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Was macht einen Film aus? In erster Linie möchte er unterhalten, etwas ausagen und gar moralisieren. Man bekommt eine Story vorgetischt, der man folgen kann und sollte, um dann auch die gewonnene Lektion mitzubekommen. So sieht es der Mainstream vor. Aber da gibt es auch die Gegenseite, meist in den tiefsten Abgründen des europäischen Kinos auffindbar. Filme, die bisweilen gar nichts aussagen wollen, den Zuschauer bis zur Schmerzgrenze manipulieren und gleichwohl visuell verstören. Man stellt sich eigene Regeln auf, welche man im eigenen Universum dann süffisant seziert und selbst bricht. Zu dieser Gattung Film gehört auch "Enter the Void", doch dieser präsentiert sich in einer bis dato nie zuvor gesehenen Aufarbeitung der Geschehnisse. Der Name ist Programm. Der Name lautet Gaspar Noe, welcher bereits den nihilistischen "Menschenfeind" in die Kinos brachte und sein Publikum mit "Irreversible" skandalös den Magen verdreht. Doch es ist genial. Er ist akzeptabel. Es ist perfekt. Nun...es ist halt Gaspar Noe. Entweder liebt man ihn oder man hasst ihn. Es gibt kein Mittelding. Nein, das wird es bei ihm nie geben. So auch nicht in seinem letzten Streich "Enter the Void".
 
Acid non-stop. Ein irrealen Trip wird versprochen. Und gleich das Intro setzt ein absurd-visuelles Highligh. Im Ferrari-Tempo werden bereits die (End-)Credits offenbart, doch wer genau lesen möchte, welche Person nun für welche Sache zuständig war, muss im Milisekundentakt pausieren. Es ist unmöglich. Und dann die Farben. Grelle, rasant aufblitzende Farben, die einen gar zu hypnotisieren vermögen, konzentriere man sich zu sehr darauf. Ein paar Fetzen bekommt man sehr wohl mit. Mit deutschen und japanischen Geldern wurde der Film wohl (mit-)bezahlt. Japan ist klar. Der Film spielt in Tokio. Aber das selbst Deutschland seine Finger im Spiel hatte? Erstaunlich. Da Gaspar Noe ja sicher nicht das Findelkind der FSK sein mag. Aber das ist eine andere Baustelle. 
Nachdem die Credits nun durchgeschleudert worden (im wahrsten Sinne des Wortes), werden uns sofort die zwei Hauptprotagonisten vorgestellt. Es sind Geschwister. Ein Bruder und eine Schwester. Er ein Junkie, mag es nicht eingestehen, doch seine Schwester sieht es genau, welche gar eine besondere Bindung zu ihm hat. Sie war zuvor aus New York hergeflogen, da sie sich seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Die Schwester - Linda - verlässt augenblicklich das Haus, und der Bruder - Oskar - lädt uns ein auf einen Trip. Ein Monolog wird uns aufgetischt, der gerade nicht aus Shakespeares Feder stammen würde, aber seinen Zweck in dieser Szene erfüllt. Oskar inhaliert die Droge DMT, angeblich eine angesagte Ware auf dem Markt. Er tritt sofort weg, und wir, die Zuschauer, werden auf den Trip eingeladen. Und das den ganzen Film durch, was anfangs zwar innovativ und sehr aufregend ist, aber bei einer Laufzeit von knapp 160 Minuten irgendwann eintönig und nervig werden kann, da sich bald die Grenzen der visuellen Möglichkeiten aufzeigen. 
 
Anfangs noch mit emotional-subjektiver Kamera auffassend, löst sich dieser Blickwinkel, sobald Oskar das Zeitliche segnet. Und das relativ früh. Doch damit ist der Film nicht zu Ende, gleichwohl die eigentliche Story ihr Ende fand. Noe arbeitet mit vielen Rückblenden, rollt die Geschehnisse auf und erklärt Hintergründe, psychotische Traumata (Unfall der Eltern) und lässt uns Teilhaben an seiner sexuellen Fantasie. Ja, es gleich fast einem Porno. Sex scheint ein wesentlicher Bestandteil dieses Werkes zu sein, auch wenn es nicht unbedingt Hauptkern sein müsse. Es wird zwar nicht viel gezeigt, aber wenn, dann intensiv und recht langwierig, da sich die Geschehnisse nur stets wiederholen. Weitere Kniffe seiner Handlung hat er allerdings nicht parat. Im Grunde ist die Story sehr schnell erzählt und wäre in knapp 90 Minuten mehr als zufriedenstellend abgehandelt. Dennoch soll das Werk knapp eine Stunde länger gehen. Doch zu erzählen hat er nichts. Die Pausen, in denen es nichts zu sagen gibt, füllt er mit seiner visuellen Perfektion, zu der auch der geniale Kameramann Benoit Debie viel beiträgt. Es ist das selbe Muster wie in "Irreversible". Die Kamera ist nicht standhaft oder zwanghaft sterilisiert, sondern losgelöst und frei von jeglichen Barrieren. Nichts kann sie stoppen. Rein gar nichts. Es ist eine sehr ausdrucksstarke Erzählweise, denn die Kamera filmt nicht nur, sondern erzählt und personifiziert die Emotionen seiner Leidtragenden. Ist jemand wütend oder aufgebracht, scheint der ganze Raum zu fibrieren und alles scheint fast einzubrechen, ehe sich die Gemüter entspannen und auch die Kamera wieder zur Ruhe kommt. 
 
