Ich weiss gar nicht, was ich von diesem Film überhaupt erwartet habe. Die anspruchsvolle Aufgabe einer Marquis de Sade-Verfilmung ausgeführt durch den Chefdilettanten Jesus Franco. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich ein Film zuletzt so aufgeregt hat.
Zur Handlung: Im Groben hält man sich an De Sades Vorlage. Zwei Schwestern, Justine und Juliette, werden nach ihrer Zeit im Kloster auf die Straße gesetzt und sind nun auf sich allein gestellt. Juliette beginnt ein Leben als Prostituierte und schafft es so, auf einem von Verbrechen und Unmoral gepflasterten Weg zu Ruhm und Reichtum. Justine hingegen schwört auf die Tugend, findet aber nichts als Perversion, Vergewaltigung und Brutaltität.
Nun, aus dieser extremen und bösen Satire auf die Sitten und Moralvorstellungen der damaligen Zeit hätte man Einiges rausholen können was zu einem guten Film geführt hätte. Unser lieber Franco hat stattdessen lieber einen romantisierten Abenteuerexploiter gemacht, den man sich wunderbar als Samstagabend Unterhaltung zu Gemüte führen kann. Von der Philosophie und Weltanschauung De Sades wird hier und da kurz etwas angesprochen, jedoch eine Auseinandersetzung mit ihr findet nich wirklich statt
Im Gegensatz zum Original bleibt Justine auch ziemlich verschont. Akupunkturfolter und Auspeitschen mit anschließendem Brandzeichen bleibt da das Höchste. Gut, extreme Gewalt ist zwar nicht der Schlüßel für einen guten Film, aber bei einer Verfilmung von Marquis de Sade ist das ja wohl angebracht. Stattdessen kann sich Justine immer rechtzeitig vor dem Allerschlimmsten retten.
Die Szene, die mich am Meisten aufgeregt hat, war dann allerdings, als unsere Heldin kurze Zeit Unterschlupf bei einem jungen Maler findet, der mitten im Wald lebt. Was soll das denn? Im Buch kam an keiner Stelle ein Maler vor und wenn doch, hätte dieser sich, im Gegensatz zu Francos Verbrechen, nach kurzer Zeit als Perversling geoutet. Obendrein will sich Justine von ihm auch noch nackt malen lassen. Die unschuldige und spießig-tugendhafte Justine will sich nackt malen lassen. Hauptsache man hat noch ein Paar Brüste mehr im Film. Aua. Ein ebenfalls erfundenes Happy End, gibt dem Stoff noch den Todesstoß
Die Tatsache dass Romina Power, Justine wirklich gut verkörpert und man ihr die Unschuldstour sofort abnimmt fällt kaum ins Gewicht. Dazu regt man sich über den Rest der Handlung zu sehr auf. Klaus Kinskis Umrisse, in der Rolle des Marquis selbst, kann man auch ab und zu sehen. Der Kameramann hat sich allerdings lieber entschieden, die Gitterstäbe von De Sades Zelle zu filmen als Kinski, weshalb man diesen am Ende des Films gar nicht mehr in Erinnerung hat.
"Marquis de Sade: Justine" ist ein mit Softerotik gespickter Abenteuerfilm, der für Kenner des Buches ein einziges Ärgernis ist. Für den Rest ist der Film sicher ganz annehmbare Unterhaltung, die man schnell wieder vergessen hat. Nun gut, mir ist klar, dass man das Buch nicht 1:1 verfilmen kann. Dann würde der Film wirklich durch keine Zensur mehr kommen. Man könnte es eigentlich auch einfach bleiben lassen.