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"Fish Tank" erzählt die Geschichte der 15jährigen Mia (Katie Jarvis in ihrem Debüt), der nahezu alles auf den Zeiger geht: die Schule, von der sie geflogen ist, ihre Mutter, ihre nervige kleine Schwester, gleichaltrige Mädchen, deren Tanzstil sie Scheiße findet. Denn Tanzen zu Hip-Hop ist das Einzige, was ihr wirklich Spaß macht, aber in der ranzigen Sozialbausiedlung in Essex im Osten von London gibt es nicht viele Möglichkeiten dazu. Ihr Leben ändert sich erst, als ihre Mutter einen neuen Freund Connor (Michael "Inglorious Basterd" Fassbender) mitbringt, der Mia so nimmt, wie sie ist. Ziemlich schnell verguckt sie sich in ihn...

"Fish Tank" der englischen Regisseurin Andrea Arnold wurde mit zig Preisen überhäuft, z.B. mit mehreren BAFTAs, dem englischen Oscar-Pendant. Und irgendwie auch zu Recht! "Fish Tank" fängt etwas träge an, aber zur Hälfte des Films entwickelt die Story einen wirklichen Sog, den v. a. die grandiose Hauptdarstellerin Katie Jarvis trägt. Der Film wird konsequent aus ihrer Perspektive erzählt, in jeder Szene ist sie zu sehen und ihr gelingt das Kunststück, Mia mit so viel Leben zu füllen, dass der Zuschauer sie nicht unbedingt liebt, aber viele ihrer Motive und Teile ihres Verhaltens zumindest nachvollziehen kann. Und erst Connor schafft es, ihr mal ein Lächeln auf die Lippen zu locken und nur in kleinen Gesten merkt man, wie er es schafft, sie aus der Reserve zu locken. Michael Fassbender ist auch sehr gut als der scheinbar sympathische, aber letztlich undurchschaubare neue Freund der Mutter.
Am Anfang dachte ich, man hätte wieder eins der zahllosen englischen Proletarierdramen a la Ken Loach vor sich, aber "Fish Tank" ist anders. Eine durchaus schmerzhafte Coming-of-Age-Geschichte, die, zum Glück nicht in schweren Dramen mündet oder tragische Ereignisse provoziert, sondern ruhig und fesselnd eine Figur in den Mittelpunkt stellt, deren Zugänglichkeit nicht gerade offensichtlich ist. Die soziale Herkunft Mias ist wichtig, aber nicht entscheidend für die Handlung, ebenso ihre Tanzleidenschaft, die zunächst wie ein Mittel erscheint, ihr nerviges Zuhause zu verlassen, dann aber zu etwas ganz anderem gut ist.
Einzig das etwas behäbige Anfangstempo (immerhin ist der Film 2 Stunden lang) und die Symbolik mit dem Pferd fand ich etwas störend, ansonsten ein absoluter Tipp von mir.
Noch ein Hinweis: ich habe die englische DVD ohne Untertitel gesehen, was stellenweise nicht ganz einfach war. Ich bilde mir, halbwegs Englisch zu können, aber der Unterschichten-Dialekt in Essex ist nicht leicht zu verstehen (einzig Michael Fassbender war gut verständlich). Ich hoffe mal auf eine deutsche DVD mit Untertiteln!!

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