„Ist hier Märchenstunde?“
Auch Diether Krebs („Ein Herz und eine Seele“), vornehmlich aus dem komödiantischen Fach bekannt, schlüpfte einst in den Mantel eines „Tatort“-Kommissars und somit in eine ernste Rolle. Es blieb jedoch bei nur einem Einsatz als Braunschweiger Kommissar Nagel, denn er habe dem NDR seinerzeit lediglich als Lückenbüßer gedient und ohnehin nie in Serie gehen sollen. Sein einziger Fall „Alles umsonst“ wurde von Theodor Schübel geschrieben und von Hartmut Griesmayr inszeniert, der damit innerhalb der öffentlich-rechtlichen Krimireihe debütierte. Es sollten bis dato satte 26 weitere „Tatorte“ folgen. „Alles umsonst“ wurde am 11.03.1979 erstausgestrahlt.
„So was kommt immer wieder mal vor…“
Das Verhältnis zwischen Bäckermeister Erich Schmidt (Horst Michael Neutze, „Polizeirevier Davidswache“) ist seiner Ehefrau Olga (Katharina Tüschen, „Sommergäste“) ist zerrüttet. Olga behandelt ihn bevormundend und respektlos. Wesentlich besser versteht er sich mit seiner Angestellten Anni Klein (Monica Bleibtreu, „Menschenfresser“), die seine Frau jedoch kurzerhand aus dem gemeinsamen Familienbetrieb feuert. Erich bändelt daraufhin mit der wesentlich jüngeren Anni an und würde sich am liebsten scheiden lassen, was jedoch seinen finanziellen Ruin bedeuten würde: Der Bäckereibetrieb gehört seiner Frau, er hat lediglich eingeheiratet. Als Olga einen Autounfall erleidet, den sie für Erich überraschend überlebt, reift in ihm die Vorstellung, wie schön es wäre, wäre sie nicht mehr am Leben. Die derzeit grassierende Einbruchswelle in seinem Stadtteil nimmt er zum Anlass, zusammen mit Anni als Komplizin einen Einbruchmord zu fingieren und Olga zu ermorden. Kommissar Nagel hat nun eine schwere Nuss zu knacken…
Olga Schmidt wird als superätzende Chefin in die Handlung eingeführt, die passiv-aggressiv mit Anni und eben auch ihrem Mann umspringt. Ihr Unfall wird nicht visualisiert, der spätere Mord an ihr ebenso wenig. Amouröse Szenen zwischen Erich und Anni? Fehlanzeige. Dieser „Tatort“ verzichtet somit auf sämtliche potenziellen Schauwerte, was ihm einerseits einige Emotionalität nimmt und ihn Gefahr laufen lässt, zu einem drögen Laberfall zu verkommen. Andererseits verzichtet Griesmayr darauf, alles haarklein lang und breit verbal auszuformulieren und ist gut in seiner Wahl, was er in Dialogform verarbeitet und was gerade nicht. So verzichtet er beispielsweise beinahe vollends auf die Planungen des verhinderten Liebespaars und lässt sie erst im Nachhinein ihre Tat und deren Entstehung reflektieren. Dadurch wirkt „Alles umsonst“ weit weniger geschwätzig als vergleichbare Episoden und gewinnt der Fall an dramaturgischer Finesse.
Kommissar Nagel stößt erst im zweiten Drittel zur Handlung hinzu und wird als von vornherein skeptischer, besonnen-ruhiger und intelligent-nachdenklicher Ermittler umrissen. Zusammen mit Kriminalhauptmeister Henkel (Günther Heising, in derselben Rolle zuvor viermal an der Seite Knut Hinz‘ in den Hannoveraner „Tatorten“ in Erscheinung getreten) befragt er viele mögliche Zeuginnen und Zeugen, Betroffene, Täterin und Täter. Durch den Verzicht aufs Whodunit? leben diese Sequenzen davon, dass man als Zuschauerin oder Zuschauer sicherlich eher geneigt ist, mit dem Täterduo mitzufiebern. Schauspielerisch weiß das Ensemble zu überzeugen, wobei insbesondere Neutze als Erich Schmidt hervorzuheben ist – sein Blick, als er nach Olgas Unfall erfährt, dass sie mitnichten tot ist, und er so tun muss, als freue ihn dies, ist Gold wert.
Nach der Hälfte ungefähr scheint es einen tatsächlichen Zeugen zu geben, der jedoch a) einen Maurer verdächtigt und b) Sorge hat, in den Fall hineingezogen zu werden – dies erweist sich als zartes Anzeichen für eine interessante, den Fall mit Tragik anreichernde Wendung, die sich gegen Ende offenbart. Zuvor erfährt man etwas mehr über die Tote, die sie zu charakterisieren helfen, ohne dass konkret ausgesprochen würde, dass beispielsweise ein Schicksalsschlag ursächlich für ihren miesen Charakter gewesen wäre. Überhaupt ist es recht ernüchternd, was man über die Beziehung Olgas und Erichs miteinander erfährt: Es handelte sich offenbar um keine wirkliche Liebesheirat; als Spross einer aus dem Sudetenland nach dem Krieg vertriebenen Familie bestand eine große soziale Ungleichheit zwischen Erich und seiner späteren Frau und ihre Ehe manifestierte seine Abhängigkeit von ihr. Auch so etwa war Teil bundesdeutscher Realität. Dazu passt die niedersächsische Tristesse dieses kaum regionalisierten Falls, der in Braunschweig angesiedelt wurde und höchstens durch ein, zwei Gebäude Lokalkolorit aufweist.
Insbesondere aus heutiger Sicht wirkt Diether Krebs‘ einziger „Tatort“ sicherlich etwas behäbig, Drehbuch und Umsetzung sind aber durchaus gelungen. Für Freundinnen und Freunde des gediegenen, traurigen Fernsehkrimis der 1970er vielleicht ein kleiner Geheimtipp.