ANTICHRIST - Lustprinzip und Todestrieb
Mit dem 20. Jahrhundert kam die Kinematographie und markierte den Anfang einer neuen Ära unserer Kulturgeschichte. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis der Film von einer technischen Spielerei zum neuen Massenkunstmedium wurde, dessen Sprache und Wirkung maßgeblich von einer parallelen Entwicklung geprägt war. 1900 veröffentlichte Sigmund Freud seine Traumdeutung und sollte damit unser modernes Kulturverständnis prägen wie kaum ein anderer. Zugleich legte seine Traumtheorie aber auch den Grundstein der Filmkultur, obwohl Freud daran sicher nicht dachte, da er die Kinematographie verachtete und nie ernst nahm. Nichtsdestotrotz legte seine Theorie der "Traumarbeit" in erstaunlicher Klarheit die Mechanismen offen, mit denen die deutschen Expressionisten um Lang und Murnau oder etwa die Surrealisten um Bunuel in ihren Werken die moderne Filmsprache schufen. Das Kino war geboren und bediente sich der suggestiven (audio-)visuellen Wirkung von Verschiebung, Verdichtung, Verkehrung ins Gegenteil und Entstellung, ganz so, wie es laut Freud auch der Schlafende tut, wenn sein Unterbewusstsein sich zu Wort meldet. Film funktioniert nicht nur auf der Ebene einer bebilderten Geschichte, die er im einfachsten, langweiligsten Fall ist, sondern er bedient sich der Symbolkraft der Bilder, um das Irrationale im Zuschauer herauszufordern. Das erfordert einen aktiven Zuschauer und geht daher im besten Fall über bloße Manipulation hinaus. Kurzum: Ein guter Film wirkt auf uns wie ein Traum, und viele große Filmkünstler (von Murnau über Fellini und Bergmann zu Kubrick, Lynch und Lars von Trier) haben sich offen zu dieser Nähe bekannt.
Das Horrorgenre ist dann das filmische Pendant zum Albtraum. Es spielte deshalb von Anfang an eine Schlüsselrolle in der Kinogeschichte, wurde es doch von den schon erwähnten Expressionisten und Surrealisten ins Leben gerufen und lieferte Meilensteine wie "Nosferatu", "Der andalusische Hund", "Das Testament des Doktor Mabuse", etc. Die Errungenschaften des frühen Horrorfilms flossen mal mehr mal weniger ein in andere, weitaus rationaler konzipierte Formen des Erzählkinos, während das Horrorgenre selbst schnell zu einer abseitigen Randerscheinung wurde, bzw. in hybridisierter Form im Science-Fiction, im Film Noir oder im sogenannten "Thriller" (Hitchcock!) auftrat. Trotzdem setzten bedeutende Filmemacher bis heute immer wieder Glanzlichter von Angst und Schrecken, welche - in Form von Zombies, Psychopathen, Monstern und Aliens - aus der modernen Ikonographie des Films nicht wegzudenken sind.
In dieser Tradition des Horrorfilms steht Lars von Trier's "Antichrist". Verglichen mit anderen Genres ist dieser wohl die klarste Ausprägung der Traumarbeit im Film. Man muss ihn klar abgrenzen von den Sachen, die man heute als Horrorfilm bezeichnet. Der "ernste Horrorfilm" (nennen wir das mal so) ist immer psychologisch, suggestiv, symbolisch und verwendet, wenn überhaupt, explizite Gewalt als Mittel zum Zweck. Dieser Zweck ist dabei, wie Freud sagen würde, "jenseits des Lustprinzips" angesiedelt. Für die Slasherstreifen und Folterpornos, die man heute landläufig als Horrorfilm bezeichnet, ist die Gewalt, der Splatter, der Zweck an sich. Sie schöpfen ihr Unterhaltungspotential aus Schockmomenten und dem Ekel, bzw. aus der befriedigenden Vorstellung, dass andere geschockt oder geekelt werden, falls man selbst ekelresistent ist. Besonders prollige Franchises wie Saw, Hostel oder z.B. Final Destination haben in der Tat das Horrorgenre durch den Dreck gezogen. Ein ernster Horrorfilm sollte mindestens echtes Unbehagen durch Bilder der Angst wecken (in diesem Fall spricht man auch vom Gruselfilm im Gegensatz zum simplen Schockeffekt-Horror), oder, im besten Fall, uns etwas über uns selbst abseits der Vernunft erzählen.
