Review

Wenn es um Bio-Pics geht, dann heißt das entweder ein spektakuläres Durchhecheln einer Lebensgeschichte mit dramaturgischen Aufhübschungen oder ein filmisches Konzentrat auf einen wesentlichen Punkt des Lebens oder des Charakters – beides nicht immer umfassend oder wünschenswert, aber meistens unvermeidbar, da man dem Publikum ja etwas Geschlossenes bieten möchte.

Im Falle von „Coco avant Chanel“ versucht sich Anne Fontaine mal an einem anderen Weg, sie beleuchtet fast ausschließlich die Anfangsjahre der Modeschöpferin, geht auf Einflüsse zurück und beschäftigt sich dann doch fast ausschließlich mit ihrem Privatleben und ihrer Herkunft, um daraus dramatisches Potential zu schlagen.

Das liest sich dann in den Zusammenfassungen ganz spektakulär, das Waisenmädchen, die Näherin, die Nachtclubsängerin, schließlich gefangen zwischen einem reichen Gönner (der sie liebt, sie ihn aber nicht) und einem jüngeren Förderer (den sie liebt, er sie auch, doch eine Ehe ist ausgeschlossen), mit denen sie wechselnd ins Bett steigt und doch den Aufstieg schafft.
Das mag hochinteressant klingen, aber ist dann am Ende doch zuwenig, selbst bei 105 Minuten Laufzeit.

Das mag an den Beschränkungen bezüglich der realen Figur liegen, die sich die Produktion auferlegt hat, denn man geht nur sehr zaghaft und sorgfältig mit Spekulationen um und konzentriert sich auf die ärmliche Herkunft, den Willen zum Aufstieg, die Überwindung der gesellschaftlichen Normen (Frauen und Karriere bzw. Arbeit in reicheren Kreisen) und das Verschweigen bzw. Beschönern der wahren Tatsachen.
Audrey Tautou gibt sich dabei wahrlich Mühe, den sperrigen und spröden Frauencharakter mit Leben zu erfüllen, doch mitreißend ist Fontaines Film leider in keiner Phase, vielmehr hat man schon nach einer Stunde das Gefühl, der Film würde auf der Stelle treten.

Tatsächlich geht es im Wesentlichen auch darum, was Chanel auf sich nimmt, damit ihr guter Bekannter und Adeliger Etienne sie nicht wieder in die ärmliche Arbeiterexistenz zurückschickt, ohne sich damit ganz verraten.
Sie schläft mit ihm, sie spielt das tolerierte Anhängsel, sie genießt ein wenig den Luxus, will dabei aber selbstbewußt, eigenständig und anerkannt sein. Das führt zu vielen Argumentationen und verbalen Fechtereien, die unterhaltsamer wären, wenn das Geschehen nicht so unendlich langsam voran kommen würde. Zwar beweist Chanel immer wieder im entscheidenden Moment Geschick, selbst als sie sich durch ein Leben mit zwei Männern hindurch laviert, was dem Film jedoch stets abgeht, ist das Mitreißende, das Großartige und Unvergeßliche. Trotz des sie umgebenden Reichtums bleibt der Film ohne wirkliche Pracht, ohne starke Gegensätze, ohne wirklich negative Szenen, die es zu überwältigen gibt. Es gibt Gleichberechtigungskritik, sicherlich, aber die allein macht den Film damit noch nicht aufregen.

Dazu kommt, daß der Zuschauer nie in Gefahr gerät, für irgendwen wirklich Partei zu ergreifen. Es gibt kein gut und böse, dafür viele Grauschattierungen, bleiche oder blasse Bilder, Figuren die sympathisch, hilfreich, hilflos und verachtenswert zugleich sind, es mangelt am Orientierungspunkt. Die spröde Chanel mit ihrem Schlechte-Laune-Gesicht ist da keine Hilfe.
Natürlich ist es neu, alles so gegen den Strich zu bürsten, die Thematik hervorzuheben, den Konflikt zu schüren, allein platzt der Knoten hier nie. Geradezu beiläufig kommt es zur Selbstemanzipation, irgendwann gibt es ein Hut- und ein Modegeschäft und Erfolg und private Tragödien, aber die Zeitachse wird ausgehebelt, man weiß nie wo man sich befindet. Der Eintritt ins Waisenhaus 1893 ist noch gekennzeichnet, später wird erwähnt, daß der Krieg droht (der erste Weltkrieg), aber daß sich ein Großteil des Geschehens zur Zeit des Krieges stattfindet, bleibt unerwähnt und ungezeigt, stattdessen richtet sich der Fokus auf das Beziehungsdreieck, aus dem niemand das erreicht was er möchte oder zumindest nicht alles davon.

So ist „Coco avant Chanel“ am Ende vieles: er wirkt opulent, detailgetreu, passgenau, präzise und vielschichtig, ist aber gleichermaßen wenig emotional, mitreißend, spannend oder zur Identifikation geeignet. Erfolgsgeschichte und persönliche Tragödie einer Frau, die nicht wirklich berührt und die man eher hinnimmt, als sie zu leben und zu leiden. Das ist dann inszenatorisches Mittelmaß. (5/10)

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