Audrey Tautou ist das niedliche, unschuldige und immer wiedererkennbare Gesicht des französischen Kinos, seit sie 2001 durch Jean-Pierre Jeunets Alltagsmärchen 'Die fabelhafte Welt der Amélie' über Nacht zum Weltstar wurde - glücklicherweise blieb sie ihrer Heimat treu (die Sünde in der Dan Brown Verfilmung 'Sakrileg' sei ihr da gerne verziehen).
Demnach scheint es keine idealere Besetzung für jene Persönlichkeit zu geben, welche Anfang des 20. Jahrhunderts eine bedeutsame Rolle in der Geschichte der Mode spielte - Gabrielle Bonheur Chasnel alias Coco Channel. Die filmische Biographie von Anne Fontaine lässt jedoch genau das aus, was Coco zur Berühmtheit machte, und konzentriert sich daher lieber auf die Zeit davor, wie der Originaltitel auch insgeheim schon verrät.
Es beginnt alles in einem Waisenhaus, in dem uns die junge Coco das erste Mal präsentiert wird, welche Jahre darauf wartet, dass ihr Vater sie endlich abholt, doch dieser Tag sollte nie eintreffen. 15 Jahre später ist sie dann zu einer charmanten und äußerst hübschen Frau geworden, die gerade in Zeiten der üppigen Kleidungen einen sehr gewagt-schlichten Modestil hatte, was aber nicht zu ihrem Nachteil verwendet wurde. Aufgrund ihrer entzückenden Stimme findet sie schnell Kontakt und haust dann bei einem adligen Waisen, der für sein Leben gerne Polo spielt und trotz anfänglicher Meinungsverschiedenheiten die süße Coco schnell ins Herz schließt, jedoch ihres nicht gewinnt. Das ist die Aufgabe eines anderen.
Anne Fontaine konzentriert sich auf die Wandlung einer anfangs unentschlossenen und hilflosen Persönlichkeit, die sich im Laufe des Films zu einer starken Frau entwickelt, die mehrere emotionale Etappen durchstehen muss, bis sie ihre wahre Bestimmung erkennt. Eine leicht gestelzte Liebesgeschichte inklusive. Es tut in diesem Film herzlich wenig zur Sache, wie viel des Gezeigten nun Realität war und was pure Fiktion, der Fokus liegt hier ganz klar auf die bildhübsche Hauptdarstellerin - und die trägt den Film fast alleine. Ihre Nebenbuhler und weitere weibliche Bekannte treten zwar nicht in den Hintergrund und spielen durchaus eine bedeutsame Rolle für den Verlauf der Geschichte, dennoch hat stets Tautou letzte Wort, was dazu beiträgt, dass sie das im Kern sehr seichte Drama doch noch interessant und erträglich gestaltet. Ohnehin muss Fontaines Werk einiges an Leerlauf und repetitiven Szenen einbüßen, doch verzeiht man es ihr gerne, allein Audrey Tautou wegen.
Der Soundtrack von Alexandre Desplat ist besonders positiv ausgefallen, da er der Alltäglichkeiten um Cocos kleine, verrückte Welt eine unterstreichend-beruhigende Note verleiht. Nichts pompöses oder außergewöhnliches, doch gerade interessant genug, um nicht selbst in den Vordergrund zu treten. Dramen leben grundsätzlich von den Darstellern und der Visualisierung. Jene ist in diesem Fall etwas schlicht ausgefallen, fällt aber nicht weiter auf; Kamera und Schnitt machen ihre Sache soweit in Ordnung.
Aufgrund der einseitigen Fokussierung auf Audrey Tautou fällt es einem etwas schwer, einen roten Faden aufzuschnappen, selbst wenn der Weg der Modedesignerin allseits bekannt sein sollte. Da der Film auch auf spektakuläre Hoch-und-Tiefs verzichtet, entfällt auch eine dramaturgische Wirkung, was das Werk leicht in die Langeweile kippen lässt. Es ist nicht zu leugnen, dass die ein oder andere Szene in der Tat nur Lückenfüller sind, doch im Gesamten gesehen wirkt Anne Fontaines Bio-Pic doch relativ kurzweilig, da eben der Großteil des Werkes auf Tautou ausgerichtet ist und sie ihre Sache stets überzeugend und charmant erledigt.
Man darf von 'Coco Channel' nicht das aufschlussreiche, biographische Drama einer genialen Modedesignerin erwarten, dafür fehlen einfach die Fakten. Generell wäre diese Entscheidung nicht wirklich von Nöten gewesen; ein einfaches Liebesdrama im selben Stil ohne den historischen Aspekt hätte den Sold genauso erfüllt, aber ob man in dem Fall Tautou ebenfalls in den schlichten, aber nie langweiligen Kleidern gesehen hätte? Wer weiß. Obwohl das Ganze wie ein Prolog für ein melodramatisches Liebeswerk erscheint, bleibt der Kitsch aus, wirklich romantisch wird es aber auch nicht wirklich, selbst wenn das Zusammentreffen von 'Boy' und Coco an die alten, amerikanischen Melodramen erinnert. 'Coco Channel' ist ein Liebesdrama ohne deren Zutaten, mit einer umwerfend spielenden Audrey Tautou und nettem Zeitkolorit. Zu erwähnen wäre eigentlich auch noch Benoît Poelvoorde alias Étienne Balsan, der seine Sache wirklich äußert sympathisch und liebenswert macht.