Review

„Nur wer andere quält, erlebt den höchsten Genuss!“

Der spanische Filmbesessene Jesus „Jess“ Franco, oftmals als Schmuddel- und Trash-Filmer verschrien, gehörte zu den europäischen Pionieren des betont freizügigen Erotikfilms und half, die sexuelle Revolution auf der Leinwand einzuläuten. Eine von mehreren Verfilmungen nach Motiven des Marquis de Sade ist „Justine“ aus dem Jahre 1969, die auf de Sades „Justine ou les malheurs de la vertu“ beruht und in britisch-deutscher-spanisch-italienischer Koproduktion entstand.

„Wo bleibt die Gerechtigkeit?“

Die ungleichen Geschwister Justine (Romina Power, „Exzess“, später Gesangsduettpartnerin von Al Bano) und Juliette (Maria Rohm, „Der Hexentöter von Blackmoor“) wachsen in einem Kloster auf und erben eines Tages einen kleinen Geldbetrag, mit dem sie sich auf in die große weite Welt machen. Während Juliette keine größeren Probleme damit zu haben scheint, fortan ein lasterhaftes Leben zu führen, sich zu prostituieren und gegen das Gesetz zu verstoßen, übt sich Justine in einem tugendhaften und keuschen Dasein. Dies dankt ihr jedoch niemand und während Juliette sich nach oben schläft, stiehlt und mordet, wird Justine immer und immer wieder selbst Opfer ähnlich skrupelloser Menschen…

„Du bist eine dumme Gans!“

Aus der (von mir bisher nicht gelesenen) literarischen Vorlage, die offenbar eine Art pessimistisches Sittengemälde der Lebzeiten de Sades zeichnete und die desillusorische Aussage traf, dass ein Leben in Unschuld, Anstand und Moral ein verschwendetes sei, macht Franco unter Produzent Harry Alan Towers einen üppig budgetierten, erotischen Kostümfilm, in dem Aussichts- und Hoffnungslosigkeiten zugunsten parodistischer bzw. satirischer Elemente weichen. Er beginnt „Justine“ mit Gefängnisszenen zu epochaler Klassikmusik, denn der Marquis de Sade (Klaus Kinski, „Nosferatu in Venedig“) sitzt einer Zelle, berichtet aus dem Off und erspäht eine blutende, barbusige Frau. Er kritisiert die Mächtigen und Herrschenden, womit der Film bereits seinen autoritätskritischen Ansatz bekommt. De Sade beschließt, seine Phantasien zu Papier zu bringen und beginnt mit der Arbeit an „Justine ou les malheurs de la vertu“, die in die eigentliche Handlung übergeht. Kinski selbst hat schauspielerisch nicht sonderlich viel zu tun und agiert weitestgehend isoliert von sämtlichen anderen Charakteren.

Nach diesem Prolog schickt Franco die Geschwister vom Kloster direkt ins Bordell, wo sie Unterkunft suchen. Dort trennen sich auch die Wege der beiden, denn während Juliette sich schnell mit Milieu und Verbrechen arrangiert, zieht Justine weiter und trifft auf einen vermeintlichen Pater, der ihr Unterkunft vermittelt und das Geld abnimmt. Ihr Hauptaugenmerk richtet die Handlung fortan vornehmlich auf Justine, die sehr zerbrechlich, beschützenswert und süß, aber eben auch naiv und wie für die Opferrolle gemacht von einer jungen Romina Power gespielt wird. Die Ärmste muss sich nun vor den Augen ihres Vermieters und Arbeitsgebers umziehen, der Sleazefaktor des Films gewinnt an Fahrt. Für Franco-Verhältnisse hält sich dieser jedoch den gesamten Film über in durchaus angenehmen Grenzen und wird nicht allzu exploitativ; selbiges gilt für den Grad an visueller physischer Gewalt. Dies ist sicherlich zum einen dem damaligen Zeitgeist geschuldet, zum anderen aber bestimmt auch dem Versuch, mit einer Art Vorzeigeprojekt ein breites Publikum zu erreichen, das sich nicht gleich hocherschrocken abwenden sollte. Ohnehin schien Franco im damaligen Zeitraum noch wesentlich geschmackssicherer zu drehen als zu späteren Zeiten.

