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Ein junger Psychiater und seine junge Frau sind in unbeschreiblicher Trauer über das Ableben ihres kleinen Sohnes, der, während die beiden sich liebten, aus dem Fenster gefallen ist. Vor allem die Frau ist am Boden zerstört, und die logische Schlussfolgerung, die ihr Mann zieht, ist, dass er sie behandelt und versucht, durch sie Reden über ihre Trauer hinwegzutrösten. Nach mehreren Streitereien kommen die beiden unter anderem auf das Thema Angst zu sprechen, und da die Frau den Wald als gefürchtetsten Ort angibt, beschließen sie gemeinsam einige Zeit in einer Hütte im Wald Eden zu verbringen, um über den Verlust hinwegzukommen. Doch die Lage spitzt sich immer mehr zu, und als die Frau droht, den Verstand zu verlieren, merkt ihr Mann, dass er keine Kontrolle mehr über die Lage hat. Irgendwann läuft die Sache aus dem Ruder, und ein schrecklicher Alptraum beginnt.

Der deutsche Regiesseur Lars von Trier hat mit diesem Film, der den programmatischen Titel "Antichrist" trägt, weltweit für Furore gesorgt, und es wurde schon vor der VÖ heftigst über das Werk diskutiert. Und man kann nur eines sagen: Antichrist ist ein absolutes Meisterwerk, welches erschüttert, fasziniert und zugleich abstößt.

Der Film ist quasi ein intensives Kammerspiel, nicht weil er an einem Ort stattfindet (das tut er nämlich nicht), sondern weil es einzig und allein um die Beziehung der beiden Protagonisten geht. Die Dialoge sind erstklassig, und realistisch, man hat das Gefühl, als hätte der Autor eine solche Situation hautnah miterlebt, und würde seine Erfahrungen 1:1 wiedergeben. Der Konflikt zwischen den beiden Parteien ist geprägt von Hass und Liebe, Enttäuschung und Abhängigkeit, Vorwürfen und Dankbarkeit. Das interessante an der Situation ist, dass der männliche Protagonist nicht nur Ehemann und Trauernder, sondern zugleich Psychologe ist. Die Rolle, die er verkörpert ist genau so ambivalent und paradox, wie die der Frau, welche teilweise apathisch, und von Selbstzweifeln zerfressen, aber hier und da auch als labiles und agressives Nervenbündel daherkommt. Aufgrund der Vielschichtigkeit der Situation, der Hauptfiguren und der komplizierten Beziehung, die sie zueinander haben, ist man als Zuschauer automatisch mitgerissen, und unklar darüber, welche Stellung man beziehen sollte, da der Film mit dem Tod des Kleinkindes anfängt, und man über das frühere Leben der Familie im Dunkeln gelassen wird. Insofern ist man auf menschlicher Basis gezwungen, immer wieder neue Ansichten zu entwickeln.

Jedoch kommt der unbeschreibliche Reiz des Filmes nicht nur von der intensiven und im Grunde genommen traurigen Beziehung zwischen den beiden, sondern auch von seiner genialen Geschichte. Diese ist in Kapitel unterteilt, die solche Namen tragen wie "Gynocide" ("Massenmord an Frauen"), "Grief" (Trauer) oder "Prologue". Dies finde ich sehr gelungen, da Antichrist in meinen Augen mehr mit einem Gedicht oder einem lyrischen Werk zu vergleichen ist, als mit dem geradlinigen Erzähl- und Actionkino der Moderne. Der Konflikt spitzt sich immer weiter zu, und dies ohne Einwirkung von außen, lediglich die Trauer, der Hass und die Klaustrophobie inmitten des Waldes treiben das Geschehen auf seine Spitze, welches absolut brutal und unerwartet ist, und wohl niemanden kalt lassen wird.

Im Grunde genommen ist der Film primär eine Charakterstudie über Menschen in Ausnahesituationen und die Bewältigung von unaussprechlichem Leid, doch der Film hat noch mehr zu bieten. Lars von Trier verleiht der packenden Geschichte einen gewissen philosophischen und existenziellen Unterbau, welche er vor allem durch Symbolik vermittelt. So finden wir zum Beispiel eine Unmenge an (auf den ersten Blick eher nebensächlichen) Szenen, in denen das morbide, aber absolut rationale Verhältnis zwischen Natur und Tod hinterfragt wird. Die Natur besteht nur aufgrund von Tod und Reproduktion, dies wird zum Beispiel in einer Szene wunderschön beschrieben, in der Eicheln auf das Dach rasseln, und die Frau sagt, dass alles im Wald aus Tod besteht, sogar die Eicheln sterben. Dieser Gedankengang ist zwar nichts neues, und eigentlich allgemein anerkannt, doch der Film stimmt diese allgemeingültige Aussage mit der Situation des Paares ab, und zeigt Bilder von einem gebährenden Reh, dem eine Totgeburt aus der Scheide hängt und einem Küken, welches tot aus dem Nest fällt, und die Frau während einer Therapiestunde daran erinnert, dass es nunmal keine Gründe dafür gibt, warum gerade sie ihr Kind verloren hat. Leben ist Tod, Tod ist Leben; das ist die grausame Wirklichkeit der Natur.

