Lars von Triers „Antichrist“ schlug wegen seiner Gewaltspitzen Wellen, gelegentlich wurde die Ästhetik in den harten Szenen gar mit Dario Argento verglichen, doch trotz aller Härte ist er in erster Linie ein Arthouse-Drama.
Zu den unangenehmsten Szenen gehört gar die Eröffnung, welche allein durch Unausweichlichkeit und Fatalismus auf den Magen schlägt: In schwarz-weiß gefilmt sieht man einen Psychotherapeuten (Willem Dafoe) und seine Frau (Charlotte Gainsbourg) beim Sex, während ihr Sohn aus dem Kinderbett krabbelt. Selbst wenn man sich noch nicht über den Storyverlauf im Vorfeld informiert hat, so ahnt man doch, was kommen wird, doch von Trier lässt sich Zeit: Verlangsamte Aufnahmen, immer wieder Zwischenschnitte auf das Paar beim Sex, während das Kind erst das Bett verlässt und sich durch sein Kinderzimmer, gesäumt von Symbolen der Unschuld, langsam zum offenen Fenster bewegt.
Ein Zeitsprung, der Film schaltet in den Farbmodus um, die Eltern bei der Trauerarbeit. Ein gemeinsamer Aufenthalt in einer entlegenen Waldhütte soll Abhilfe schaffen, vor allem die psychische Verstörung der Gattin kurieren, und gleichzeitig die Ehe reparieren…
„Antichrist“ ist durch und durch reduziert, regelrecht spartanisch. Die Hauptfiguren haben keine Namen, außer den beiden Hauptdarstellern treten kaum Personen auf und hier handelt es sich eigentlich auch nur um Statisten. Es liegt also an dem famosen Schauspielerduo den Film zu tragen. Auf der einen Seite ist dort Willem Dafoe, der den selbstherrlichen Ehemann gibt, der in seiner Verblendung glaubt, dass er den Schlüssel zur Heilung seiner Gattin hat, den schließlich ist er ja Psychotherapeut – de facto sieht er aufgrund der Nähe zu seiner Frau nicht, was deren Probleme sind, und muss schließlich den Preis dafür zahlen. Auf der anderen Seite ist dort Charlotte Gainsbourg, die als Ehefrau (selbst)zerstörerisches Verhalten zeigt, deren Figur weder als verstörtes Unschuldslamm noch als Hexe gezeigt wird, wobei der Film mit letzterer Deutung spielt, denn um den Wald, in dem „Antichrist“ spielt, ranken sich geschichtsträchtige Mythen und Legenden.
In genau diese versteigt sich die Ehefrau auch gerne, überträgt deren Tiersymbolik auf Erlebnisse in und um die Hütte – oder doch nicht? „Antichrist“ lässt sich über weite Strecken als Psychostudie (seine Deutung) oder als Anhäufung mythischer Erlebnisse (ihre Deutung) lesen, erste Deutung würde den Film zu einem reinrassigen Drama machen, letztere ihn in die Nähe des Horrorfilms bringen, wollte man tatsächlich eine Genreeinordnung vornehmen. Dies ist aber ähnlich zweitrangig wie die Story, die als Aufhänger für ein intensives Mit- und Gegeneinander zweier Ehepartner, das zum Ende richtig unangenehm wird, in schonungslosen Bildern Verstümmelung und Selbstverstümmelung zeigt, die Gewalt nicht ausblendet, nicht ästhetisiert, sondern glorifiziert, sondern einfach nur in voller Rohheit zeigt und dadurch mitnimmt.
Ein wenig störend ist da allenfalls das Ende, das beinahe apokalyptisch wirkt und mit Freundlichkeit zweideutig zu lesen ist: Entweder teilt er ihre Psychose mittlerweile oder sie hat tatsächlich recht und er muss dies als Zweifler erkennen. Jedoch wirkt dies nach dem intimen, persönlichen Drama, das man zuvor erlebt hat, etwas uneinheitlich, trotz aller Vorbereitung leicht unpassend, was etwas schade ist.
Dennoch ist „Antichrist“ ein Film, der auf jeden Fall mitnimmt und verstört, egal ob es nun in expliziten Sex- und Gewaltszenen ist oder der subtiler, aber nachhaltig verstörenden Eröffnungssequenz. Kein Film für Plotfetischisten oder zarte Gemüter, vielleicht auch eher eine filmische Erfahrung denn ein klassischer Handlungsfilm, aber durchaus sehenswert.