"Antichrist" wählt als Ausgangspunkt eine handfeste Psychose: Die Depression. Der Film handelt von einem Ehepaar, das ihr Kind durch einen Unfall verliert, wodurch die Frau, gespielt von Charlotte Gainsbourg, an akuter Depression erkrankt. Körperlich geschwächt von Panikattacken verfällt sie einem selbstzerstörerischen Wahn, den ihr als Psychologe arbeitender Mann (Willem Dafoe) zu therapieren versucht. Lars von Trier war während der Dreharbeiten selbst an Depression erkrankt und musste gar aufgrund von Angstattacken ärztlich behandelt werden. Der Film ist seine Therapie. Er zeigt jedoch eine Chronologie des Scheiterns der Vernunft, dem im Unterbewussten verankerten und durch die Neurose entfesselten Irrationalen Herr zu werden. Freud hatte seinerzeit richtig erkannt, dass eine solche entfesselte Unvernunft der wohl wichtigste Quell der Angst und des Unbehagens in einer auf Rationalität fußenden Kultur ist. Nicht umsonst wird Freud wörtlich im Film genannt.
Eingeteilt in Prolog, vier Kapitel und Epilog, beginnt Lars von Trier sein Traktat mit einem intensiven Porträt der Depressionsneurose. Charlotte Gainsbourg vermittelt mit ihrem intensiven, körperbetonten Spiel spürbar, wie eine Mutter an ihrer Trauer um das tote Kind zerbricht. Weinkrämpfe, Übelkeit, sprunghafte Gefühlsschwankungen und Zitteranfälle zeichnen ein schonungsloses, aber bemerkenswert realistisches Bild ihrer Depression. Ihr Mann hingegen, ein durch und durch geduldiger und verständnisvoller Willem Dafoe, vermag seine Trauer mit Hilfe der Vernunft in Zaum zu halten und kämpft verzweifelt um die Heilung seiner Frau. Doch seine Standhaftigkeit erscheint ihr kalt und gefühllos, sie beginnt ihm zu misstrauen und sich von ihm zu entfremden. Die Konstellation ist denkbar klar und einfach, doch das schadet dem Kammerspiel keineswegs. Von Trier und sein brillianter Kameramann Anthony Dod Mantle finden intime Bilder, die den Schmerz geradezu physisch erlebbar machen, wie das auch Aronofsky mit "Requiem for a Dream" bemerkenswert gelang. Konsequent ist Gainsbourg in allumfassende Schwärze gehüllt, ihr Gesicht nur durch schwache Glanzpunkte schemenhaft ausgeleuchtet, sie verliert sich regelrecht in Dunkelheit. Warme Lichtquellen, wie etwa eine Nachttischlampe, gehen eher von Einstellungen mit ihrem Mann aus. Gerade zu Beginn des Films spielt sich fast alles im Schalfzimmer ab, von dem man jedoch kaum etwas wahrnimmt. Immer wieder umschlingen sich die Körper, immer wieder sieht man nichts als ein schwarzes Gewühl von Haaren. Die Kamera bewegt sich dabei zwar ruhig, aber unsicher, als würde sie etwas Verlorenes suchen. Mal verdoppelt sie die zuneigende Gestik Dafoes, mal setzt sie zu einem Schwenk weg von Gainsbourgs schmerzvollem Gesichtsausdruck an, nur um sofort wieder zurückzuweichen, als würde sie sich nicht trauen. Nervöse Scharfstellungen, Achsensprünge im Schnitt, Zooms und unklare Detailaufnahmen gehen einher mit einer kargen Tonspur, die den stechenden Dialogen gelegentlich einen zähen Teppich aus Fiepen und Dröhnen entgegensetzt.
