Während Er, gespielt von Willem Dafoe, und Sie, gespielt von Charlotte Gainsbourg, miteinander schlafen, stürzt ihr unbewachtes Kind im Nachbarzimmer aus einem Fenster und stirbt dabei. Sie verfällt in tiefste Depressionen, weswegen Er, von Beruf Psychotherapeut, versucht, Sie in einer Hütte in der Wildnis zu therapieren. Dabei gelingt es ihnen jedoch nicht, eine intakte Beziehung wiederherzustellen, vielmehr endet die Therapie in einer blutigen Katastrophe.
In Cannes sorgte "Antichrist" bereits für Furore und wurde noch kontroverser diskutiert, als es bei Tarantinos "Inglorious Basterds" der Fall war und dies nicht nur wegen der Sex- und Gewalt-Szenen, sondern auch wegen Blasphemie, Sexismus und so ziemlich allen Punkten, die einen Film diskussionswürdig machen.
Und es fällt tatsächlich schwer "Antichrist" zu beurteilen, ist er doch so fern ab aller Stereotypen anzusiedeln und selbst für den Regie-Individualisten Lars von Trier höchst eigenartig. Zunächst einmal lässt sich aber sagen, dass "Antichrist" durchgehend zu unterhalten weiß, allein schon aufgrund seiner abgrundtief düsteren, tristen, bedrückenden und depressiven Atmosphäre, die durchaus zu fesseln vermag. Ohne auch nur einen Hoffnungsschimmer auf ein versöhnliches Ende zu wahren, treibt von Trier seine zerrissenen Charaktere immer tiefer in die Depression und deutet bereits früh an, dass sich die beiden gegenseitig zerfleischen werden. Dabei setzt er auf dunkle Bilder, die durchaus eine bedrohliche, aber packende Gewalt entfalten, eine entsprechende musikalische Untermahlung und verbreitet Angst vor so ziemlich allem, was im Film eine höhere Rolle spielt, von der Natur, der Frau bis hin zur weiblichen Sexualität und damit gelingt ihm unterm Strich auch ein Horrorfilm, der fesselt und gut unterhält.
Aber das Meisterwerk, als das "Antichrist" mittlerweile des Öfteren bezeichnet wurde, ist von Trier im Endeffekt nicht gelungen. Zwar ist der Ansatz um das Pärchen, das nicht über den Verlust des Sohnes hinwegkommt und in der Einsamkeit durchaus von der Lust auf Sex getrieben wird, damit aber nach wie vor den Tod des Sohns assoziiert, durchaus gelungen und hätte sicherlich den Nährboden für ein ausgezeichnetes Charakterdrama, eingebettet in einen Horrorfilm geboten, aber dies gelingt Trier, dessen Film auf Dauer immer wirrer und unlogischer zu sein scheint, unterm Strich nicht wirklich.
So rumpelt es im Mittelteil vor allem mit der religiösen Symbolik. Er und Sie, die im Film die einzigen Darsteller sind, da auf Nebendarsteller gänzlich verzichtet wird, stehen scheinbar für Adam und Eva, die in der Wildnis den Garten Eden aufsuchen. Nun könnte man mit der Interpretation insofern fortfahren, dass der Garten Eden, das Paradies, für die beiden verloren ist und auch die düsteren Zeichen aus der Natur irgendwie in die Deutung einbringen. Klar wird außerdem, dass die Frau hier praktisch mit dem Teufel gleichgesetzt wird, so wirkt der gesamte Wald nach der Verbrennung von Ihr (Achtung: Anspielung auf die Hexenverbrennungen) wie neu belebt und so lässt sich dann auch der Filmtitel irgendwie in der Interpretation unterbringen. Im Endeffekt steuert die Symbolik aber kaum etwas zum Inhalt bei, so ist "Antichrist" ganz klar symbolüberfrachtet, was hier und da arg fehl am Platz wirkt.
Passend zur düsteren Atmosphäre und zur kompromisslos depressiven Stimmung, geraten die Sex- und Gewalt-Szenen enorm naturalistisch. Die Grenzen des guten Geschmacks werden dabei des Öfteren durch direkt abstoßende, widerwärtige Gewaltszenen und mit pornografischer Präzision inszenierten Sex-Szenen des Öfteren gesprengt und, ohne an dieser Stelle näher darauf eingehen zu wollen, sei allen Zuschauern, die in dieser Hinsicht zart besaitet sind, von "Antichrist" abgeraten. Zwar unterstützen diese Darstellungen durchaus die düstere Atmosphäre, wobei sich noch zeigen wird, ob sich von Trier hiermit einen Gefallen getan hat, aber sie verhindern den endgültigen Sprung zum Meisterwerk, denn wenn die Handlung schließlich aussetzt, verkommen sie mitunter zum Selbstzweck und so muss sich von Trier die bösartigen Vergleiche mit "Hostel" und "Saw" zumindest teilweise gefallen lassen.
Zuletzt sind es die Darsteller, die den Film auch in seinen schwachen Phasen tragen und immer einen gewissen Unterhaltungswert aufrechterhalten. Charlotte Gainsbourg, der, wie Willem Dafoe auch, ihr Mut zu den naturalistischen Nackt-Szenen zunächst einmal sehr hoch anzurechnen wäre, spielt ihre Rolle rundum überzeugend, so erweckt sie zunächst Mitleid für ihre depressive Figur, zeigt sich dann aber auch als unberechenbare Psychopathin in beängstigend guter Verfassung. Daneben überzeugt auch Willem Dafoe auf ganzer Linie und wird seiner ambivalenten Figur, die seiner Frau zwar über die Depression hinweghelfen will, aber zunehmend der Selbstüberschätzung und Arroganz verfällt und dann auch noch seinem eigenen Grundsatz untreu wird, nicht mit seiner Patientin zu schlafen, voll und ganz gerecht.
Fazit:
Von seiner abgrundtief düsteren Atmosphäre und seinen brillierenden Hauptdarstellern getragen, ist Lars von Triers durch und durch depressiver und bedrückender Horrorfilm "Antichrist" durchaus über die volle Laufzeit fesselnd und schockierend, aber das Meisterwerk, als das er mittlerweile des Öfteren gehandelt wird, ist der Film definitiv nicht. Zu wirr wird das Geschehen zum Ende hin, zu symbolüberfrachtet ist der Film, der aus seinen tieferen Ansätzen keine einzige wirklich klare Botschaft herausholt, zu sehr entsteht auf Dauer der Eindruck, dass die, im Grunde schon als pervers zu bezeichnenden Sex- und Gewaltszenen auf Dauer ein wenig zum Selbstzweck verkommen. Dennoch empfehlenswert, aber nur für Zuschauer mit starken Nerven.
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