Review

Frank Pavichs Dokumentarfilm „N.Y.H.C.“ wurde bereits Mitte der 1990er gedreht, erst gegen Ende jenes Jahrzehnts veröffentlicht und erreichte durch seine mit reichlich Bonusmaterial versehene DVD-Veröffentlichung 2008 (wieder) eine größere Öffentlichkeit. Dabei sind Missverständnisse und Enttäuschungen eigentlich vorprogrammiert, denn der Dokumentarfilm ist mitnichten eine Studie der HC-Szene New Yorks von ihrer Entstehung an und versucht auch nicht großartig, sie zu sezieren, zu erklären und ihr sozialwissenschaftlich irgendwelche Aussagen und Bedeutungen anzuheften. „N.Y.H.C.“ fängt stattdessen die pulsierende Underground-HC-Szene, die Mitte der 1990er wütete, ein, ist also mehr eine Bestandsaufnahme der Szene zum Zeitpunkt des Drehs. Diese Herangehensweise finde ich aber alles andere als verkehrt, denn was wir hier bekommen, ist ein schwer authentisches Zeitdokument, das seine Protagonisten nicht zu Studienobjekten macht, sondern einen Einblick in eine überraschend vielschichtige, von gegenseitigem Respekt geprägte Szene voller unterschiedlicher ethnischer Herkünfte, Glaubensrichtungen, Meinungen zu Themen wie z. B. Alkohol- und Drogenkonsum und nicht zuletzt trotz des „Hardcore“-Banners unterschiedlicher Musik liefert. Interviewt werden Musiker ebenso wie Fanzine- und Labelmacher und Fans und oft genug lässt Pavich einfach die Musik selbst für sich sprechen. Die Konzertausschnitte sind mein Highlight des Films, da sie die interessante Musik, die positive Energie, aber auch das Chaos, die Gewalt und die Widersprüchlichkeiten hautnah einfangen und somit einen realistischeren Eindruck vermitteln, als es vermutlich noch so viele Worte jemals könnten. Mit von der Partie sind 25 Ta Life, Madball, Crown Of Thornz, District 9, Vision Of Disorder, 108 und No Redeeming Social Value, zu Wort kommen außerdem Menschen wie John Joseph (Cro-Mags), Roger Miret (Agnostic Front), Kevin Gill (SFT Records) u. a. Bands, die seinerzeit nicht aktiv oder schlicht zu sehr dem Underground entwachsen waren, kommen gar nicht oder nur am Rande vor. Und das ist das Herrliche: Wir sehen alte, unheimlich energiegeladene Madball-Auftritte mit Vinnie Stigma an der Gitarre und zahlreiche Konzertmitschnitte von Bands, die wahrscheinlich nie wirklich aus New York herausgekommen sind und von denen man ohne diesen Film vermutlich kaum etwas gehört hätte. Einige der Musiker sind heute in Bands wie Skarhead weiterhin aktiv, andere zogen sich aus der Szene zurück. Wer mit Hardcore zu großen Teilen intelligente, sozialkritische Statements oder gar politische Aussagen verbindet, wird hier kaum fündig werden. Ob es daran liegt, dass danach schlicht nicht gefragt wurde, kann ich nicht beurteilen. Allerdings scheint sich die New Yorker Hardcore-Szene mit ihrem Skinhead- und Working-Class-Bezug mehr als die Szenen anderer Städte aus der Unterschicht zusammenzusetzen und seit jeher eher aus dem Bauch heraus zu agieren, denn allzu kopflastig zur Sache zu gehen. Recht smart und ruhig wirkt Roger Miret, was allerdings mit seiner Rückenverletzung zusammenhängen könnte, die ihn während der Interviews an den Rollstuhl fesselte. Andere wirken etwas sonderbar, wieder Andere zwischen unreif und bodenständig, zwischen wirr und respekteinflößend. „N.Y.H.C.“ nimmt dem Zuschauer kaum Arbeit ab – er zeigt lediglich: „Schau her, so war das damals.“ Wer dadurch angefixt wurde, muss selbst recherchieren, seine eigenen Schlüsse ziehen und sich seine eigene Meinung bilden. Im Idealfalls fand er dabei diesen Film ebenso inspirierend wie ich. Wenn nicht, eignet sich „N.Y.H.C.“ immer noch als groteske Freakshow.

Der Clou dieser DVD-Veröffentlichung ist aber das Bonusmaterial, das u. a. zahlreiche damalige Interviewpartner ca. zehn Jahre später noch einmal zu Wort kommen und sie auf den fertigen Film, die damalige Szene und die eigene Entwicklung sowie die der Szene zurückblicken lässt. Da ist dann z. B. jemand Vegetarier geworden und sieht zehn Jahre jünger aus als vor zehn Jahren, ein Anderer steht auf offener Straße Rede und Antwort, während neben ihm eine Verhaftung stattfindet, und spätestens beim Anblick Lord Ezecs weiß man: The Freakshow continues. Diese „updated interviews“ spannen gekonnt den Bogen von der Vergangenheit zur Gegenwart (bzw. jüngeren Vergangenheit) und runden das Gesamtpaket mit Roger Mirets Kommentar zur „American Hardcore“-Dokumentation mit folgenden Worten ab: „Hardcore lives!“

Schade nur, dass der DVD-Veröffentlichung der längst vergriffene Original-Soundtrack nicht beiliegt und dass die deutschen Untertitel doch arg schlampig, weil rechtschreibfehlerbehaftet umgesetzt wurden. Hat die niemand korrekturgelesen?

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