Weiterhin hinterfragt das Werk, indem es den Menschen und die Natur als einheitlich und doch als fremd darstellt, auc die Wurzeln des "Bösen". Ist die Natur böse, nur weil sie zulässt, dass alles, aus dem sie besteht zu Grunde geht? Ein sehr wichtiger Aspekt dieser These ist die Thematik der Hexenverbrennung (oder der Hexen im allgemeinen), welche sehr häufig auftaucht. Die Frau sagt in einer Szene, dass ein Frauenkörper stets Untergebener der Natur ist, und somit von Grunde auf böse. Ihren "Übertritt" zu dieser dunkelen Seite wird deutlich, als sie nachts unter einem hohlen (also toten) Baum masturbiert, woraufhin sie auch vollends böse wird. Somit bekommt das Motiv des Wahnsinns einen philosophischen und geschichtsschwangeren Hintergrund, der sich nahtlos in das  Geflecht der Geschichte einreiht.

Auch Sex spielt eine enorme Rolle, und wird hier weniger als sinnlich oder gar erotisierend dargestellt, sondern als Natur selbst. Es ist kein Zufall, dass das Kind stirbt, während seine Eltern sich lieben. Die Natur und Grundessenz allen Lebens ist auch zugleich ihr unvermeidlicher Untergang, und dieser Gedankengang ist es auch, der die Frau gegen Ende bei ihren Taten leitet. Auch hier wird die Verbindung zwischen Leben und Tod klar, und deshalb raubt die Frau auch gegen Ende zuerst ihrem Mann und danach sich selbst das, was sie im Endeffekt zu einem Teil der Natur macht. Es ist unglaublich auf wievielen Ebenen die Geschichte funktioniert.

Der nihilistische, traurige und an sich herzzereissende Unterton kommt nicht von den Gewaltszenen und auch nicht primär von der Handlung oder der Symbolik. Er ist das Produkt der Aussage des Filmes, denn im Endeffekt trifft was Werk, dass zwar unendliche Qualen schildert, jene aber als das natürlichste der Welt beschreibt (was auch richtig ist) daher, dass ein völlig verstörendes Bild von dem Menschen an sich gemalt wird. Deswegen heißt der Film auch Antichrist: Er zeigt das Wesen Mensch nackt und hilflos, wie es der Natur (so wohl seiner eigenen Natur, als auch der "fremden" Natur des Waldes) ausgeliefert ist, und schlußendlich das Opfer seiner eigenen Wurzeln wird. In der Geschichte ist kein Platz für christliche Vorstellungen von heiler Welt und einer absoluten und omnipotenten Kraft, welches eine schützende Hand über das Schicksal jedes einzelnen hält, und es gibt auch keine ausgleichende Gerechtigkeit. Es gibt nur das Tier Mensch, gefangen in seiner Trauer, seinen Verhaltensweisen und seiner Überforderung, welche allesamt eine Selbstzerstörung hervorrufen.

Lars von Trier fängt die geniale Geschichte in wundervollen Bildern ein. Das Gespühr, dass der Mann für das Visuelle hat, ist schier unglaublich. Die Anfangssequenz, in der der Sohn sein Leben verliert, wird in langsamen schwarz-weiß Bildern erzählt, und obwohl der Geschlechtsakt der beiden sehr detailgetreu eingefangen wird, verliert er in keinster Weise den Sinn für Ästhetik, ganz im Gegenteil. Schon alleine die ersten 10 Minuten wirken wie ein Ballett; wie ein verfilmtes Gedicht, und dennoch zeigen sie Vorgänge die schlimmer nicht sein könnten. Die Szenen im Wald suggerieren konstante Bedrohung, Dunkelheit, Hass und Verlorenheit, dennoch wirken sie märchenhaft, wunderschön und fesselnd. In den teilweise traumartigen Sequenzen wird der geneigte Zuschauer mit zauberhaten Bildern verwöhnt, denen sich wohl kaum jemand entziehen kann. Dabei schafft man es ganz klar, die Ambivalenz des Waldes, und das wofür er steht sowohl als todbringende Bedrohung, aber auch als Ort der Magie darzustellen, was Hand in Hand mit der Grundaussage über das Leben und die Naturgesetze, denen es unterworfen ist, geht. Alles passt zusammen, und ist Teil des Mosaiks, welches den Zuschauer im Endeffekt mit sich selbst konfrontiert, und darum ist Antichrist auch ein ganz besonderer Film.

Fazit: Antichrist ist kein Horror- oder Splatterfilm. Antichrist ist ein Meisterwerk, ein lebendiges Stück Kunst und fleischgewordene Philosophie, welche Abgründe und Leid zwar aufzeigt und die Wurzeln erforschen will, aber nicht wertet, das überlässt von Trier dem Zuschauer. Der Film ist nichts für einen gemütlichen Fernsehabend, oder für zwischendurch. Antichrist regt zum nachdenken an, verstört, zeigt auf, hinterfragt und lässt einen doch mit seinen Gefühlen allein, und lullt den Zuschauer mit der Magie des Lebens ein, um im Endeffekt Schattenseiten desselben so intensiv und echt zu übermitteln, wie es noch selten der Fall war. Dieser Film ist absolute Spitzenklasse, und mit nichts vergleichbar, ich bin beeindruckt.

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