Review

Oscar (Nathaniel Brown) ist ein Kleinkrimineller und Dealer. Ein traumatisches Kindheitserlebnis entzweite ihn und seine Schwester Linda (Paz de la Huerta). Nach langjähriger Trennung tritt Linda wieder in sein Leben und zieht zu ihm nach Tokio. Doch die Geschwisterliebe gibt Oscar nur kurz Halt. Eines Nachts wird er bei der Abwicklung eines Drogendeals von der Polizei erschossen. Rastlos schwebt sein Geist durch die Strassen Tokios, verliert sich in Rückblenden und Halluzinationen und beobachtet Schwester Linda, wie sie mit dem Verlust fertig wird…

Gaspar Noé – selten sind Genie und Wahnsinn so perfekt vereint. Der Regisseur von MENSCHENFEIND und IRREVERSIBLE, der sich für die Fertigstellung seiner Filme mindestens fünf Jahre Zeit nimmt und nie einen Hehl um seine Experimentierfreudigkeit was Drogen angeht macht, mit seinem wohl abgefahrendsten und bildhaftesten Werk. Einen Film (bis auf einige außerkörperliche Erfahrungen) komplett in Ego-Perspektive zu drehen, ist an sich schon eine gigantische Herausforderung (siehe Ajas MANIAC). Einen Film aus der Ego-Perspektive einer ruhelosen, körperlosen, umherfliegenden Seele auf der Suche nach Erleuchtung und Frieden zu drehen, stellt aber beinahe ein unmöglich wirkendes Unterfangen dar, wofür eine Menge Draufgängertum, Wahnsinn und Cochones von Nöten scheinen.
Oscar stirbt recht bald zu Beginn des Films. Ab dann schwebt seine Seele scheinbar ziellos durch das neonbunte Tokio, wie Patrick Swayze in GHOST durch Wände und Türen, jenseits allen physikalischen Gesetzen, verliert sich in Flashbacks und hypnotischen, LSD-getränkten und irre triphaften Visuals, die wohl am besten mit der finalen „Stargate“-Sequenz aus Kubricks 2001 zu vergleichen sind. Der Bildschirm pulsiert, wabert und wird wie in VIDEODROME lebendig. Die Visuals fließen heraus und tropfen ins Wohnzimmer. Böse Horrortrips attackieren das schutzlose Zuschauerhirn. Halluzinationen werden Wirklichkeit. Immer wieder ertappt man sich selbst geistiger Abwesenheit. Dann flackerndes Licht. Brutales Stroboskop-Gewitter wie aus den anderen Noé-Filmen, nur viel gewalttätiger, übergriffiger und unerträglicher, dass man meinen könnte, die Bildröhre platzt oder es ömmelt einem das Gehirn raus. Epileptiker oder Herzleidende sollten dringend einen Boden um den Film machen!
Bei all der Bild- und Triphaftigkeit kann man den Eindruck obliegen, der Film neige dazu den roten Faden zu verlieren. Dieser geht jedoch nie ganz abhanden, sondern ist in den Liqid Ecstasy getränkten Bildern nur ab und an schwer ersichtlich. Geduld ist beim Betrachten aber schon allein wegen der Laufzeit von fast drei Stunden von Nöten.

ENTER THE VOID ist ein metaphysisches, übersinnliches, beinahe religiöses Abenteuer – ein Flirt mit der dunklen Seite des Verstands, wenn man so will. Themen wie Reinkarnation und Wiedergeburt sind allgegenwärtig. Der Glaube an ein Fortbestehen nach dem Tod wird vorausgesetzt. Das Bewusstsein stirbt nie! Irrationale Zusammenhänge, die wie unsichtbare Spindelfäden das Geschehen auf Erden zusammenhalten, die bereits in früheren Filmen von Mastermind Noé angedeutet werden, finden hier ihre Perfektion.
Natürlich spielt der gebürtige Argentinier wieder mit allerlei Tabus. Zu sehen z.B. eine Abtreibung und eine verrückte Penis-in-Vagina-Perspektive. Zarteren Gemütern wird dies gewiss hart aufstoßen, Freunde des „etwas anderen Films“ werden drüber hinweg sehen.

ENTER THE VOID ist ein wahnsinnig intensives Erlebnis. Wer sich an die Eindringlichkeit von Prodigys SMACK MY BITCH UP erinnern kann, wird diesen Eindruck hier in vielfach potenzierter Form vorfinden. So wird der Film in seinen intensivsten Momenten beinahe körperlich spürbar bzw. unangenehm.

Stroboskop: (+)(+)(+)(+)(+)
Visuals: (+)(+)(+)(+)(+)
Drogenrausch: (+)(+)(+)(+)(-)
Inhalt / Aussage: (+)(+)(+)(?)(?)

Fazit:
GHOST – NACHRICHT VON SAM gone bad! Intensiv und bedrohlich wie ein böser MDMA-Rausch. Buddhismus veranschaulicht von einem Meskalin-Junkie. Kein Film, sondern ein Trip.
Bleibende Schäden nicht ausgeschlossen!

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