Review

Nach der spöttisch-ironischen Komödienfabel Bomben auf Monte Carlo (1931) der Zweite von insgesamt drei Hans Albers / Heinz Rühmann Paarungen; 1954 folgte noch der volkstümlich-melancholische Auf der Reeperbahn nachts um halb eins. Ironischerweise wurden von allen drei Arbeiten Remakes zumindest anberaumt; während beide andere Vertreter auch ihr jeweilig modern aufgepepptes Kontinuum fanden, blieb es hierbei allein bei der Planung stecken. Allerdings benötigt man das Ganze in Farbe und mit anderen Darstellern noch einmal erzählt auch überhaupt nicht. Der Film ist perfekt so wie er ist und passt vor allem auch gerade wegen seiner Entstehungszeit und der dadurch entsprechenden Produktionsweise exakt in sein eigens errichtetes Filmuniversum.

Noch vor Sidney Lanfields Der Hund von Baskerville [ 1939 ] und Alfred L. Werkers Die Abenteuer des Sherlock Holmes [ ebenfalls 1939 ] gedreht und damit den Startschuss der imagebildenden Verkörperung durch Basil Rathbone als Sherlock Holmes und Nigel Bruce als Dr. Watson vorwegnehmend, zeichnet man hier bereits auf, wie eine Verfilmung der Lektüre von Arthur Conan Doyle aussehen könnte. Man stellt eine Art Gegenstück vor: Einen weitsichtigen Prototyp, der seriennahen Ausblick auf das zukünftige Design der prägenden und bis heute am Höchsten geschätzten Holmes / Watson - Personifikation wirft, sich dabei aber keine beschränkenden Grenzen aufsetzt und weder als purer Krimi noch blanke Komiker - Komödie erweist.

Ähnlich wie auch bei den mehr oder weniger subversiven Weiterdichtungen wie Das Privatleben des Sherlock Holmes [ 1970 ], Der verkehrte Sherlock Holmes [ 1971 ], Kein Koks für Sherlock Holmes [ 1976 ] und Genie und Schnauze [ 1988 ] lebt der Film nicht ursächlich von der Performance seiner beiden Stars und schiebt das Skript auch nicht auf eine treatmentgleiche Position zurück, sondern weist diesem eine gewichtige Bedeutung zu. Man ist tatsächlich ein Krimi wie aus den Geheimakten des Welt-Detektives, wie sie Doyle jahrelang in Mystery-Monatszeitschriften unter die begeisterte Leserschar streute. Mit richtigen Bösewichtern und ihren grossen, verzwickt-verschwörerischen Plänen, mit abgelegenen Schlössern, unterirdischen Fälscherwerkstätten, Geheimfächern, ein ganzes Leben lang verschwiegenen Geheimnissen sowie Spürsinn und Kombinationsgabe.

Und man ist sowohl eine Parodie auf die Umstände, dass das gefesselte Publikum Wort für Wahrheit nahm, Doyle mit Watson selber verwechselte, über ihn gar Anfragen an seinen "Freund" richtete und in der Vermischung von facts und fiction den geschriebenen Tod Holmes mit einem bitteren Aufschrei quittierte. Ebenso stellt man sich als akribisch präparierte Hommage dar, die seine Figuren und ihre Abenteuer nicht für bare Münze nimmt, sie aber auch nicht Selbstverspottung und Entlarvung unterzieht, sondern ansprechend würdigt, ihre Faszination und das schriftstellerische und kreative Talent seines Autors gleich mit ehrt.
Ein Spiel mit Schein und Sein, dass dem primären Mythos und seiner Legende kein Unheil antun will, sondern gerade aus dem Wissenstand des Publikums schöpft, um von Beginn weg Interesse, Spannung, Humor und auch Vertrautheit zu erzeugen. Dabei gelingt es den Machern ebenso wie Sherlock Holmes in seiner überlogischen Kunst, die Dinge abstrakt aus dem Zusammenhang herauszugreifen und so nicht Bekanntes nachzuerzählen, sondern Surrogat, Äquivalent und ausgedehnte Entfaltung gleichzeitig bereitzuhalten.
Die Geschichte entspringt optisch direkt einer der Pulpzeitschriften, ähnlich dem Strand Magazine.
Überschrift des Prologs: "Überfall auf den Nordexpress".

Morris Flint [ Hans Albers ] und sein Partner Macky McPherson [ Heinz Rühmann; der fast von Paul Kemp ausgestochen wurde ] haben sich aus dem Kostümfundus bedient und mit den nötigen Utensilien von Holmes und Watson eingekleidet. So läuft Flint jetzt mit Inverness-Mantel, Deerstalker-Hut und Meerschaumpfeife durch die Gegend, während sich McPherson mit einem Geigenkasten bewaffnet hat. Dementsprechend ausgerüstet stellt ihnen auch keiner unangenehme Fragen, als sie mitten einer regnerischen Nacht in freier Wildbahn den Nordexpress anhalten und sich wie selbstverständlich des Dienstabteils bemächtigen. Auch im Ankunftsort Paris werden sie prompt für die echten Detektive gehalten und bekommen sogar vom Polizeipräsidium den offiziellen Auftrag, den Diebstahl von vier Mauritius - Briefmarken aufzuklären. Mit Nonchalance übernehmen sie ihren ersten Fall.

