Achtung Spoiler!
Quentin Tarantino ist schon ein Fuchs!
Als er verlautbaren ließ, sein nächster Film spiele im von den Nazis besetzten Frankreich und eine Gruppe verwegener Hunde machen darin Jagd auf Nazis, war die Vorfreude bei Fans und Kritikern groß. Angestachelt durch einen martialischen Trailer ("Bringt mir die Skalps von 100 toten Nazis!") freuten sich viele auf ein Splatterfest sondersgleichen.
Aber Tarantino wäre nicht Tarantino, wenn er seiner Hommage an die Actionfilme der 60ger und 70ger Jahre nicht ein wenig mehr abverlangen würde. Denn "Inglourious Basterds" wurde ungewöhnlich ... ungewöhnlich gut.
Die Story: Nachdem ihre Familie von "Judenjäger" Hans Landa (Christoph Waltz) ausgelöscht wurde, leitet Shosanna (Mélanie Laurant) in Paris unter falschem Namen ein Kino. Wie ein Wink des Schickals erscheint da das Angebot, für die Besatzer die Premiere des neuesten Nazi-Propagandastreifens um den Kriegshelden Fredrick Zoller (Daniel Brühl) ausstrahlen zu dürfen. Sie fasst den Plan, die Nazielite auszulöschen. Das gleiche haben auch die "Basterds" vor, eine Truppe jüdischer US-Soldaten (u.a. Eli Roth, Til Schweiger), die hinter den feindlichen Linien operieren und von Aldo Raine (Brad Pitt) angeführt werden.
Was Tarantino aus dem Stoff macht, ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert und ungewöhnlich.
Zunächst sind die titelgebenden Basterds nicht die Hauptfiguren des Films, sie sind Charaktere unter vielen und füllen vorrangig einen Erzählstrang aus, der später mit anderen zusammenfließt. Brad Pitt ist - obwohl so angepriesen - nicht der Hauptdarsteller, und das ist gut so. Vielmehr steht die Auseinandersetzung zwischen Shosanna und Landa im Vordergrund der Geschichte, wobei es keinen wirklichen Hauptcast gibt. Jeder ist Nebendarsteller, was auch bedeutet, dass viele eher kleinere Rollen einigen Raum zu Entfaltung bekommen.
Gleichzeitig erzählt Tarantino seinen Film über weite Strecken ruhig und gemächlich. Lange Dialogpassagen, wie schon zu besten "Pulp Fiction"-Zeiten machen den Film aus. Es wird viel geredet, dabei zeigt Tarantino als US-Regisseur viel Fingerspitzengefühl für die deutschen Eigenarten, die sich nicht nur in der Auseinandersetzung mit dem damaligen deutschen Kino zeigen.
Und dann, fast explosionsartig, kommt es zu brutalen Szenen, entlädt sich die Spannung in Gewalt. Zu Beginn wird diese Idee auserkoren und in der Kellerbar im späteren Filmverlauf auf die Spitze getrieben.
Zwar erreicht er mit den Dialogen nicht die Klasse von "Pulp Fiction", fesselnd und mitunter witzig sind diese aber dennoch und langweilen zu keiner Sekunde. So vergehen die fast zweieinhalb Stunden Film wie im Fluge.
Des Weiteren treibt Tarantino ironische Spitzen durch sein Werk. Dass er durchaus komplexe Porträts von Deutschen zeichnet, ist bemerkenswert. Hitler und Co. stehen dabei gar nicht so im Fokus, auch wenn sie ihre Szenen bekommen, es sind eher Hans Landa, die Spionin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger), Fredrick Zoller oder der von Til Schweiger verkörperte Hugo Stilglitz. Allesamt originellere, weit weniger klischeehafte Figuren als in anderen Filmen. Selbst die Soldaten in der Kellerbar sind ungewöhnlich und menschlicher als man gedacht hätte.
Bemerkenswert auch der Propagandafilm der Nazis, "Stolz der Nation", der Eli Roth drehte. Dass gerade Amerikaner solch einen dümmlichen Kriegsfilm drehen, lädt zum Schmunzeln ein. In wie vielen Filmen haben doch die Amerikaner ihre Feinde - egal ob Russen, Deutsche oder Japaner - als Schießbudenfiguren dargestellt, die nur zu gut zum Sterben sind. Und nun bekommen es die GIs mal ab. Einfach köstlich.
Getragen wird der Film von hervorragenden Darstellern. Christoph Waltz als charismatischer und zeitgleich eiskalter Killer, der fließend mehrere Sprachen spricht, ist eine Wucht und hat zurecht massig Preise für seine Rolle bekommen. Wenn er die Szene betritt, stehen alle anderen hinten an.
Mélanie Laurant fasziniert mit ihrem zerbrechlichen Spiel. Wenn Tarantino nur sie zeigt, als Hans Landa direkt neben ihr steht und spricht, dann ist ihre Mimik einfach grandios.
Brad Pitt erinnert ein bisschen an seine Rolle in "Snatch", jedenfalls ist er manchmal genauso schwer zu verstehen und beweist viel Komik. Wenn er und zwei weitere Basterds versuchen Italienisch zu sprechen, und sein "Arriverderci" in derbsten Akzent daherkommt, ist das ein echter Brüller.
Auch die Deutschen im Film können überzeugen. Obwohl sie in den meisten Filmen blass bleibt, spielt Diane Kruger hier gut auf. Ebenso Daniel Brühl, der sein Talent für ausländische Produktionen zeigt. Am besten gefallen - und das kommt so gut wie nie vor - hat mir aber Til Schweiger. Er hat eine klasse Rolle bekommen und geht darin voll auf. Schade, dass man nicht mehr von ihm gesehen hat. Auch die restlichen deutschen Darsteller sind fantastisch, vor allem August Diehl als Gestapo-Mann und Sylvester Groth als Goebbels. Tarantino hat hier viel aus den Darstellern rausgekitzelt.
Etwas hat mich dann doch gestört bzw. ich fande es schade, dass Tarantino die Schlusspointe mit dem Hakenkreuz bei Landa durch eine frühere Szene schon vorweggenommen hat. Hätte er zu Beginn den Soldaten mit dem Hakenkreuz auf der Stirn nicht gezeigt, dann wäre das Ende doch überraschender und krasser gewesen.
Fazit: "Inglourious Basterds" ist Tarantinos Ode an das Kino und ein bemerkenswerter Film, der mit vielem bricht, was man im Vorfeld erwartet hatte. Der Soundtrack ist wie immer klasse zusammengesetzt, die Darsteller ausnahmslos überzeugend und die Action kommt trotz vielen Dialogen nicht zu kurz.