Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd und wer die Tochter von Dario Argento und Daria Nicolodi ist, kommt am Film so wenig vorbei wie der Esel an der Distel und wenn ich mit dem Metaphorisieren nicht bald aufhöre, werd ich zum Elch.
Was Asia Argento, um zum Thema zurückzukommen, hier abliefert, ist tatsächlich beachtenswert. Sie hat natürlich viel Erfahrung im Filmbiz, doch Regie zu führen ist eine andere Sache, als sich von einem (oder mehreren) Psycho(s) aus den Filmen ihres Vaters schlitzen und/oder vergewaltigen zu lassen bzw. am Arm eines steroidverseuchten Knallchargen durch eine Silvesterlandschaft zu stolpern.
Die mir vorliegende US DVD, die mir auch als die beste englischsprachige Ausgabe des Films erscheint, beinhaltet neben dem Film auch noch ein kleines Interview und, was noch wichtiger ist, einen Audiokommentar der jungen Regisseurin. So bekommt man eine Ladung Asia, die erst mal verdaut werden muss.
Ursprünglich als Buch konzipiert, erzählte die Tochter dem Vater von ihren Ideen und der "sah" natürlich prompt "einen Film", weil er immer einen Film sieht, sonst wäre er nicht Argento. Und obwohl Asia eigentlich allen Grund hätte, nicht auf ihren Vater zu hören, weil der sie in seinem "Stendhal Syndrom" gar nicht nett behandeln ließ, nahm sie die Idee auf und der Rest ist Geschichte. Übrigens scheint die Familie ihren Filmen durchaus zu entsprechen, denn Asia "tötet" im Film ihre Mutter, ein kathartischer Akt, wie sie selbst sagt, denn Nicolodi wäre an ihrer sexuellen Verklemmung Schuld. Nun, dafür geht das Töchterchen aber durchaus fest zur Sache bisweilen, aber vielleicht ist das ja nur das Resultat ihrer Neurosen.
Trotzdem also Sex ein Hauptthema ist, könnte man nicht von einem zweiten "Baise Moi" sprechen, dessen Entstehungsgeschichte und Hintergründe starke Parallelen aufweist, denn auch wenn Asia darauf besteht, dass manche Sexszenen "echt" gewesen sein sollen, Hardcore gibt es nicht und auch keine allzu heftig ausgespielte Gewalt. Stattdessen mehr von Asia als selbst die fanatischsten aller Fanatiker wissen wollen. Dabei halten sich Fantasien und Autobiographisches (wozu, streng genommen, die erstgenannten auch gehören) die Waage. Vielleicht erscheint es etwas vermessen, in diesem zarten Alter schon eine Autobiographie geschrieben und zu guter letzt sogar verfilmt zu haben, doch diese Art von Narzissmus macht den Schauspieler nun eben erst zu einem solchen und Asia hat durchaus kein Interesse, eine Hagiographie ihrer selbst zu verfassen. Man kann sie in peinlichen und schmerzhaften Szenen "bewundern" und irgendwann sieht man sich in einer Mischung aus Verlangen, Mitleid und Befremdung gefangen, die mehr unterhält als so manch ein Produkt von den schwächelnden Laufbändern Hollywoods, obwohl es eigentlich um Glamour (oder den Mangel daran) geht.
Im Audiokommentar trennt die Autorin dann die Szenen fein säuberlich, informiert, dass eigentlich alle Außenaufnahmen völlig ohne Drehgenehmigungen getätigt wurden (klar, war ja auch kein Budget für das HD-Video vorhanden) und bezaubert mit wunderbaren "Asides" wie: "Gus van Sant is one of the directors I wholly despise" oder "Vincent Gallo is an asshole, but I love him". Auch Asias Verzweifeln an den Männern (und mögliche Alternativen) bleiben uns nicht erspart: "But a man rejecting the blow-job is a female fantasy, I guess" (richtig!) - zu einer der merkwürdigsten, weil unvermitteltsten Tagtraumszenen in der Asia von dem Pornostarlet Selen "vergewaltigt" wird, meint sie gar: "now, this scene has not happened to me in real life, it's pure fantasy - unfortunately!" Aha! Nein, man(n) bekommt wahrlich was man(n) sich erhofft hat...und noch viel mehr! Denn bisweilen begibt der Ton des Films sich in dezidiert düstere Gefilde, wenn Asia z. B. sich achselenthaarend (Schande! Jetzt auch schon in Italien!!) im Spiegel betrachtet, sich schminkt, um dann die Schminke weinend zu verschmieren, da kommt schon eine sehr depressive "loneliest girl in the world" Stimmung auf.
Eine wirkliche Handlung gibt es nicht, nur eine Aneinanderreihung von wirklich Erlebtem, Fantasiertem und Geträumtem, all das zentriert um ihre unglückliche Liebe, einem US-Musiker, der sie als Entspannung benutzte, was sie aber anders sah. Banal genug, aber sollte der Mann den Film sehen, würde ihm wohl Angst und Bange werden, was er da ausgelöst hat. Mit wilden Italienerinnen spielt man nur einmal!
Nun, aus all dem wird natürlich deutlich, dass der Film über die Fanschar der "Auteuse" hinaus von etwas verringerter Relevanz ist. Einige junge Damen werden sich durchaus mit dem ein oder anderen identifizieren können und ein paar Szenen sind filmisch tatsächlich sehr gut inszeniert, trotzdem bleibt das Werk - klarerweise - extrem personenbezogen. Die Fans aber, und ich gestehe, mich dazu zählen zu müssen, kriegen Asia Argento quasi lebensgroß ins Haus geliefert und auch die wichtigste Frage, die nach full frontal nudity kann von Herzen mit "ja!" beantwortet werden. Zwar nur kurz, aber dafür mit großer (wahrlich!) Entschädigung für alle rasierten Achselhöhlen, denn DER Busch kann sich - trotz Bikini-Schnitt - sehen lassen, Tattoo hin oder her. Asias Kommentar dazu ist nicht nur einer der Zwerchfellfetzer dieses Films, sondern auch sehr erhellend hinsichtlich einer anderen Kultur, die bisweilen beängstigt: "Ich grew this....this bush for the Japanese...they told me it would sell better in Japan if I grew a thick bush". Das sagt sie todernst. Dadurch bleibt dem Publikum des fernen Ostens nicht nur digitale Zensur erspart, nein, auch ich kann sagen: ick bin ein Japaner! Und gebe dafür vielleicht eine etwas höhere Punktezahl als der Film verdienen würde, aber ich kann hier beim besten Willen nicht objektiv sein!