Zwischenwelten. Gibt es sie?
Für Menschen ohne Glauben an oder das wissen um den köperlosen Zustand, wird diese Frage eindeutig ausfallen. Für diese ist Bewusstsein auch nur ein Zufall der Umstände der Existenz, das Leben nur ein Produkt des Chaos und die Frage des Lebens nach dem Tod bedeutungslos. Für alle anderen ist die Beschäftigung mit der Frage, "Was kommt nach dem Atmen?", eine Angelegenheit mit der es sich lohnt wahrhaft auseinanderzusetzen.
Gibt es einen harten Kern in uns, der mehr ist als der Körper den wir bewohnen und dessen Erfahrungswelt welche wir unser Leben lang aufsaugen?
Gar einige Ideen über das Davor und das Danach erzählen sich die Menschen schon seit Jahrtausenden und schrieben der Schrift Mächtige nieder und beeinflussten somit Vorstellungen der Menschen aller Glaubensarten. Sie regten sie aber auch dazu an sich ihren Kopf eigenen darüber zu machen.
Eine recht komplexes und konkretes Bild des ewigen Wandels der Seele in den irdischen und zwischenirdischen Welten, legt das tibetanische Totenbuch an den Tag, welches Angelpunkt und Ideengeber für das in "Enter The Void" visuell aufbereitete Zwischenwelterlebnis ist. Ein Erlebnis welches jeden der sich (am idealsten nüchtern) darauf einlässt, ein nachhaltiges sein wird.
"Oscar" der Protagonist, in den wir buchstäblich eintauchen, führt uns durch den Film, den man wie ein Erfahrungsbericht werten kann, wenn man denn so will. Ein Bericht der vordergründig als Warnung vor leichtfertiger Unachtsamkeit im Leben zu seien scheint. Ein dröhnender Weckruf so fühlt es sich an, sich zur Einsicht bereit zu halten, welche eine gewisse Ehrfurcht vor den komplizierten aber eindeutigen Gefüge der Seelenwelten erfordert.
Schon mit dem Vorspann vermag die pulsierende Geschichte, den Teppich des allzu Sicheren, dem Zuschauer immer wieder eindrücklich wegzuziehen. Im Verlaufe des Filmes besteht allerdings eine gegebene Distanz, denn so kopflos wie der Protagonist agiert wohl keiner von uns. Doch trotz sicherer Distanz, die zugleich durch die direkteste aller filmischen Perspektiven auf das kürzest mögliche Maß geschrumpft wird, ist das intensiv vermittelte rastlose und zwischen den Grenzen und dem fast unstillbaren Puls der Welt eingeklemmte Gefühl, welches alle von uns aus dem Leben her kennen dürften. Dieses Gefühl welches, trotz der von unseren aktuellen Wegen verschiedenen sehr heftigen Leinwandgeschichte, doch die Möglichkeit gibt, Brücken zu unserer Seelenwirklichkeit zu schlagen. Hin zu vergangenen persönlichen Seelenreisen, die sicherlich nicht wenigen im Hintergrund des Bewusstsein zumindest schimmern, anderen jedoch in verschiedenen Momenten der Selbstreflektion ganz deutlich vor dem geistigen Auge für wahr werden. So vermag "Enter the Void" ursinnigste Existenzfragen hervorzurufen und für denjenigen der die aufkeimende Fragen nicht als gleich aus Reflex blockiert, zu ermöglichen ein Zwischenweltgefüge in Betracht zu ziehen, welches wie ein mächtige formgebende Struktur über den Individuum steht.
Im Film nehmen wir mit Oscar eine Superposition ein und müssen dadurch zwangsweise miterleben wie sich die Schatten der Welt vor ihm ausbreitet ohne das die Chance auf Einflussnahme besteht. In der Realität sind es die für das ungeschulte Auge kaum sichtbaren vielen kleinen Schatten der Welt, die in wir verstehen müssen um sie in die Gesamtrechnung der weltlichen Beziehungen einberechnen zu können. Erst dann entsteht ein mit dem Geiste abgeglichenes Gefühl in uns und damit ein Verständnis dafür, welche Sackgassen der menschliche Zyklus in dem wir wandeln, in seiner innerste Programmierung für uns implementiert hat. Klar ist auch die Einflussnahme im alltäglichen Leben begrenzt, aber die Hilflosigkeit der Zwischen den Dingen schwebenden Persönlichkeit ist wesentlich reduzierter. Eines macht "Enter the Void" dabei ganz deutlich, eben weil es diesem Film komplett fehlt, wieviel Sicherheit und Halt fester Boden unter Füßen unserem Leben gibt. Und der sicherste Boden für den Geist ist nicht der Körper in dem sich gerade befindet, sondern das fundierte Wissen über die Dinge der Welt, auf das er sich berufen kann. Uneinsichtigkeiten in Fehler, schmieden die Ketten der Welt an denen wir festhängen nur immer fester und je mehr wir uns an Fehler selbst ketten umso mehr werden wir das Gefühl, welches wir auf "Oscars" Odysee hautnah erspüren können, Nein(!) müssen, auch in uns heraufbeschwören.
Dank Gaspar Noés Film könnte man sich aufs intensivste daran erinnert fühlen, tunlichst niemals kopflos zu agieren und diese Gefühl wie einen geliebten warnenden (Auf-)Wachhund als helfende Hand zu verstehen.