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Nun hab ich es also doch noch geschafft. Kurz bevor der "Antichrist" wieder aus den deutschen Kinos verschwindet konnte ich doch noch ein Ticket für eines dieser winzigen Programmkinos ergattern - ganz ohne Dolby-Surround, mit gerade einmal vier Reihen und geschätzten 10 Sitzen pro Reihe. Seltsam, aber irgendwie war es eine willkommene Abwechslung zum allgegenwärtigen Multiplexwahn. Diese Abwechslung widerum stellte auch Lars von Triers Film dar. Ob jedoch "willkommen", das möchte ich dann doch etwas genauer unter die Lupe nehmen:

"Antichrist" beginnt, untermalt von Händels Rinaldo, mit einer wunderbaren Schwarz-weiß Sequenz, in extremer Zeitlupe. Nach dem Prolog verliert sich diese Elegie, zumindest was die Kameraführung angeht. Erzählt wird nach wie vor langsam, ja beinahe uninteressant. Willem Dafoe will seine Frau (Gainsourg), die nach dem Tod des Sohnes völlig am Boden zerstört ist, therapieren.  Dazu fährt er mit ihr in den Wald Eden (welch sublime Symbolik!). Spätestens hier wird ersichtlich, was für den gesamten Fiml und zwar in jeder Beziehung gilt. Extreme, wunderschöne, künstlerische Bilder wechseln mit einem billig wirkenden DV-Videolook, tolle Effekte (etwa ein Reh das eine Todgeburt mit sich schleppt) mit seltsam unpassend wirkenden Computeranimationen (Daffoe in einem Regen aus Eicheln) und dann eben die Geschichte. Die erste Hälfte ist voller verständlicher Symbolik, es geht um den Tod des Kindes (die Bäume verlieren tausende Eicheln die nicht zu Bäumen werden, die Totgeburt des Rehs), auch die (gefühlte?) Mitschuld der Mutter (das verkehrte Anziehen der Schuhe), das Scheitern der Beziehung an diesem tragischen Unfall, die Flucht von "Ihm" in die Therapie ... . Alles nachvollziehbar, deutbar - nur dann kommt diese Hexengeschichte ins Spiel und auf einmal weichen all diese Dinge einem beinahe platten, weil zu deutlich ausgesprochenen Diskurs über die "Erbsünde" der Frau (allein schon der Name des Waldes "Eden" ist im Nachhinein gesehen eher platt gewählt). Gainsbourg bezeichnet alle Frauen als von grundauf Böse und nun kommen die Szenen, die dem Film seine 18er Freigabe eingebracht haben. Dasheißt im Grunde ist es nur eine einzige Szene, die - versteht man den Film im frauenfeindlichen Kontext, und auch wenn ichs versucht habe, diesen Eindrucks konnte ich mich gegen Ende nicht mehr verwehren - einem mehr als bitter aufstößt.

Ist es nun von Triers Absicht einfach nur einen Schlag in die Gesichter aller Frauen dieser Erde zu schmettern? Oder steckt hinter all den zuletzt leider eher unglücklichen Hexenvergleichen, den blutigen Verstümmelungen nun doch eine Metapher für etwas ganz anderes, das Zerbrechen einer Beziehung? Diese Fragen sind wichtig, entscheiden sie doch über die Bewertung des Films. Ich versuche mich ein wenig in die positivere Richtung einzupendeln, denn sonst gäbe es für den "Antichrist" eine glatte Null. Dann handelt es sich also bei der Natur, die grausam und furchterregend inszeniert wird nun doch um die Natur des Menschen wie kurz im Film angesprochen? Dann sind Mühlsteine im Unterschenkel und Beschneidungen nur Bilder für den Verlust der Liebe (auch im sexuellen Sinn) und das aneinander hängen und doch voreinander flüchten wollen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, das Trier eine - wie ihm oft vorgeworfen wurde - reine Abrechnung mit dem weiblichen Geschlecht im Sinn hatte, dazu gibt es zu viel Symbolik. Warum er jedoch wie im Abspann erwähnt jemanden zur Recherche des Themas Horrrfilm benötigte will mir nicht ganz einleuchten. In diesem Sinne, Herr Trier, wenn sie ihr nächstes Projekt anpacken, beschäftigen sie sich doch bitte selbst mit dem Genre das sie verfilmen.

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