Laterne Laterne, Sonne Mond und Sterne
Während unten die religiösen Pogrome toben, wechselt Amenábar immer wieder zu mystisch stilisierten, fast schon poetisch anmutigen Bildern von Sonne, Mond und Sternen und des Erdballs in der Unendlichkeit des Kosmos. Gar scheint es als habe dieser zwar atheistische, dennoch spirituelle Film große Ehrfurcht vor und Bewunderung für die Natur des Universums und wundere sich, dass der verschwinden kleine Mensch sich wegen religiöser Vorherrschaft gegenseitig niedermetzelt.
Mal abgesehen von Zeit und Ort der Handlung erzählt dieser historisch freizügige Film eigentlich eigentlich nichts Neues über kirchliche Unterdrückung von Wissenschaft zwecks Erhalt von Erklärungshoheit, über gezielte politische Einflussnahme der Kirche durch das Stilisieren des Wortes Gottes (bzw. der eigenen Auslegung davon) zum allgemeingütigen Gesetz, an das sich auch weltliche Herrscher halten müssen, über Verfolgung der Un- und Andersgläubigen zwecks Sicherung der eigenen Vormachtstellung. Natürlich: Das Christentum hat im Laufe seiner Geschichte Millionen Menschenleben auf dem Kerbholz und missbrauchte Religion immer wieder zu machtpolitischen Zwecken.
Dennoch will “Agora” keinen Hass schüren, obwohl man das annehmen könnte aufgrund von Szenen, wo ein amorpher christlicher Mob durch die Straßen Alexandrias zieht und Juden schlachtet oder wissenschaftliche Schriften vernichtet. Der meist von oben gefilmte rumwütende Christen-Mob wird ja regelrecht zur Heuschrecken-Plage stilisiert, was sehr toll ist. Aber das ist bloß eine Bande ignoranter, bildungsferner Menschen, deren Unmündigkeit sie empfänglich macht für die Lehren eines machthungrigen Bischofs. “Agora” stellt sich somit nicht gegen das Christentum oder gegen Religion per se, sondern gegen deren Missbrauch und gegen Indoktrination. Auf der anderen Seite plädiert der Film für Bildung, für Wissenschaft, für die Mündigkeit des Einzelnen und schafft im Laufe der Erzählung einen Konflikt zwischen kirchlicher Lehre und weltlicher Wissenschaft, der gewaltsam zu Gunsten kirchlicher Lehre entschieden wird.
Und in zweiter Linie ist “Agora” natürlich auch ein Werk über die Unterdrückung von Frauen.
Das ist wie gesagt alles im Kern nicht neu. Dennoch ist es spannend und eindrucksvoll wie im Laufe der (stellenweise leider etwas fahrigen) filmischen Handlung minutiös illustriert wird wie Bischof Kyrill krakenhaft seine Tentakel ausbreitet und die Macht immer mehr an sich reisst, sogar den römischen Statthalter unterjocht und als letzte Konsequenz die Wissenschaftlerin Hepatia als Hexe brandmarkt, weil ihre Lehren die Ignoranz gefährden, welche nötig ist, damit die Menschen der Kirche blind folgen. Im Zentrum der Ereignisse steht aber natürlich nicht Kyrill, sondern Hepatia, die von der Gleichheit aller Menschen predigt und ein neugieriges Interesse am Verstehen kosmischer Vorgänge hat und den Platz des Menschen im Universum ergründen will (und der Mensch sei klein und solle sich lieber in Bescheidenheit üben, scheint Alejandro Amenábar mahnen zu wollen mit seinen wiederholten virtuellen Zooms aus dem Weltall hinunter auf das vermessene Treiben in Alexandria).
Die kluge, herzliche, doch für Männer unnahbare Hepatia wird vom Film als spät-antiker Nerd dargestellt, der sich gänzlich der Wissenschaft verschrieben hat. Sie ist bei ihren Experimenten zum Beweis der Kugelförmigkeit der Erde und ihres Kreisens um die Sonne dermaßen eifrig, fleißig und von euphorischer Neugier geprägt, dass man stellenweise glauben könnte, die Frau lebe in einem wissenschaftlichen Elfenbein-Türmchen und würde die machtpolitischen Entwicklungen um sie herum unterschätzen. Dem ist aber nicht so, wie ihr Satz “Cyrill has won already” kurz vor Ende des Films rückwirkend klar stellt.
Von Rachel Weisz würde ich zwar kein Taschentuch annehmen wollen, aber sie schafft es doch, Hepatia mit viel Würde und der vom Film intendierten, fast schon magischen (sexuellen) Anziehungskraft auszustatten. Bloß bei Hepatias weinerlichem Zusammenbruch hätte man zwei Sekunden eher von der Großaufnahme in die Totale wechseln sollen, um Weisz die Peinlichkeit ihrer in dieser Szene misslungenen Mimik zu ersparen.
Amenábar hat teilweise Beachtliches geleistet. Abgesehen vom Fakt, dass er eine antike Stadt eindrucksvoll zum Leben erweckt durch Kulissen mit CGI-Extensionen und Kostümen, schafft er einige Szenen von immenser Eindringlichkeit. Am emotionalsten ist sicherlich die Zerstörung der Bibliothek durch die Christen, weil hier schlagartig das Wissen mehrerer Jahrhunderte ausgelöscht und das Zeitalter der Ignoranz eingeleitet wird. Und Amenábar schafft es, dieser Sequenz eine Stimmung von fassungsloser Traurigkeit zu geben. Toll ist natürlich auch die Szene mit den ausgebreiteten Armen der Bedürftigen in der Kirche, von denen es endlos viele zu geben scheint; hier wird ohne Worte deutlich, warum der Sklave Davus sich zum Christentum hat verführen lassen (wie auch sonst viele Entscheidungen und Wandlungen der Figur Davos nonverbal und nicht immer eindeutig kommuniziert werden, was gelungen ist).
"Agora" ist ein Wehklagen über Fundamentalismus, religiösen Machtstreit, über die Dummheit des Menschen, und somit ist es ein Film, der weniger durch die Figuren als durch die Art der Behandlung seiner übergeordneten Thematik Emotionalität erzeugt. Amenábar erzählt mit epischer Größe und schafft ein Gefühl von Dringlichkeit und Brisanz. Durch den pompösen Score und die ehrfürchtigen Bilder der Gestirne erzeugt er zudem eine gleichsam mystische und spirituelle Stimmung, welche den Film wie eine Meditation wirken lassen.
Mag "Agora" aufgrund seiner teils unkonzentrierten und fahrigen Erzählstruktur auch kein perfektes Werk sein, ist es doch eine packende Geschichte über christliche Machtergreifung und religiöse Kontamination der Gesellschaft einerseits und ein ehrfürchtiges Werk über die Wunder der Natur und deren Erforschung andererseits.