Josh Hartnett ist in den letzten Jahren filmisch deutlich weniger in Erscheinung getreten. Zufall ist das nicht, dahinter steckt eine neue Strategie, die ihn vom Hollywood-Heartthrob-Image befreien und als Schauspieler neue Türen öffnen soll. „Neu“ ist allerdings relativ zu verstehen, denn eigentlich hat er sich bereits um 2002 aus dem Hollywood-Business zurückgezogen, nachdem ihm der Trubel um seine Person nach „Pearl Harbor“ und „Black Hawk Down“ zu groß geworden war und er Privatsphäre einfach schätzt. Hartnett bekam nach eigener Aussage in dieser Zeit nur Rollenangebote die ihn als Actionhelden vorsahen, was ihn schauspielerisch nicht länger reizen konnte. Er sah die Zeit gekommen, auf den ambitionierteren Independent-Film umzuswitchen, wo der „berühmte“ Schauspieler deutlich mehr Einfluss auf die Mache des Films und auf seine Rollenausgestaltung nehmen kann, als es in Hollywood möglich ist. Dass er durch diese einseitige Entscheidung - für den Independent-Film und gegen Hollywood - viel Geld und Ruhm am Wegesrand liegen lässt, scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren, darf vom Normalbürger aber auch als sehr angenehm empfunden werden. Hartnett in einem Blockbuster wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben, einzige Ausnahme könnte ein „Sin City 2“ sein, wenn Rodriguez sich dazu mal bequemen sollte…
Ein Nachteil des Indies ist natürlich auch die deutlich schwächere und langsamere Vermarktung, wie man auch an „I Come With The Rain“ sehen kann. Hier hat es über drei Jahre gedauert, den Film wenigstens fürs Heimkino anzubieten, sodass ich bereits vor etwa zwei Jahren auf englischsprachige Angebote aus Asien zurückgriff. ICWTR passt von den Voraussetzungen her also perfekt zu „Hartnett v2.0“: Endlich Rollen spielen, in denen man sich als Schauspieler beweisen kann und inhaltlich etwas anderes als den ausgelutschten Mainstream darstellen. Sehr gut gelungen ist ihm das bereits mit „Lucky Number Slevin“. Ob ICWTR qualitativ dazu ausreicht ihm auf seinem Weg zu helfen, soll letztlich jeder selbst entscheiden.
„Kline ist einer der besten Cops von Los Angeles. Bis er in der Gewalt des perversen Serienkillers Hasford die Hölle auf Erden durchlebt. Seelisch und körperlich gebrochen, quittiert er den Dienst und schlägt sich fortan als Privatdetektiv durch mehr schlecht als recht. Eine neue Mission soll Kline von seinem Trauma erlösen. Im Auftrag eines mächtigen Magnaten reist er nach Südostasien, um dessen vom Erdboden verschluckten Sohn Shitao ausfindig zu machen. Schnell kommt Kline zu der Überzeugung, dass Shitao nicht mehr am Leben sein kann. Doch dann gibt es eine erste Spur in Hongkong, die den Amerikaner geradewegs zu dem brutalen Gangster Su und dessen drogenabhängige Freundin Lili führt - und einem mysteriösen Geheimnis, das den angeschlagenen Detektiv endgültig den Verstand rauben könnte.“(http://ascot-elite.de/movies/index.php?movie_id=912)
Man muss dem Schreiber des Klappentextes wirklich ein Kompliment machen, denn der klingt doch durchaus spannend oder empfinde das nur ich so? Die Wahrheit aber ist, dass dort bereits 95 % dessen steht, was sich über den Film sagen lässt. Die dünne Story ist DER Hauptkritikpunkt, sie ist nicht in der Lage, den Film annähernd zwei Stunden hindurch zu tragen. Genauer gesagt beginnt „ICWTR“ verheißungsvoll und es stellt sich das Gefühl ein, dass wirklich nette zwei Stunden vor einem liegen könnten. Dafür sorgen das überraschend impulsive Opening, welches später im Film fortgeführt wird und das einführende Gespräch mit dem Pharmaboss, das den Status Quo liefert. Der positive Eindruck hält sich noch eine ganze Weile, weil es der Regisseur Anh Hun Tran wirklich versteht Bilder auf die Leinwand zu bringen, die es wert sind gesehen zu werden. Gelungene Naturaufnahmen aus einer echten Dschungelregion und Einstellungen aus dem "Großstadt-Dschungel" Hong-Kong fügen sich in Verbindung mit einer immer passenden musikalischen Untermalung und einem fast omnipräsenten Josh Hartnett zu einer funktionierenden Dreiecksbeziehung zusammen. Eindeutig ein Pluspunkt in "ICWTR".Dieser Umstand kann aber natürlich nur eine gewisse Zeit über offensichtliche Schwächen in der Story hinwegtäuschen. Mir scheint, als ist den Drehbuchautoren einfach nichts Aufregendes eingefallen, um die an sich wohl kaum spannende Suche nach dem Sohn des Pharmabosses etwas aufzupeppen. Man bekommt dann eine unfreiwillige Verwicklung des Hauptcharakters in Mafia-Geschäfte serviert, die etwas halbgar daherkommt und nicht richtig funktionieren mag. Ich kann mich nicht mal mehr an die Zusammenhänge erinnern, insofern es da welche gibt, alles wirkt schlicht zusammenhanglos. Allgemein muss man sagen, dass der Film mit zunehmender Spieldauer immer weiter ausfranst, die einzelnen Filmteile immer schlechter zueinander passen wollen. So zieht sich der Mittelteil scheinbar endlos wie Kaugummi mit Nichtigkeiten hin, die melancholische Grundstimmung des Films, die einen am Anfang noch so in den Bann gezogen hat, wird unter diesen Umständen natürlich zum Eigentor und das Aufkommen von Langeweile ist die Folge. Die Handlung kommt gefühlt dadurch vollständig zum erliegen und nimmt auch kaum noch einmal Fahrt auf.