Zur Ästhetik des Films zählen auch die kunterbunten Ausleuchtungen, wenn auch etwas plumper als beispielsweise von einem Mario Bava eingesetzt. Justines Leidensweg führt über ein Frauengefängnis (inkl. Tanzszenen) über einen Ausbruch zusammen mit einer Mörderin zu deren Bande, um einer Vergewaltigung durch dieselbe zu entgehen. Während im Puff ihrer Schwester gemordet wird, kann Justine eine Prügelei der Bande der Ausbrecherin nutzen, um dieser zu entkommen. Dies dürfte der Punkt sein, an dem Franco und Autor Towers von der Vorlage am stärksten abweichen, denn Justine findet in die Arme eines tatsächlich zu ehrlicher Liebe fähigen Malers, vor dem sie sich erstmals freiwillig entkleidet – der erste positiv konnotierte Charakter neben Justine. Bald muss sie jedoch erneut fliehen, wird von zwei Aristokraten als Spionin gefangen und bekommt von einem der beiden Zuflucht in seinem Zuhause angeboten. Dort wird sie jedoch der Beihilfe zum Mord angestiftet und bekommt ein Brandzeichen aufgebrannt. Ihre Odyssee nimmt kein Ende und jeder Anflug von Hoffnung wird jäh zerstört, vermeintlich besorgte Mitmenschen entpuppen sich als Wölfe im Schafspelz und haben nichts Gutes mit ihr im Sinn. Und Während Juliette sich ihrer Komplizin entledigt, erhält Justine Asyl bei Mönchen. Statt dort zur Ruhe zu kommen, wird sie gefoltert und soll umgebracht werden. Längst zog also auch der Härtegrad des Films kräftig an, ohne es jedoch mit expliziten Folterszenen zu übertreiben. Der die Mordabsichten unterbrechende Einsturz des Châteaus wäre im Prinzip ein durchaus stimmiger Abschluss des Films gewesen, doch reizt Franco die Überlänge voll aus und lässt die bemitleidenswerte und mittlerweile auch körperlich arg gebeutelte Justine weiter umherirren, zwingt sie in ein erotisches Varieté usw.

Spätestens hier nutzt sich das irgendwie immer gleiche Konzept der Inszenierung ab und wird etwas zäh. Der zunächst interessante Ansatz, die Charaktere karikierend zu überzeichnen, gerät ob diverser Albernheiten zur nervlichen Geduldsprobe und wird dem düsteren Inhalt auf Dauer kaum gerecht. Auch dürfte das Ende nicht wirklich in de Sades Sinne gewesen sein. Über weite Strecken fühlte ich mich vom Kontrastprogramm zwischen Desillusion, Pessimismus und – natürlich – Sadismus einer- und einer entrückten Interpretation á la „Justine im Wunderland“ andererseits jedoch gut unterhalten, ließ mich wohlig vom Beschützerinstinkt für Justine kitzeln und von ihrer sinnlichen Unschuld inmitten einer Welt des Chaos umschmeicheln, ohne de Sades Thesen wirklich bis auf ihren Grund zu folgen. Erwartet man gar nicht mehr als das von mir Beschriebene, hat Francos Umsetzung definitiv etwas, was auch über die namhafte Darstellerriege, zu der sich auch Jack Palance („Lasst uns töten, Companeros“), Rosalba Neri („Sklaven ihrer Triebe“) und selbstverständlich Franco-Stammmime Howard Vernon („Necronomicon - Geträumte Sünden“) gesellen, hinausgeht.

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