Der Film nimmt eine Wende vom Bergmannschen Psycho-Kammerspiel zum konkreten Horror, als der Frau klar wird, dass ihre Angst mit dem Wald zusammenhängt, in den sie sich einmal mit ihrem Sohn zum Schreiben ihrer Doktorarbeit in einer Hütte zurückgezogen hatte. Die Therapie ihres Mannes geht in die nächste Phase: Er will sie mit ihrer Angst konfrontieren. Von Trier, der hier aus eigener Erfahrung spricht, erwähnte in einem Interview mit dem SPIEGEL (Online-Artikel vom 31.08.2009) einmal seine Verwunderung darüber, wie wenig wir eigentlich über unsere Psyche wissen, wenn das einzige, das der modernen Psychotherapie einfällt, um Angst zu heilen, die Konfrontation mit ihr ist. "Es ist schon seltsam, dass die Wissenschaft in diesem Feld so primitiv ist. Die ganze Weisheit der Profis lautet: Wenn du Angst vor Spinnen hast, dann nimm eine Spinne in die Hand."
Unnötig zu erwähnen, dass der Therapieversuch Dafoes im Film scheitern muss. Im Gegenteil wird alles zunehmend schlimmer. So findet sich der irritierte Vernunftmensch hilflos im Gestrüpp des Waldes wieder, was nervöse Schwenks (mit Einsatz von Linsenfehlern) durch die dunkle Farn- und Baumstruktur verbildlichen. Auf der anderen Seite bahnt sich eine geisterhafte Albtraumoptik mit extremen Zeitlupensequenzen an. Ein schauriger Animismus belebt den Wald und die Tiere, vermischt mit abergläubischen Hexenmythen, und in dieser Natur offenbart sich nun das Freudsche Es der Frau und überwältigt die Ratio/ihren Mann. Eros und Thanatos wechseln laufend ihre Fronten. Der zerstörerische Wahn kulminiert in drastischen Akten der "Kastration".
Hier folgt von Trier konsequent einer frei assoziierenden Traumlogik, wie man sie von David Lynch (Eraserhead!) kennt. Der Wald, die Natur ist das Böse, was Gainsbourgs Figur auf sich projeziert. Plötzlich ist ihre weibliche Natur das Böse, sie die verführerische Hexe. Ihre Hilflosigkeit verkehrt sich in ihre Schuld. Eine derartige Verkehrung ins Gegenteil ist ein wichtiger Mechanismus der Traumarbeit ist oft ein wesentlicher Angelpunkt von ernsten Horrorfilmen. Ein klares Beispiel dafür ist etwa "Ein Kind zu töten...".
Beispiellos an "Antichrist" ist hingegen die kompromisslose und explizite Vermischung von Lust- und Todestrieb, wie es sich bisher kaum ein ernster Horrorfilm getraut hat. In Ansätzen und mit ähnlicher Thematik brachte das vor kurzem Fabrice du Weltz mit dem hervorragenden Horror-Rausch "Vinyan" fertig.
Wie vom dänischen Meister und seinen intensiven Dramen gewohnt, geht von Trier auch hier den Weg ins Extreme bis zum Ende, er driftet jedoch nie in selbstzweckhafte Geschmacklosigkeit ab. Ich hatte allerdings am Ende das Gefühl, dass er da und dort noch effektiver hätte sein können, den Film zu einer unmittelbaren Körpererfahrung zu machen. Von Trier bleibt einer der besten Kino-Magier unserer Zeit, er polarisiert, spielt mit seinem Publikum, affrontiert es gelegentlich mit Übertreibungen (z.B. der "Chaos regiert!"-Fuchs im Film), aber er treibt den Zuschauer, der sich auf ihn einlässt, auch in emotionale Abgründe, wie kaum ein anderer. Im Fall von "Antichrist" macht man es sich zu einfach, wenn man ihm aufgrund der expliziten Bilder Pornografie vorwirft.
Bleibt die Frage, warum von Trier den Film Tarkovskij gewidmet hat. Die Antwort liegt m. E. in der Natur, die hier wie bei Tarkovskijs episch-philosophischen Werken dazu dient, den Seelenzustand des Menschen bloßzulegen. Bei "Antichrist" ist es freilich das ungezügelte, primitive Triebprinzip.