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Dass Sandra Bullock ihre Auszeichnung als "Schlechteste Hauptdarstellerin" für ihre Rolle als Mary Horowitz in "Verrückt nach Steve" beim Verleih der "Goldenen Himbeere" persönlich abholte, ging durch alle Nachrichten - weniger bekannt blieb ihre tatsächliche Intention. Sie brachte eine große Anzahl DVD's mit und bat die Juroren, sich den Film noch einmal anzusehen. Wenn sie dann immer noch davon überzeugt wären, er wäre so schlecht, wie sie bisher behaupten, würde sie die "Goldene Himbeere" behalten. Das könnte man als PR-Gag bezeichnen oder als Akt der Selbstüberschätzung, aber dann reihte man sich nur wieder in die recht geschlossene Phalanx der "Steve" - Basher ein, die vor lauter scheinbar offensichtlicher Argumente keinen Moment mehr richtig hinsehen - oder besser : ihre eigene Wahrnehmung nicht mehr in Frage stellen.

Keine Frage, Mary Horowitz ist ein Ausbund an Nervigkeit. Eine nicht mehr ganz junge Frau, deren höchstes Interesse der Entwicklung von Kreuzworträtseln gilt. Das ist von der Storyentwicklung her plakativ, aber mit dieser Finte gelingt es, einen Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, der zwar über eine Menge Fachwissen verfügt, aber nicht in der Lage ist, dieses über das mechanische Aufrufen hinaus, in einen lebensnahen Kontext einzubringen - ein in vielen Berufen vorstellbarer Prototyp. Trotz dieser lexikalen Fähigkeit schwankt man in der Beurteilung eines solchen Menschen immer zwischen unfassbarer Dummheit und abstruser Intelligenz, vor allem wenn er - wie in diesem Fall Mary Horowitz - in Sachen Empathie eine völlige Niete ist. Als es zu einem von ihren Eltern verabredeten Date mit dem smarten Kameramann Steve (Bradley Cooper) kommt, der sich wider Erwarten weder als homosexuell noch als unattraktiv herausstellt, kann Mary nicht anders, als sich sofort auf ihn zu stürzen - ein Akt, der an Vergewaltigung grenzt.

Wenn, ja wenn Mary keine Frau wäre. Und genau dieses Detail macht den Film interessant und lässt verstehen, warum Sandra Bullock sich für ihn engagiert. Filme, in denen Männer als verhaltensgestörte Sammler spezifischen Fachwissens agieren, denen beim Anblick einer attraktiven Frau die Lampen auf unterschiedliche Weise durchbrennen, gibt es zur Genüge und es ist nur abhängig vom Genre, ob daraus ein Serienkiller oder ein nerdiger Liebhaber wird. In Komödien - und um eine solche handelt es sich bei "Verrückt nach Steve" zumindest äußerlich - akzeptiert das Publikum einen solchen Typen als Sympathieträger - egal wie sexistisch er schwadroniert und wie exzessiv seine spezielle Leidenschaft ist.

Von Frauenrollen dagegen erwartet der Betrachter - wenn schon eine Außenseiterin im Mittelpunkt steht - dass sie sensibel gestaltet sind. Nach außen, quasi für die anderen Figuren im Film, darf sie unverstanden bleiben, aber nicht für den Zuschauer, der schnell ihre inneren Werte begreift und das Potenzial erkennt, dass es im Verlauf des Films auch für ihre Mitspieler zu entdecken gilt - man nennt solche Werke in der Regel "Feel-good-Movie". Um einen solchen handelt es sich bei "Verrückt nach Steve" für sehr lange Zeit nicht, denn Mary Horowitz toppt in ihrer Nervigkeit locker die üblichen Film-Nerds, versteht weder den heftigsten Wink mit dem Zaunpfahl, noch begreift sie die offensichtlichsten Ablehnungen als Kritik an ihrer Person. Erträglich wird diese Ansammlung an Erniedrigungen nur, weil sie selbst diese gar nicht als solche erkennt.

Diskussionswürdig ist in diesem Zusammenhang die Besetzung der Mary Horowitz mit Sandra Bullock. Damit sind weniger ihre schauspielerischen Fähigkeiten gemeint. Ihr aufgeregtes Wesen ist kein Overacting, sondern passt gut zu der leicht überzeichneten Rolle, und die übliche Kritik daran gehört wieder zu dem verzweifelten Versuch, sympathische Züge in dieser Figur erkennen zu wollen. Viel mehr stellt sich die Frage, ob die Popularität Sandra Bullocks dieser Rolle nützt oder ihr schadet. Auf der einen Seite verleiht sie Mary Horowitz damit Aspekte, die die Rolle als solche gar nicht besitzt, und erzeugt damit Aufmerksamkeit für eine mögliche Entwicklung, auf der anderen Seite hätte die Besetzung mit einer unvorbelasteten Darstellerin die Ablehnung einer solchen Figur stärker herausgearbeitet. Vielleicht liegt gerade in der Zwiespältigkeit, dass eine beliebte Darstellerin wie Sandra Bullock eine solche Frau spielt, auch die Chance des Films, denn dadurch verliert er seine Eindeutigkeit. Weder ist „Verrückt nach Steve“ ein wirklich komischer Film, noch eine ernste sozialkritische Studie.

Nicht ohne Grund wird die Rolle von Thomas Haden Church von den meisten Kritikern als positiver Aspekt herausgestellt, denn in ihm erfüllt sich die Erwartungshaltung an einen solchen Film. Zwar einerseits ein eingebildeter Angeber, andererseits fähig zu Selbstironie, ist er es, der sich über Mary Horowitz am meisten amüsiert. Während Bradley Cooper am liebsten schreiend davon laufen möchte, treibt er das Spielchen voran, fördert ihre mangelnde Fähigkeit der Selbsterkenntnis und verhindert lange, dass sie begreift, dass Steve sie gar nicht will. Das macht er so lässig, dass man ihm dabei gar nicht böse sein kann - abgesehen davon, dass er den meisten Betrachtern damit aus dem Herzen spricht. Die Szenen um die Fernsehteams werden gerne als Satire bezeichnet, dabei sind sie eher das Gegenteil – nämlich alltägliche Realität. Viel mehr zeigt sich in der Konfrontation zwischen Menschen, die der Masse Unterhaltung bieten müssen, und einem Außenseiter wie Mary, wie verschoben inzwischen unserer Wahrnehmungen hinsichtlich charakterlicher Qualitäten sind.

Leider hält „Verrückt nach Steve“ seine Linie nicht bis zum Schluss konsequent durch und liefert damit der Ablehnungsfront abschließend noch Munition für ihre Kritik. Dieser Hollywood – typische Solidaritätsauflauf lässt aber übersehen, dass der Film sowohl auf konstruierte Storyverrenkungen, noch auf unrealistische Charakterveränderungen der Hauptfigur verzichtet. Letztlich hat der Film trotzdem fast alles richtig gemacht, was sich an der breiten Ablehnung erkennen lässt. Bedenkt man, dass hier keine wesentlichen politischen Themen abgehandelt oder - wie im parallel erschienenen „The blind side“ - gesellschaftliche Brennpunkte angefasst wurden, weshalb Sandra Bullock dafür den Oscar erhielt, sondern nur die Geschichte einer Frau erzählt wird, die hinter einem Mann herläuft, der sie gar nicht will – dann begreift man die Qualität dieses zwiespältigen Films, der es Keinem recht machen will und damit genau den Nerv trifft (7/10).

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