Review

„Prositution und Drogen!“

Der umtriebige italienische Trash-, Schund- und Plagiatsfilmer Bruno Mattei („Die Hölle der lebenden Toten“) hat in diversen Exploitation-Bereichen gewildert, berüchtigte Subgenres wie Nun-/Naziploitation und Women-in-Prison-Filme waren ihm nicht fremd. 1982 drehte er in italienisch-französischer Koproduktion und nach Drehbuch Palmanbragio Moltenis und Oliver Lefaits einen Beitrag zu letztgenanntem, die anscheinend halboffizielle sechste Fortsetzung zur „Black Emanuelle“-Reihe um Kult-Erotik-Aktrice Laura Gemser: „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“.

„Wieder einige neue Lilien für unseren Garten!“

Journalistin und Weltenbummlerin Emanuelle (Laura Gemser) lässt sich als vermeintliche Straftäterin unter dem Namen Laura Kendall inkognito ins Santa-Catherina-Frauengefängnis einliefern. Im Auftrage Amnesty Internationals soll sie die dort vorherrschenden ungeheuerlichen Vorgänge dokumentieren: Misshandlungen, Folter und Vergewaltigungen der Gefangenen durch sadistisches Wachpersonal, geduldet und befohlen von einer skrupellosen Direktion (Lorraine De Selle, „Die Wiege des Teufels“). Unmenschlichkeiten sind an der Tagesordnung, wie auch die bedauernswerte Emanuelle am eigenen Leib erfahren muss. Doch in Gefängnisarzt Moran (Gabriele Tinti, „Nackt unter Kannibalen“) findet sie einen Verbündeten. Kann er ihr zur Seite stehen, als ihre wahre Identität bekannt wird…?

Noch lange vor der RTL-Seifenoper „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ blühte in den Bahnhofskinos der westlichen Hemisphäre das Erotik-/Softsex-Subgenre der Women-in-Prison-Filme auf, das vornehmlich krude und geschmacklich fragwürdig ein zweifelhaftes Bild von Frauenhaftanstalten zeichnete, ging es doch vor allem um die Zurschaustellung weiblicher Nacktheit und Sexualität in Kombination mit psychischer und physischer Gewalt. So auch in diesem Sleaze-Streifen (Achtung, Handlung wird gespoilert!): Man beginnt mit dem Transport Emanuelles zusammen mit anderen Gefangenen zum Gefängnis. Ihren ersten Kontakt zum Gefängnisarzt Moran hat sie, als sie sich zwecks Aufnahmeuntersuchung ausziehen muss. Die übrigen Rollen erfüllen weitestgehend bekannte Klischees von der bösartigen Direktorin mit strenger Frisur über die ebenfalls streng gescheitelte, offenbar lesbische, maskulin-dominante, sadistische Oberaufseherin (Franca Stoppi, „Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf“) bis hin zu wahlweise kämpferischen, verzweifelten, resignierenden oder sich zum eigenen Vorteil mit dem System arrangierenden Insassinnen. Und während Emanuelles Zimmergenossin sich eine Kakerlake hält, hält sich die Direktorin den wegen Mordes verurteilten Knastdoktor als Lustobjekt.

