Review

Die erste Schwierigkeit, auf die man trifft, ist die, wenn es um die Bewertung dieses Films geht. Nach welchen Kriterien soll man einen solchen Film bewerten?
Handlung: Ist eher marginal vorhanden, im Kern dreht es sich darum, dass jemand stirbt. Aufgeblasen auf zweieinhalb Stunden erscheint einem das als recht dürftig.
Spannung: kaum vorhanden. Diskurse zum Thema Wiedergeburt und Drogen. Das hat man in anderen Filmen oder gar auf Vorträgen schon publikumsorientierter erlebt.
Bildgestaltung: Mehr als einmal tun einem die Augen weh! Der permanente subjektive Blick des Hauptdarstellers (inklusive Dauerblinzeln!) ist teilweise sehr anstrengend.
 
Was also macht diesen Film dann aber trotzdem zu einem Ereignis? Gaspar Noe, der mit seinen vorherigen Filmen stets für einen handfesten Skandal sorgte, schafft es auch mit Enter the Void zu polarisieren, denn es geht hier nicht nur um inhaltliche, sondern auch um formale Fragen. Seit den berühmten Dogma-Projekten hat ein Film nicht mehr eine solch ungewohnte Bildsprache gezeigt, dazu in einer Konsequenz, die den Zuschauer fordert und letztlich auf sich selbst konzentrieren lässt.

Die ersten Jahre des neuen Jahrzehnts im dritten Jahrtausend zeigen im Kino erstmals wieder Nahaufnahmen, sprich: als Zuschauer ist man ganz nah dran am Leben und an der Gefühlslage der Protagonisten, Filme konzebntrieren sich konsequent auf wenige, oft sogar nur auf eine Person und haben damit großen Erfolg. Sowohl im Independent-Kino, als auch im Mainstream. Es ist nicht so sehr die Anzahl der dargestellten Figuren, die überrascht, vielmehr die konsequente Beschäftigung mit deren Psyche, meistens mit deren labiler oder gestörter Psyche. Während in Hereafter, Drei, Red White & Blue oder The Town das Leben wenigstens dreier Personen näher beleuchtet wird, so focussiert sich in Book of Eli, Harry Brown, the social network, Black Swan, Buried - Lebend begraben, 127 Stunden oder eben auch Enter the Void alles auf nur eine Person.
Selten zuvor hat man Filme gesehen, in denen die Gesichter der Hauptfiguren beinahe das ganze Bild ausfüllen, bzw. die so dicht dran sind. Buried und 127 Stunden treiben das noch etwas weiter, indem sie ihre Hauptfigur zwei Stunden lang unbeweglich an einem sehr begrenzten Ort sein lassen.
In dem ungewöhnlichen wie experimentierfreudigen Enter the Void wird das ganze dann auf die Spitze getrieben, denn man erlebt den gesamten Film lediglich aus dem Blickwinkel des Hauptdarstellers, den man dadurch praktisch nie zu sehen bekommt. Zugleich verschmilzt man mit dem Charakter und verliert sozusagen als Zuschauer die Distanz. Man wird die Hauptperson.
Es gibt kein Entkommen, jeder ist gefordert, sich mit der psychischen und teilweise physischen Entwicklung und der an sich ausweglosen Situation auseinander zu setzen.
Bei Enter the Void verläuft diese Auseinandersetzung dann nur bis zu einem Punkt: Nämlich bis dahin, wenn die Hauptperson stirbt und den Rest des Films als Betrachter des Geschehens über die Strassen und in den Gebäuden schwebt und selbst keinen Einfluss mehr auf das Geschehen und das Leben der ihm Bekannten hat.
Im ersten Teil erfahren wir etwas über das Thema Drogen und vor allem Wiedergeburt und staunen nicht schlecht, als im weiteren Verlauf des Films all das eintrifft, was anfangs bereits erzählt und besprochen wurde.
Im zweiten Teil resümiert der inzwischen Tote sein Leben, in Rückblenden erfahren wir, wie das innige Verhältnis zu seiner Schwester entstand und wie es sich bis zu diesem Moment seines Todes entwickelte.
Im letzten Teil geht der Zuschauer auf eine Reise, die ein wenig an das Kubriksche Sternentor aus 2001 - Odyssee im Weltraum erinnert, die letztlich im Spermiums eines Mannes endet, durch das die Hauptfigur erneut ins Leben geworfen wird.
Die ungewöhnliche Bildsprache, die sphärische Ton- und Musikgestaltung, die verfremdeten Bilder - der Film wirkt letztlich nie wie ein Film im herkömmlichen Sinn, sondern immer nur wie eine bildlich umgesetzte Interpretation einer Philosophie, mehr noch, einer Religion, die sich mit der Wiedergeburt als Kreislauf des menschlichen Daseins auseinander setzt.
Allein dafür, den Mut zu haben, einen solchen Film überhaupt zu machen, sind 10 Bewertungspunkte sicher nicht zu hoch gegriffen. Sicher aber ist auch, dass man etwas Mut mitbringen muss, um sich diesen Film anzusehen (am besten auf BR und einem entsprechenden Fernseher!). Am Ende wird man dann aber belohnt, weil man eine gänzlich neue Erfahrung gemacht hat.

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