Auch zum Ende hin schwimmt sich der noir-artige Thriller nur kaum spürbar frei, man bekommt einfach eine simple Antwort auf die Frage, ob der Detektiv Kline nun den Sohn findet oder nicht und wird dann noch mit einem finalen religiösem Symbol bedacht, die sich ihrerseits von Anfang bis Ende durch den Film ziehen.
Letzteres wird für viele ein Ärgernis sein: Es ist nicht mal so sehr der Umstand, dass hier und da mal ein christliches Kreuz auftaucht, viel eher dürfte es wohl problematisch für viele werden +++SPOILER+++ eine Art asiatischen Jesus als Wunderheiler im Film zu haben, der in der Lage ist, die Krankheiten oder Verwundungen seiner Mitmenschen auf sich zu nehmen und diese von ihren Leiden zu befreien +++SPOILER ENDE+++ (so habe ich das zumindest verstanden). Ein Storyelement, das schwer zu schlucken war und eigentlich auch nichts bringt, außer eben ein weiterer Baustein des Religionstrips von "ICWTR" zu sein.
Gewalt ist ein fester Bestandteil des Films und hier und da auch einmal relativ explizit dargestellt. Die Freigabe FSK 16 empfinde ich daher als relativ überraschend. Ich hätte eher mit einer ungeschnittenen Erwachsenenfreigabe gerechnet. Freunde „härterer“ Filmkost wird’s freuen, andere werden darin vielleicht einen Versuch sehen, etwas von Unzulänglichkeiten abzulenken.
Bei der Beurteilung der Schauspieler muss man etwas differenzieren. Josh Hartnett macht in 90 Prozent der Szenen eine gute Figur, einzig die Szenen, in denen er seinen Charakter „psychisch angeschlagen“ zu spielen hat, wirken nicht immer optimal. Das liegt aber eher am mangelhaften Aufbau des Charakters und weniger an seiner Performance. So konnte ich mit seinem Charakter einfach nicht mitfühlen. Die Frauenwelt wird sich vielleicht besonders freuen, dass Hartnett als nettes Gimmick ähnlich wie in „Lucky Number Slevin“ (gehört für mich zu den besten Filmen, die jemals gedreht wurden) auffällig viele „Oben-ohne-Szenen“ hat, obwohl er das m.M.n. nicht nötig hätte und das auch kontraproduktiv zu seinem oben beschriebenen Vorhaben ist.
Die beiden zur Dreier-Hauptdarstellerriege gehörigen Asiaten Takuya Kamura und Byung-Hun Lee bieten akzeptable Leistungen. Byung-Hun Lee (großartig z.B. in „Joint Security Area“, „Bittersweet Life“ oder „I Saw The Devil“; unbedingt anschauen!) gefiel mir aber etwas besser, da Kimura in seiner etwas merkwürdig ausgestalteten Rolle teilweise wie auf Ecstasy wirkt und etwas zum Overacting zu neigen scheint.
Elias Koteas als Killer Hasford hat einen eher kurzen, aber dafür einprägsamen und tadellosen Auftritt. Allgemein sind die Szenen mit Hartnett und Koteas meine persönlichen Favoriten aus „ICWTR“.Schlechter sieht das Bild aus, welches die meisten anderen asiatischen Nebendarsteller von sich abgeben. Diese haben nämlich erhebliche Probleme mit ihrem Englisch und sind selbst bei Anstrengung kaum zu verstehen gewesen. Ein Problem, das sich durch die deutsche Tonspur der im August 2011 erscheinenden deutschen Version erübrigen könnte, wenngleich diese für Hardcore-Cineasten natürlich keine Alternative ist.
Fazit: „I Come With The Rain“ ist ein mit düster-melancholischer Grundstimmung versehener Independent-Noir-Thriller, der sich an seiner zweifellos makellosen Optik und musikalischen Untermalung ergötzt, sich dann und wann in Gewaltexzesse ergießt und immer wieder Klamotten aus der Religiösitäten-Kiste aufträgt. Insgesamt akzeptable Schauspielerleistungen und ein vorhandener künstlerischer Anspruch werden durch eine zu dünne/krude/zusammenhanglose Handlung torpediert, weshalb der Streifen nicht in einem zufrieden stellenden Maße unterhalten kann. So verbleibt der Eindruck einer etwas unfertigen, experimentellen Film-Mixtur.
Bewertung 4/10