Dabei lässt das Drehbuch die Eckdaten relativ in Stich; die Autoren Robert A. Stemmle und Karl Hartl, der auch die Regie übernahm, kümmern sich nicht wirklich um die genauen Zeit- und Ortsangaben, sondern lassen sie höchstens im Vorübergehen miteinfliessen. Stemmle selber soll später noch einen Roman verfassen, der das Setting während der Pariser Weltausstellung 1900 viel deutlicher in Augenschein nimmt, sich ansonsten auch mehr als gelungene Ergänzung denn als simple Wort-bei-Wort Niederschrift herausstellt und auf jeden Fall auch einen gesonderten Blick wert ist.
Auch bezüglich des Hintergrundes der beiden Protagonisten wird erst zum Schluss ein paar Sätze verloren, dennoch steht der Film auch ohne einleitende Exposition ab Sekunde Eins auf sicherem Gleis und rollt durch Einfallsreichtum in der dramatischen Entwicklung auch problemlos ins Ziel. Man enthält dem Betrachter die vorausgehenden Informationen, nimmt ihn mit auf die unvorhersehbare Reise und zeigt ihm erst anhand der Geschehnisse, was er wissen muss und wissen darf. Die Überraschungen bezüglich verschiedener Identitäten und anderer Mirakel und Phänomene treffen ihn deswegen genauso a prima vista wie die beiden 'Detektive'; aus dem regen Gedankenaustausch entspinnt sich ein ungewappnetes Vergnügen, dass abwechselnd entzückt, amüsiert, frappiert und verblüfft.

Nicht mit derben und oder gar ungehobelten Humor, auch nicht dem destruktiven Slapstick, obwohl dies in manchen actionintensiven Chaosszenen möglich wäre. Sondern mit Bilderwitz, der in der Kriminalgroteske viel Platz für Improvisationen bereithält. Mit Wortwitz, der von der Gegenüberstellung seiner unterschiedlichen Charaktere lebt und identisch zur sophisticated comedy das Gelingen des gleichberechtigten Gesprächs zwischen zwei erwachsenen, sich gegenseitig respektierenden Menschen voraussetzt. Mit unnachahmlich betonten verbalen Verknappungen, wo sich aus phlegmatischem Stoismus plötzlich erregende Erkenntnis ergibt.
"Welche Station ?"
"Gar keine."
"Warum nicht ?"
"Offene Strecke."
"Weswegen ?"
"Unseretwegen."
"Wieso ?"
"Der Traum ist aus."
"Richtig !!"
Mit Fehlannahmen, Missverständnissen und Verwechslungen. Der Überbrückung der Kluft zwischen Komik und Ernst zugunsten einer heiteren Krise. Dem Anarchismus von Lug und Trug, in der die auf die beiden Scharlatane hereinfallenden Autoritäten der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Mit dem Enthusiasmus am Regelverstoss, einhergehend mit Schadenfreude.
Stemmle und Hartl präsentieren das durchaus prunkvolle Sujet bar Bedrückung und Unheilverkündung, stattdessen mit der Leichtigkeit einer beschwingten Operette, die sinnbildlich die begeisternde Singnummer "Jawohl meine Herrn" hervorbringt. Vor allem macht man einen weiten Schritt von der Realität des Jahres 1937 hinweg und verhält sich folglich auch in der Inszenierung ganz ohne Straffheit und beklemmende Ordnung.

Bezeichnenderweise gehören alle seine Mitarbeiter, eben auch Regieassistent Eduard von Borsody, Kameramann Fritz Arno Wagner und Komponist Hans Sommer der sogenannten Position der Neutralen an. Eine Gruppe Filmschaffender, die trotz der eindeutigen Zuwendung der Ufa - Konzernleitung hin zum NS - Regime für einen parteilosen, wertfreien Zufluchtsort in der Unauffälligkeit sorgten; unpolitische Lustspiele, die sich weitgehend von den 'Empfehlungen', also den Geboten der Behörden lösten und so im Freiraum sicherlich keinen Protest oder eine Opposition, sondern eine Art milde, innere, getarnte Gegenwehr schufen.
Die Flucht in die Gelegenheit des vergessenden Eskapismus, wie so oft eben auch hier verbunden mit dem Übergang in eine realitätsfremde zeitliche und räumliche Dimension, zog normalerweise aber auch eine gewisse Sterilität nach sich; eine künstliche getarnte, lieblos entseelte Asylkonserve, die Niemandem wehtut, aber auch Niemanden etwas bringt. Hier tritt dieser Retorteneffekt nicht ein.

Trotz visueller Opulenz keine Demonstration von technischem oder anderweitig formalen Können, kein merkliches Vorhandensein zusammengezogener Fachkräfte, die unbedingt eine Illusion erschaffen müssen und auch keine verkrampfte, unnatürlich heitere Unterhaltung. Keine Manipulation, sondern der seltene Glücksfall, in dem man zwischen Temporeichtum, Schlagfertigkeit, stabilisierender Harmonie und rückwirkender Nostalgie rein gar nichts von den Anstrengungen hinter dem Drehprozess spürt: Nichts von den Widrigkeiten der Herstellungszeit. Von der stetig wachsenden Konkurrenz seiner Stars, in dessen Verhältnis Rühmann längst nicht mehr nur der stichwortgebende Assistent war. Von Albers' Schwierigkeiten mit dem Text, die das Team zur Aufstellung von Schrifttafeln ausserhalb des Kamerablickfeldes nötigte. Von dem juristischen Nachspiel wegen Urheberrechtsverletzung und unlauterem Wettbewerb, deren Klage erst 1957 vom BGH abgewiesen wurde.
Das Angenehmste an der jungenhaft unbekümmerten Angelegenheit mit herzhafter Requisite ist nämlich, dass man neben aller spürbaren Spielfreude der Mitstreiter Albers und Rühmann auch als Aussenstehender das anregend Behagliche erleben, gänzlich unbeschwert in eine andere, bessere Welt tauchen und sich einem wirklich wonnigen Zeitvertreib hingeben kann.

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