Präkariat ist überall, suggeriert uns das TV inzwischen fast den ganzen Tag über, sei es nun in Talk- oder Gerichtsshows, sogenannten Newsmagazinen oder noch viel schlimmer in nachgestellten Semidokumentationen, in denen miese Laiendarsteller noch schlecht geschriebene Texte aus dem sozialen Abgrund daherlabern.
Dabei vergißt man beinahe, daß es die Unterschicht auch tatsächlich irgendwo gibt, das sie lebt und gedeiht und nicht unbedingt zufrieden mit ihrer Existenz ist - aber eben meist unfähig, etwas an dem Zustand zu ändern, sei es nun durch äußere Umstände, Gewohnheiten, Ablehnung und Chancenlosigkeit oder eben auch nur durch die finanzielle, intellektuelle und soziale Begrenzung an sich.
Ein heißes Eisen, denn schließlich hat ja angeblich jeder alle Chancen, das aus sich zu machen, wenn er es nur möchte und wenn es um Hollywoodfilme geht, dann kommt man fallweise sogar noch höher, selbst wenn man blond, hohl und/oder oberflächlich, aber stets positiv ist.
Filmemacherin Andrea Arnold versucht in "Fish Tank" gar nicht erst, dem Publikum irgendetwas vorzumachen. Keine Schutzmechanismen, kein betontes Fremdschämen, kein Mißbrauch der Umstände zu Unterhaltungszwecken: das Schicksal der fünfzehnjährigen Mia ist, wie es ist, nämlich am Arsch.
Sie wohnt in einer Vorstadtsiedlung (gegen die der Plattenbau eine Nobelherberge ist), die Schule hat sie geschmissen, sie ist wütend und manchmal schwer zu kontrollieren. Ihr einziges Interesse gilt dem Hiphoptanz, den sie in einer leerstehenden Wohnung übt, nachdem sie sich mit ihren Freundinnen überworfen hat. Ihre Mutter, selbst noch nicht sonderlich alt, ist ein sozial abgerutschtes Partygirl, bar jeder Selbstkontrolle. Ihre Kinder sind ihr Belastung, ein Störfaktor selbst noch im eigenen ruinierten Leben, das nie zu irgendeiner Art von Reife oder Selbsterkenntnis geführt hat; Mia ist sogar irgendwie eine Konkurrenz für sie, die sich immer noch durch diverse Abenteuer und schmierige Parties einen letzten Rest von Akzeptanz im Bodensatz bewahren will. Mias etwa elfjährige Schwester Tyler zeigt bereits erste Anzeichen dieser Asozialiät, trägt unwirkliche Solariumsbräune und bedient sich des Schlampenwortschatzes der plattesten Sorte. Im TV laufen ständig Musikvideos und verlogene Werbesendungen, die schöne Fluchtträume beschwören, Alkohol ist jedoch die einzige Fluchthilfe, die verfügbar ist, wenn Mia ihr auch noch nicht ganz erlegen ist.
In diesem siebten Höllenkreis (für alle, die beschützter aufgewachsen sind) geraten die Dinge nun für zwei Stunden in Bewegung, wobei eine Handkamera den Figuren stets in gebührender Nahdistanz folgt. Mutter Joanne schleppt den nicht nur gebildeteren, sondern auch freundlichen und verständig-geschickten Connor an, dieser nimmt auch zu der verstockten Mia Kontakt auf, die natürlich keinen kurzfristigen Ersatzvater haben will, aber ihn be- bzw. ausnutzt, weil sie sonst keine Möglichkeiten hat. Während sie sich für ein obskures Vortanzen bewerben will, gerät ihr Fokus auf ein abgeschlossenes Gelände in der Nachbarschaft, wo einige robuste Typen ein abgemagertes Pferd angekettet haben, dem Mia aus ihrer Wut heraus zur Flucht verhelfen will - um sich so erst in Schwierigkeiten und dann in Gefahr zu bringen. Doch die wahre Gefahr kommt aus einer ganz anderen Richtung, nämlich aus der familiären Situation.
Arnold versucht es nur marginal mit einer bewährten erzählerischen Struktur oder so etwas wie Spannungsaufbau, "Fish Tank" ist von einer drastischen Nüchternheit, ohne jemals sonderlich plakativ zu werden. Praktisch neutral betrachtet die Kamera leidenschaftslos das Treiben der "Familie" und des neuen Lovers, der sich nicht aufdrängt, aber dennoch zum Fixpunkt wird und um den sich die Dinge in Bewegung setzen. Dennoch gibt es keine offenen Illusionen, keine Träume zum Nachhängen, kein befreiendes Ziel, dem man zumindest am Schluß den ersten Schritt widmet. In dieser Gegend, in dieser Umgebung ist alles verloren und mit einer trägen, aber bewußten Zielgenauigkeit läuft der Film genau auf das zu, was man mit Unheilsgefühl von ihm erwartet, um dann aber diese Erwartungen nicht künstlich, d.h. filmisch typisch zu übertreffen.
Ohne falsche Dramaturgie, ohne extreme Überhöhung, folgt der Fokus weiter Mias Weg, die sich nicht wirklich zu helfen weiß, weil sie kein wirkliches definiertes Ziel hat und auch vielleicht nicht die Kapazitäten, um sie sich überhaupt realistisch zu setzen. Dennoch wird sie in der Folge Enttäuschungen erleben, menschlich wie seelisch und sie wird damit nicht umgehen können, bis es zu einer Kurzschlußreaktion kommen wird, der man so atemlos folgt, weil sie so enorm spontan und ziellos gestaltet ist.
So folgt dann am Ende auch weder Verdammnis noch Erlösung, sondern lediglich ein Schritt aus dem Kessel Vorstadt heraus, jedoch wieder ohne echtes Ziel, ohne echte Unterstützung, ohne Gewißheit, allein eine halb freundliche Notgemeinschaft wird einen neuen Weg versuchen.
Gedreht in bedrückend direktem 4:3-Format wirkt der Film wie ein Sog, das ausweglose Leben in einem Aquarium, abgeschlossen, von rauschendem Verkehr umzingelt, ein stiller abgründiger Hexenkessel der Gescheiterten. Weil die Geschichte ohne direkte Gewaltdarstellungen auskommt, die alles dramatisch bemüht hätten wirken lassen, sind die Handlungen und Erlebnisse um so realistischer in der Wirkung. Ein Kopfstoß; eine Situation, die in einer Vergewaltigung enden könnte; ein Vortanzen in einem Stripclub; ein Kind im Meer, das alles ist viel brutaler, weil organisch-natürlich wirkt, niemals bemüht oder konstruiert. Und das kann über zwei Stunden zu einer enormen Belastung für die Stimmung werden, entfaltet aber eine enorme Sogwirkung, so daß man nie extreme Abneigungsgefühle gegen eine der Figuren entwickelt. Alle leben in ihrem natürlich Habitat, so sind selbst die schlimmsten Exzesse wie eine organische Begleiterscheinung und müssen niemals sensationell aufgebauscht werden.
So sitzt das Publikum selbst vor dem titelgebenden Aquarium und beobachtet Leben ohne Ausweg, Bewegung ohne Ziel, ein irgendwie gesichertes Leben, in dem die Seele weiterschwimmen muß. Willkommen in der Hölle, genießen sie ihren Aufenthalt. (8,5/10)