Review

"NIEMAND WEISS WOHER DIESE WESEN KOMMEN ... MAN WEISS NUR EINS, SIE WOLLEN FLEISCH, MENSCHENFLEISCH"

Der in die Jahre gekommene Ex Sheriff des winzigen Küstenkaffs Dead River, wird mitten in der Nacht von seinem jungen Nachfolger aus dem Bett geklopft und um Hilfe gebeten. Der alte   Haudegen kann es kaum fassen, die Kannibalen sind wieder da ....

Wer sich ernsthaft mit dem Direct To Video Horrorstreifen OFFSPRING auseinander setzen möchte, sollte sich jetzt mal kurz etwas Zeit nehmen. Der Film beruht nämlich auf einem (Fortsetzungs!!) Roman des mittlerweile auch in germanischen Breitengraden ziemlich angesagten US amerikanischen Autoren Jack Ketchum. Der Herr ist so ne Art Stefan König (was bin ich heute wieder lustig...) für Anspruchsvolle. Während King Adaptionen oft über große Budgets verfügten und  manch namhafter Regisseur sich an der Umsetzung ins Cineastische versuchte, sieht man allen vier bisherigen Ketchum Verfilmungen (in denen der Meister allesamt auch mal kurz höchst persönlich ins Objektiv schaut) den dürftigen finanziellen Rahmen leider überdeutlich an. Wie gesagt ist OFFSPRING die Fortsetzung des besten Horroschockers den ich jemals lesen durfte, nämlich OFF SEASON (dtsch. Beutezeit). OFF SEASON war Anfang der 80er Jahre das Erstlingswerk des jungen Schriftstellers. Damals kann diese geballte Ladung aus schonungsloser Gnadenlosigkeit und unvorhersehbarer Genialität nur ein Kulturschock gewesen sein. Ich selber verspeiste den Roman in einer Nacht. Weglegen, schlafen, oder wenigstens mal pullern gehen war leider nicht möglich, dieser groteske Albtraum lies mir keine Chance zu solch unsinnigen Aktivitäten. Was für eine Schreibe - einfach unglaublich gut! Es geht um zwei Pärchen die in der idyllischen Natur im Bundesstaat Maine ein nettes Wochenende in einer Blockhütte mit Nähe zum Strand verbringen möchten. Eine Sippe nomadenähnlicher Kannibalen schaut leider mitten in der Nacht vorbei. Da in der Gegend schon einige Menschen spurlos verschwunden sind, ermittelt der ortsansässige Polizeichef Peters mit seinen Männern in der selben Nacht ganz in der Nähe des Geschehens. Es kommt wie es kommen muß - aber doch ganz anders .... So weit zum modernen literarischen Meisterwerk. Geld hat Ketchum mit seinem Debüt leider nicht verdient, künstlerische Zugeständnisse mußte der junge Mann auch eingehen, da der Verlag ihm eine süße aber knallharte Lektorin vor die Nase setzte. Unverblümt bekennt sich Ketchum im Vorwort von OFFSPRING dann auch dazu die Fortsetzung nur aus einem Grund geschrieben zu haben, nämlich um sein Konto zu füllen. Leider merkt man dies auch hier und da recht deutlich. Dem Mainstream Leser wird der Stoff erträglicher feil geboten. Ein (nicht kannibalistisches) Kind ist der Held, es gibt (zu) viele Überlebende und diese absolute, ja endgültige apokalyptische Grundhaltung ist wie weggefegt. Erstaunlicher Weise liest sich OFFSPRING trotz dieser recht deutlichen Kompromisse durchaus gut. Dies kann auch mit kleineren Abstrichen vom Film behauptet werden.

Eine Frau kommt besoffen nach Hause und trifft statt des erwarteten Baysitters nur noch dessen auf dem Küchentisch abgelegten Torso an. Überall im Haus befinden sich seltsame Kinder im Lendenschurz und mit verfilzten Haaren. Bevor die Frau von den gräßlichen Bengeln geschlachtet wird, kann sie noch einen Blick auf ihren Säugling werfen, eines der Terror Kids schleppt die Babyleiche frech grinsend in einer Plastiktüte mit sich. Die ermittelnde Polizei erinnert sich an die zehn Jahre zurückliegenden Ereignisse, als ein moderner Kannibalenstamm nach einem nächtlichem Touristen Festmahl, eigentlich ausgerottet werden konnte. Ratlos wird Ex Polzist Peters, der damals dem Massaker aktiv beiwohnte, um Mithilfe gebeten. George Peters der wegen dem Tod seiner Frau und der nie richtig verarbeiteten damaligen Geschehnisse alkoholabhängig wurde, lässt sich nicht zweimal bitten. Während die Dorfpolizei im Wald umher streift, hat es die degenerierte Kannibalenbrut, die nur noch aus Kindern und Minderjährigen besteht, schon auf die junge Familie des Spieledesigners David Halbart und der Freundin seiner Frau abgesehen ....

Ein Buch ist ein Buch und ein Film ist ein Film. Obwohl der Roman (mehr oder weniger) auch nur die Ereignisse einer Nacht erzählt, kommen Handlungsstränge vor, die eine 77 minütige Low Budget Produktion einfach nicht verarbeiten kann. Obwohl OFFSPRING in seinem Look und seiner Machart teilweise wie ein TV Film ausschaut, macht er einige Dinge besser als das Buch.  Zuschauer die den Roman nicht kennen, werden sich aber zu Recht fragen, wer dieser kichernde Cretin in der Kannibalenhöhle ist (er wird im Buch als "Vieh" bezeichnet, ein Entführungsopfer welches ausschließlich zur Fortpflanzung und zum sadistischen Vergnügen "gehalten" wird!), oder warum die Horde so scharf auf Babys ist, oder woher die jagenden Primitiven überhaupt kommen.  Kenner des Buches werden bemängeln, dass die Wilden gar noch filziger daher hätten kommen können, oder das die Höhle nicht  süffig genug ausgestattet ist (im Roman meint der Leser den Gestank von Scheiße und Tod förmlich riechen zu können).

Fazit:
Zu meiner Überraschung ist der Gesamteindruck positiv. Unter den No Name Darstellern ragen Genre Veteran Art Hindle (Bodysnatchers, The Brood), der auch mit produzierte und Newcomerin Pollyanna McIntosh (als grunzende angsteinflößende Anführerin der Horde) angenehm heraus. Die Regie ist nicht gerade besonders ambitioniert, aber das schöne daran ist, wenn man nicht wüßte das OFFSPRING eine Produktion des Jahres 2009 ist, könnte der Streifen auch als Endsiebziger Grindhouse Schund durchgehen, was nicht negativ verstanden werden sollte. Nicht nur die minimalistisch eingesetzte Musik erinnert sofort an die wirren Klänge aus The Hills have Eyes (1977). OFFSPRING geht schnörkellos seinen Weg, hat einige krasse - scheinbar aus dem Nichts kommende - Härten zu bieten, schreckt nich vor Tabus zurück (Kind tötet Kind etc.) und verzichtet auf das süßliche deplazierte Romanende. Fühlte mich als Fan solcher Dinger ok unterhalten, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Warum Regisseur Andrew van den Houten und Drehbuchautor Ketchum sich dafür entschieden haben das Sequel (zuerst!?!)  zu verfilmen, bleibt ihr Geheimnis und für mich unverständlich. Bill Campbell dreht nun tatsächlich OFF SEASON, der Film befindet sich in der Vorproduktion....

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