Wie nicht anders zu erwarten, gibt es keine sichtbaren Schnitte innerhalb einer Sequenz, wohl aber in Handlungswechsel. Die Übergänge zwischen den Handlungen werden teils mit drongentrip-ähnlichen, visuellen "Einbildungen" signalisiert, und das nicht zu kurz. Gar eine Minute werden teils geopfert, nur um mit den visuellen Mätzchen etwas zu prahlen. Das ist anfangs zwar noch lustig und interessant, aber da dieser Effekt mehr als einmal seinen Weg in die endgültige Fassung fand, stellt sich auch dort irgendwann das Faszinierende ein. 
Es wird stets hervorgehoben, dass der Film wie ein reiner Drogen-Trip wäre. Der Zuschauer sei die volle Laufzeit gebannt, gar paralyisiert. Doch dem ist leider nicht so. Zwar ist er sehr faszinierend dagestellt, doch das "Überraschende" blieb dann doch aus, da war die Farbdramaturgie in "Irreversible" weit reifer und genialer. Hier ist alles sehr bunt gehalten, Hauptfarbe ist hier Rot. Wohl wegen Rotlicht-Milieu. Sex. Noes Schwäche. In einer der letzten Szenen wird es einen Geschlechtsakt geben, welcher so zuvor noch nie im Film dargestellt wurde. Noe hielt es wohl für interessant, die Perspektive mal umzudrehen und alles aus Sicht der Frau zu filmen. Von innen. Vagina. Die Kamera befindet sich quasi in der Vagina der Frau und man sieht, wie der Penis des Mannes stets vor und zurück stoßt. Das ist hart an der Pornogrenze. Die Porno-Industrie wird diesen Film wohl als Kunstfilm feiern, die Cineasten eher als radikales Selbstprojekt. Aber kein Kunstfilm. Skandalös, ja. Aber nur bedingt. 
 
Der einzige Skandal, den man ihm vorwerfen könnte, wäre man so konservativ, ist die Tatsache, dass der Film keinesfalls moralisiert. Nein, er glorifiziert ein Stück weit sogar den Drogenkonsum, zeigt keine Nebenwirkungen auf. Selbst die paranoiden Wahnvorstellungen werden als einen positiven Aspekts dieses Konsums  offenbart. Selbst wenn die Drogen gar nicht der Hauptkern der Story ist. Aber was ist es dann? Das ist eben die Frage. Um was geht es eigentlich? Was ist in den 160 Minuten geschehen? Ja, es war ein rasantes Erlebnis, aber so rasant auch nicht. Extrem viel Leerlauf, viel repetitive Sequenzen. Sex en Masse. Aber Story? Nun, selbst "Irreversible" war kein tiefgründiges Drama, doch hielt Noe dort die Story stets im Vordergrund und lies die technischen Spielereien eher als Schmankerl im Hintergrund laufen. Hier sind die Hauptattraktion des Films. Nein, man kann den Film nicht nacherzählen, man muss ihn erleben. Aber wer sich darauf einlässt, sei gewarnt: Du wirst Augen machen, vor allem die erste halbe Stunde ist sehr packend. Dann fällt die Spannungskurve sehr stark ab und findet auch keinen Ausklang mehr. Der Film plätschert nur noch vor sich hin, wirkt bisweilen gewollt innovativ. Nein, tut mir Leid. Das war leider ein Griff ins Klo, Mr. Noe. "Irreversible" bleibt unangefochten, brutaler in seiner Machart und sehr intensiv. "Enter the Void" ist ein gewagtes Projekt gewesen - welches fast total gescheitert wäre. Man entwickelt keine Sympathie, der Film ist irre lang und die plakative Selbstzerfleischung sowie die Versuche, Tabu-Themen zu durchbrechen, sind mehr als eintönig und die Luft ist verdammt schnell raus. Visuell top, ja, aber auch nur für eine bestimmte Zeit. Einzig die letzten 30 Minuten reißen noch etwas aus - und die Schauspielerin, welche Linda in jungen Jahren verkörpert spielt ungemein gut. Der Rest ist leider - so ungern ich das auch zu einem Noe-Film sagen - relativer Müll.
 
Muss man nicht sehen. Kann man aber.

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