An Westernfilme gemahnende Klänge und Cast-Einblendungen sorgen von der ersten Minute an für eine wunderbar intensive, mitunter ins bizarre zielende Atmosphäre und leiten nahtlos in das erste von insgesamt fünf erfrischend unterschiedlichen Kapiteln über. Fortan lebt "Inglorious Basterds" förmlich von seinen großartig dirigierten Gesprächen, den liebevoll gestalteten, bisweilen herrlich ins Groteske überzeichneten Charakteren und natürlich den tollen Darbietungen der dazugehörigen Schauspielergarde. Ein hohes Maß an stilistischer und handlungsseitiger Abwechslung sorgt dafür, dass keiner der dramatischen Akte dem anderen gleicht. Praktisch an jeder Ecke gibt es hier fantastische Details, filmhistorische Anspielungen und liebevoll konzipierte Figuren zu entdecken.
Die titelgebenden Basterds spielen übrigens, anders als man es zunächst vermuten würde, im Gesamtbild des Films - trotz gerade im späteren Verlauf stetiger Teilpräsenz - tatsächlich nur eine eher untergeordnete Rolle. Tarantino spielte diesbezüglich im Vorfeld des Kinostarts geschickt mit den Erwartungshaltungen der Zuschauer indem er in Trailern eine deftige Ballerorgie suggerierte. Nichtsdestotrotz sind es freilich schlussendlich auch im fertigen Film die Basterds, die in einem infernalisch-surrealen Finale die Geschichte Europas auf blutige Art und Weise neugestalten.

In technischer Hinsicht gibt sich der Meister erwartungsgemäß zu keinem Zeitpunkte eine Blöße - auch wenn im Vergleich zu früheren Werken (wie ich meine) ein wenig das wirklich "Außergewöhnliche" fehlt, beispielsweise was innovative Kamerafahrten anbelangt. Im Grunde zitiert sich Tarantino anno 2009 oftmals lediglich selbst, indem er bereits dagewesene Filetstückchen wie die brilliante Top/Down-Kamerfahrt im Vorfeld des kultigen "Kill Bill"-Finales erneut einbringt. Aber mal ehrlich, wen stört das schon? "Inglorious Basterds" wirkt wie aus einem Guss: Liebevollste Detailarbeit und Stilpluralität, eine sensationelle Musikauswahl, die auch zeituntypische Kompositionen nicht scheut, sowie natürlich manigfaltige Querverweise auf diverse große Klassiker der Kinogeschichte lassen auch den anspruchsvollen Cineasten immer wieder mit der Zunge schnalzen. Dass sich die Actionmomente des Films in ihrer Quantität auf einige wenige kurze, sehr blutige Spannungsentladungen und ein extra feuriges Finale des Wahnsinns beschränken, das erweist sich als absolut unproblematisch. Im Gegenteil sogar: Durch die Reduktion plakativer Effekte auf ein Minimum verweilt der Fokus des Interesses stets auf den weitaus herausragenderen inhaltlichen Qualitäten des vollkommen längenfreien Fünfakters.

Etwas aus dem Rahmen fällt einzig das große Finale. Punktuell leidet hier nicht nur die Glaubwürdigkeit hinsichtlich der Charakterzeichnung, auch wirkt es in gewisser Weise etwas unfertig, ja bisweilen in seiner relativen Banalität eines Tarantinos nicht ganz würdig. Ob dem guten Quentin nach dem sensationellen Prolog und so manch anderem ganz großen Kinomoment - ich denke hier vor allem an die Kellerschenkenszene und den Nachmittagstee im Pariser Nobelbistro - da doch ein wenig die Puste ausging? Oder war hier ganz bewusst ein etwas komischer Schluss im Sinne der klassischen 5-aktigen Dramaturgie intendiert? Eines ist jedenfalls gewiss: Möchte man an "Inglorious Basterds" herumkritisieren, so geschieht dies durchgehend auf einem sehr hohen Niveau. Das Filmvergnügen wird hierdurch praktisch nicht negativ beeinflusst.

Dies gilt gleichermaßen für die offerierten schauspielerischen Leistungen. Zwar genießen insbesondere Diane Kruger, Til Schweiger sowie "Cavin Fever"-Regisseur und Tarantino-Kumpel Eli Roth in Cineastenkreisen bekanntermaßen nicht den besten Ruf. Doch allen realen und prophylaktisch attestierten Defiziten zum Trotz müht sich auch dieses Trio nach Kräften, und das soll auch honoriert werden - ganz zumal, weil "Inglorius Basterds" gerade von seinen schrillen, nicht ganz so perfekten Typen durchaus profitiert!
Nichtsdestotrotz sind hier die oben genannten Akteure ebenso wie Hollywood-Ikone Brad Pitt nur Randfiguren im großen Schaulaufen der europäischen bzw. zu einem guten Teil deutschen Mimen. Sowohl Daniel Brühl als auch August Diehl spielen in ihren Offiziersrollen ganz groß auf und können sich nun berechtigte Hoffnungen auf ihren internationalen Durchbruch machen. Doch auch weit über ihnen trohnt der Österreicher Christoph Waltz, der in seinem Part des charmant-gerissenen, abgrundtief diabolischen SS-Standartenführers Hans Landa als "Judenjäger" vermutlich die Rolle seines Lebens erhascht hat. Eine unglaubliche, vollkommen unnahbare Performance, in der jedes Wort, jede Geste und jeder Blick das Blut in den Adern gefrieren lässt. Besonders das Einleitungskapitel lässt sich unter diesem Aspekt beinahe schon als ultimative One-Man-Show bezeichnen. Der Triumpf bei der Oskarverleihung 2010 für die beste männliche Nebenrolle ist folgerichtig auch keine große Überraschung mehr gewesen.

Fazit: Mit "Inglorious Basterds" hat Kultregisseur Quentin Tarantino nach längerer Durststrecke wieder zu alter Raffinesse zurückgefunden. Trotz Überlänge und relativer Actionarmut ist Langeweile stets ein Fremdwort. Die über große Strecken absolut meisterlichen Dialoge, eine technisch perfekte, sensationell detailverliebte Inszenierung und selbstverständlich das überragende Schauspiel des Christoph Waltz sorgen für ein einmaliges Kinoerlebnis, das zweifellos bei jedem Zuschauer einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Bissig, skuril und in allen Farben des Kinos schillernd - ein Unikat! Ich vergebe sehr gute 8,5 von 10 möglichen Wertungspunkten.

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