Nach Minirollen in Kinofilmen und kleinen Parts in Fernsehserien war es Gary Shermans „Vice Squad“, der Wings Hauser zumindest für die 1980er zu einem Genrestar der zweiten bis dritten Reihe machte, was angesichts von dessen Engagement durchaus zu verstehen ist.
So singt Hauser schon den Titelsong „Neon Slime“, der den Zuschauer bereits auf die Stimmung einschwört, die den Zuschauer und die Sittenpolizei im Nachtleben von Los Angeles erwartet. Dort merkt man den Vibe von Spät-Seventies- und frühen Eighties-Werken von „Hardcore“ bis „Cruising“, welche die Straße als wilden Moloch ansahen, wo man für Geld jede Phantasie erfüllt bekommen konnte. Hier hängen die aufgetakelten Prostituierten und die Schwulen in Lederoutfits herum, hier scheint nie jemand zu schlafen, vor allem nicht bei Nacht. Kurzum: Eine Welt, in welche die junge Mutter aus der Vorstadt (Season Hubley) nicht hineinzupassen scheint, als diese ihre Tochter auf eine Reise zur Großmutter schickt.
Doch genau dorthin begibt sich die Dame, die unter dem Namen Princess als selbstständige Prosituierte arbeitet und kurz vor der Abreise der Tochter einen Anruf der befreundeten Kollegin Ginger Grady (Nina Blackwood) bekommt. Diese will von ihrem gewalttätigen Ramrod (Wings Hauser) fortkommen, doch dieser spürt sie auf und verprügelt sie dermaßen, dass sie ihren Verletzungen erliegt. Dabei kommt nun die dritte Hauptfigur ins Spiel: Sergeant Tom Walsh (Gary Swanson) von der titelgebenden Sittenpolizei, der in Gingers Mordfall ermittelt und schließlich auch die unwillige Princess zur Mitarbeit bewegt.
Mit ihrer Hilfe stellt er Ramrod eine Falle, nimmt belastendes Material auf Tonband auf und lässt den Zuhälter verhaften. Dummerweise befreit der sich auf dem Rücktransport zum Revier und macht Jagd auf Princess, die ihrerseits wieder arbeiten gegangen ist. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit…
„Vice Squad“ ist ein konzentrierter Thriller, dessen Geschehnisse sich in einer Nacht abspielen, der sein Potential aus der Bedrohungssituation zieht. Dem Zuschauer ist von Anfang an klar, dass Ramrod ein impulsiver Sadist ist, was dieser in der Nacht immer wieder zur Schau stellt: Zwar kann er zwischendrin den netten Kerl oder den Bittsteller spielen, doch auf der Suche nach Informationen und nach Princess kommt viel häufiger der Wüterich hervor, der andere demütigt, schwer verletzt oder gleich zu töten versucht. Ein Charmeur, wenn er es sein muss, ein Tier, wenn man ihn lässt. Natürlich bedeutet diese Struktur auch, dass der Film etwas episodenhaft abläuft: Während die ahnungslose Princess Kunden trifft, arbeitet sich Ramrod von Informant zu Informant vor, während die Polizei immer einen Schritt zu langsam ist. Natürlich darf keiner zu früh aufholen, sonst wäre der Film ja zu schnell vorbei – oder der bzw. die jeweils Verfolgte müsste sich den Weg freischießen.
Genau passiert aber nicht, da „Vice Squad“ weit weniger dem actionreichen Copfilm verpflichtet ist, der die Dekade der 1980er im weiteren Verlauf dominieren sollte. Gegen Ende kommt es zwar zum Showdown, dessen finale Konfrontation einige Schusswechsel und ein paar gelungene Stunts als schicken Abschluss parat hält und damit noch für eine würdige Klimax sorgt, ansonsten verlegt sich Gary Sherman auf den Spannungsaufbau, wenn die drei Hauptfiguren ihre jeweils eigene Odyssee durch die Nacht antreten – Princess unterstützt von der hier als solidarisch beschriebenen Community der Bordsteinschwalben, Walsh von seinen mal mehr, mal weniger qualifizierten Kollegen, während Ramrod ein Einzelgänger ist. Selbst seine Unterstützer machen dies nicht immer gern und auch nicht immer freiwillig, wie sich im Laufe der Nacht zeigt. Ein wenig erscheint dieser entfesselte Gewalttäter, der durchs Viertel zieht, als Vorläufer von William Forsysthes ähnlich durchgeknallt-cholerischem Schurken aus „Out for Justice“.
So ist Wings Hauser, trotz dritter Nennung in den Credits, auch das darstellerische Highlight des Films: Ein Ekel, das lügt, betrügt, dreist Gefallen und Vorleistungen einfordert, bei seinen Ausrastern Leute mit dem Messer attackiert, mit einem auseinandergebogenen Kleiderbügel schlägt oder gleich mit dem Auto zu überfahren versucht. Hauser ist genauso entfesselt wie seine Rolle und wird zum pulsierenden Zentrum des Films. Gary Swanson ist routiniert, aber etwas unauffällig in seiner Polizistenrolle, während Season Hubley als Princess die wohl facettenreichste Rolle des Films innehat und diese dankbar mit Leben füllt: Gleichzeitig tough und doch der gefährlich Umwelt bedacht, ihrem harten Job nachgehend, damit das Familienleben Bestand hat, das macht Princess zu einer vielschichtigen Figur, die eben auch entsprechend verkörpert werden muss.
So verwendet das Drehbuch – auch in dieser Beziehung etwas episodisch – Zeit auf die Begegnungen mit den höchst unterschiedlichen Freiern: Ein älterer Herr fragt fast rührend nach der Erfüllung seiner freakigen Phantasie, für einen körperlich Versehrten ist Princess eine Art Sexualtherapeuten, für einen dämlichen Großkotz bloß ein Stück Fleisch in Dienstleisterfunktion. Die skurrilste, leicht surreale Episode führt Princess in die Villa eines reichen Mannes, doch bei alledem widersteht Sherman der Versuchung voll auf die Sleaze-Tube zu drücken: Er weidet sich nicht an den Nachtgestalten und Freaks, auch von den Gewalttaten sieht man oft nur Teile oder das Ergebnis, anstatt dass der Film sich daran weidet. Das sorgt für einen ernsthaften, rauen Ton, den auch ein paar ungelenke Humoreinlagen nicht zerstören können, etwa wenn zwei Trottelcops vom älteren asiatischen Freund der Betreiberin eines Stundenhotels was auf die Moppe bekommen, als sie die Frau verhören wollen.
„Vice Squad“ ist in Sachen Story eher einfacher und gradliniger, aber sehr atmosphärischer Thriller, der die Stimmung des halbseidenen Nachtlebens von L.A. einfängt ohne dabei übertrieben auf Sleaze zu setzen oder im Dreck zu wühlen. Für den Cop und die Prostituierte zeigt er Verständnis und illustriert das komplizierte Verhältnis dieser Figuren – Wings Hauser dagegen lässt er vollends von der Leine und der liefert eine grandiose Performance als verachtenswerter Schurke, die „Vice Squad“ schon allein sehenswert machen würde. Aber er hat ja noch mehr Qualitäten.