Fans dürften wissen, was sie bei Filmen des französischen Skandalregisseurs Gaspar Noé erwartet: visuell überwältigende Horrortrips, die erbarmungslos in die Untiefen des menschlichen Seins führen und nie vor harten Inhalten oder deren heftiger Inszenierung zurückschrecken. So ist es auch bei seinem zweieinhalbstündigen 2009er-Albtraum „Enter the Void“: Wer sich darauf einlässt, erlebt eine ebenso faszinierende wie herausfordernde Achterbahnfahrt, die man so schnell nicht mehr vergessen wird.
Dass die Story für eine solche Laufzeit recht dünn bleibt, gerät dabei schnell zur Nebensache: Es geht um den heruntergekommenen Junkie und Drogendealer Oscar, der mit seiner Schwester Linda in Tokio lebt. Als er bei einem Deal von der Polizei erschossen wird, schwebt sein Geist, der sein irdisches Dasein nicht loslassen will, zwischen der finsteren Neon-Großstadt-Welt und den Erinnerungen seines schweren Lebens dahin. Inszeniert wird das mittels so radikaler Subjektive, wie man es, wenn überhaupt, bis dahin nur selten gesehen hat – anfangs bleibt die Kamera konsequent in Oscars Perspektive, stellt sogar sein Blinzeln nach, bevor sie nach seinem brutalen Tod in die Höhe schwebt und den Großteil des restlichen Films aus einer Vogelperspektive zeigt, die permanent an der Decke der Räume und Handlungsorte zu schweben scheint. Bei dieser Inszenierung zeigt sich Noés ganze inszenatorische Stärke: So bis ins Detail durchdacht und klug umgesetzt wie hier erweisen sich im Found-Footage- und ähnlichen Subgenres nur ganz wenige Filme – keine erklärenden Dialoge, keine unglaubwürdigen Bewegungen oder Handlungen, um dem Zuschauenden irgendetwas zu erläutern, sondern ein durch und durch authentischer Trip durch einen finsteren Alltag, inklusive psychedelischen Spezialeffekten, die die Halluzinationen eines kurzen Drogentrips zeigen.
Visuell gehört „Enter the Void“ zum Radikalsten und Konsequentesten, was Noé zu bieten hat. Minutenlanges extremes Stroboskoplicht-Flackern, grelle Neonbeleuchtung, die alles in mitunter bizarres, surreales, künstliches Licht taucht, düstere Bildfolgen, dazu die ungewöhnliche Perspektive des an der Decke schwebenden Geistes, die den Großteil der Handlung von direkt oben oder schräg hinten zeigt und so auch ganz gewöhnlichen Momenten neue, ungewohnte Perspektiven abgewinnt – beinahe jeder Moment dieses längsten von Noés Filmen bietet außergewöhnliche visuelle Ideen, und das alles bei erstaunlich konsequenter und durchdachter Umsetzung.
Und trotz der inhaltlichen Überschaubarkeit der Grundstory gelingt es dem Film, unter der grellen Oberfläche aus sehr viel Sex, Drogenkonsum, teils grausamer Zwischenmenschlichkeit und harten Bildern die existenzielle Traurigkeit der beiden Hauptfiguren spürbar werden zu lassen. Ihre tragische Kindheit wird in teils extrem beklemmenden Bildfolgen entschlüsselt – vor allem der Unfalltod ihrer Eltern brennt sich ins Gedächtnis – und das Scheitern ihrer Lebensträume mit tiefer Melancholie erzählt. Sie schaffen es beide zusammen nach Japan, wie es ihre Eltern einst versprochen haben, doch nur zum Preis, eine Randexistenz als Junkie und Dealer bzw. Stripperin zu führen. Unter den harten, teils leicht skandalträchtigen Bildern (eine Abtreibung wird im schwebenden Rhythmus des Films ebenso unvermittelt gezeigt wie Sex, Gewalt und Grausamkeiten) entfaltet sich so mit der Zeit eine unglaublich tiefe Traurigkeit, die durch die finster-beklemmenden Bilder und einen versponnen-melancholischen Electro-Score noch verstärkt wird. Wer will, kann sich hier über allerhand freizügigen Sex in teils pornografischer Offenheit oder vulgäre Ideen wie eine Kamera im Inneren einer Vagina, die den eindringenden, ejakulierenden Penis zeigt, echauffieren (eine kleine Vorwegnahme seines späteren 3D-Aufregers „Love“) – doch diese so originellen wie provokanten Ideen sind nur eine leichte Verschleierung der tiefen existenziellen Tristesse und emotionalen Intensität, die „Enter the Void“ zu bieten hat.
Zwar mögen manche Ideen wie eben das Hineingleiten in den Uterus, um Sex und Befruchtung aus der Innenperspektive zu zeigen, als ein wenig selbstverliebte Inszenierungsidee daherkommen, und auch der Sex wird durchgehend aus dezidiert männlicher Perspektive gezeigt (viel nackte Frauenhaut, wenig echte Erotik). Auch könnten bei aller meditativen Sogwirkung der einzigartigen Bilder manche Sequenzen einen Hauch zu langatmig und selbstvergessen wirken. Dennoch bietet „Enter ther Void“ ein unglaubliches Seherlebnis, das mit seiner so radikalen wie durchdachten Inszenierung eine starke Brücke zwischen Form und Inhalt schlägt, die man so nur selten erlebt. Ein fiebriger, transzendentaler Trip, der nicht davor zurückschreckt, den Zuschauenden zu irritieren und herauszufordern, ihn dafür aber auch mit einer einzigartige visuellen Fülle und philosophischen Tiefe belohnt, die ihresgleichen sucht. Und die bei aller Fokussierung auf die Bildwelt auch noch die fesselnde und tragische Geschichte zweier verlorener Seelen zu erzählen weiß – inklusive einer schrägen Art von Happy End in Form einer Wiedergeburt. Ein formal streng komponiertes Meisterwerk, das lange nachwirkt und sowohl visuell als auch inhaltlich Phänomenales zu bieten hat - wenn man sich darauf einlässt.