"Es ist ein bisschen so, als wäre sterben der ultimative Trip."
Oscar (Nathaniel Brown) wohnt zusammen mit seiner Schwester Linda (Paz de la Huerta) in einem Appartement in Tokio. Zwischen beiden besteht eine tiefe Verbundenheit, da sie in ihrer Kindheit ihre Eltern verloren haben. Während Linda sich als Stripperin durchschlägt, vertickt Oscar Drogen und konsumiert sie selbst. Als er mit seinem Freund Alex (Cyril Roy), den er gern an Linda's Seite sehen würde, eine Lieferung abgeben will, fliegt der Deal auf und Oscar wird getötet. Fortan schwebt er als immaterielle Existenz über die Stadt und erlebt Visionen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Nach "Menschenfeind" und "Irreversibel" ist "Enter the Void" Gaspar Noe's dritter selbst geführter und produzierter Spielfilm. So wie auch seine Vorgänger ist "Enter the Void" kein Film für ein Massenpublikum, sondern ein Werk, das Kritiker und Zuschauer spaltet. Diesmal sind es allerdings keine drastisch-realistischen Gewaltdarstellungen die polarisieren, sondern anstrengende Bilderfluten sowie ein hoher, provokativer Anteil an sexuellem Inhalt.
Schon mit dem wilden, typografisch überwältigenden Vorspann reiht sich "Enter the Void" nahtlos in die Filmografie Noe's ein. In schnellem Tempo verlauten mal letterhafte, mal geschwungene oder neonfarbene Schriften die Beteiligten des Films. Hinzu kommen Flimmereffekte sowie pulsierende Klänge, die bereits von Beginn an das Auge und Ohr strapazieren.
Noe's Vorspann ist auch gleichzeitig Abspann. Stilistisch nutzt der Regisseur den Titel, setzt "Enter" als direkten Einstieg und schließt mit "The Void" ab.
Der Film wirft den Zuschauer in eine Auseinandersetzung über Begehren, Verlust und Zerstörung und lässt den entglittenen Geist schliesslich in die namensgebende Leere driften um einen Neuanfang zu generieren. Die Handlung orientiert sich dabei am buddhistischen Glauben und springt willkürlich von aktuellen Ereignissen zu vergangenen oder zukünftigen.
Obwohl "Enter the Void" figurennah interagiert, sind es weniger die Handlung noch die Charaktere, die überzeugen. Denn die Richtung, die der Film verfolgt, bleibt recht durchsichtig. Es ist die audiovisuelle Präsentation, die ihn so immens ungewöhnlich, drastisch und zermürbend macht.
Durch einen nicht erkennbaren Schnitt, losgelöste Perspektive und ein immenses Farbenspiel entsteht ein gigantischer, schwindelerregender Bildersturm. Zunächst verfolgt die Kamera das Geschehen aus den Augen von Oscar selbst, empfindet seine Körperbewegungen nach und zeigt sogar komplett schwarze Bilder, wenn Oscar blinzelt. Für die Simulation der Wahrnehmung verändern sich bei seinem Drogenkonsum Licht- und Schärfeverhältnisse bis hin zu einem psychedelischen, grellen Farbenspiel.
Nach dessen Tod verfremdet sich das Bild. Die Kamera entfesselt sich von einer stationären Position und fliegt in Draufsicht über Tokio zu verschiedenen Handlungsorten, dringt dabei durch Wände, Fahrzeuge oder auch in Personen ein. In Verbindung mit grellen Farben strengen die überwiegend düster gehaltenen Schauplätze das Auge auf Dauer an, vermitteln gleichzeitig aber eine einzigartige Atmosphäre. Nur selten markieren Rückblenden aus der verfolgenden Sicht von Oscar kurze Ruhepausen.
Aber es ist nicht nur das Farbenspiel, was dauerhaft beansprucht. Was Noe an Themen und Einzelszenen präsentiert, geht von Drogen zu einer subtilen inzestuösen Geschwisterbeziehung, bis hin zu einem sichtbaren, abgetriebenen Fötus. Noe will schockieren und aufwühlen. Geradezu plakativ zeigt er einen markerschütternden Autounfall in seiner ganzen Hässlichkeit und eine aus dem Inneren eines Frauenleibes beobachtete Ejakulation. Gerade im sexuellen Bereich geht der Regisseur aggressiv vor. Er beschreibt den Akt stets von seiner animalischen und so gut wie garnicht von seiner leidenschaftlichen Seite. Gegen Ende gar so ungezügelt, dass es übersättigend wirkt.
Bei den vielen, langwierigen Kamerafahrten und einer hohen Laufzeit von über 160 Minuten kann "Enter the Void" ein paar Längen nicht kaschieren. Und gerade gegen Ende des Films nimmt die Anstrengung durch reizüberflutende, aggressive Sexualität sehr zu. Davon abgesehen lohnt sich allerdings die Sichtung. Der Film bietet durch seine unkonventionelle Präsentation, der schwerelosen, dynamischen Kameraführung, den unaufdringlichen Darstellern und seinen anspruchsvollen Themen ein solch intensives Erlebnis, wie man es von Gaspar Noe gewohnt ist.
9 / 10