„Wieso bist du nackt?! Zieh dich an!“

Nicht minder klischeehaft erscheinen die Herren der Schöpfung, vom Quoten-Mexikaner über den als komische Rolle angelegte tuntigen Schwulen als Lustknaben für die chronisch untervögelten Häftlinge bis hin zu den obligatorischen Hofprügeleien. Denn: Ja, auch männliche Insassen spielen hier eine Rolle, die Gefängnisfestung beherbergt nämlich auch einen Männertrakt. Ausgiebig bedienen Mattei und Co. bestimmte Fetische aus den Lesben-, Voyeur-, Sado-Maso- und Uniform-Bereichen, wenn besagte Oberaufseherin zwei Insassinnen zum gleichgeschlechtlichen Sex miteinander zwingt, dabei in ihrer Wärterinnenkleidung zusieht und es sich anscheinend mit dem Schlagstock selbst macht. Während dieser sehr ausgewalzten Szene hören andere Insassinnen, was da gerade vonstattengeht und werden selbst erregt. Auf dem Höhepunkt ihrer Lust prügelt die Aufseherin auf das kopulierende Paar ein. Opfer des Sadismus wird fortan auch die einmal mehr neben exotisch schön vor allem gazellenhaft zerbrechlich wirkende Emanuelle, die sich nach einem Streit mit den Wärterinnen in (Fäkalfetischisten, aufgemerkt) Fäkalien prügelt und wälzt und daraufhin ins Verlies gesperrt wird. Dort kommt Mattei seiner Vorliebe für Ratten nach, als er die Nager mit diabolisch rot leuchtenden Augen zu Emanuelle schleusen und sie blutig beißen lässt, woraufhin sie einen Schreikrampf und eine Angststarre erleidet. Derweil lässt die Direktorin in ihrer Wohnung eine Insassin von zwei männlichen Häftlingen vergewaltigen. Sie beobachtet den sexuellen Übergriff, geilt sich daran auf und hat Sex mit ihrem Mann – dem Direktor des Männertrakts.

Schließlich treibt man wieder die Handlung und Charakterzeichnung voran: Laura freundet sich mit dem Gefängnisarzt an und erfährt, dass er eigentlich ein guter Mensch ist und nur deshalb hinter Gittern sein trauriges Dasein fristet, weil er seiner sterbenskranken Frau aus Liebe Sterbehilfe (hier als Euthanasie bezeichnet bzw. von ihm als solche empfunden) geleistet hat. Etwas bemüht versucht Mattei durch eine Szene wie diese, sowohl Tragik als auch Hintergrund einzuflechten, um Empathie des Zuschauers zu buhlen, den Film um eine weitere Ebene neben der Sexuellen und Gewalttätigkeiten zu erweitern. Sollte dies mit der nächsten Szene ebenfalls beabsichtigt gewesen sein, ging dies jedoch vollkommen in die Hose – viel zu albern und bizarr wirkt es, als eine Insassin am Zellenfenster strippt, um die männlichen Häftlinge auf dem Hof zu provozieren, die sie daraufhin wie in Trance anstarren. Der Schwule rüttelt sie verzweifelt vor Eifersucht, einen nach dem anderen, woraufhin sie ihn wutentbrannt misshandeln und er auf dem Krankenbett stirbt.

Ein beliebtes Motiv im Sexfilm ist Geschlechtsverkehr aus taktischen Erwägungen mit Partnern, die man eigentlich nicht begehrt: So lässt sich Moran Emanuelle zuliebe widerwillig noch einmal mit der Direktorin ein. Erst nach einer Prügelei mit Todesfolge im Steinbruch stellt sich – für die Gefängnisdirektion ebenso wie für uneingeweihte Zuschauer – heraus, dass „Laura“ eine Journalistin mit gefälschten Papieren ist. Erneut wird sie verprügelt und anschließend gefoltert, sogar vom Leiter des Männerknasts vergewaltigt. Während sie mit Moran die Flucht plant, wird im Essenssaal die obligatorische Revolte eingeleitet und eine Spionin erschlagen. Die Oberaufseherin ermordet eine Insassin, wird daraufhin von einer anderen gerichtet. Der Ausbruch gelingt und unglaublicherweise nimmt man sich noch Zeit für ein Schäferstündchen, festgehalten in einer tatsächlich erotischen, irgendwie romantischen Softsexszene – der ersten dieser Art innerhalb des Films. Dem Mexikaner wird insofern eine gewichtige Rolle zuteil, als er mit seinem reparierten Motorboot Emanuelles Aufzeichnungen zu den Behörden schmuggelt, das Gefährt also ebenfalls etwas überraschend nicht unmittelbar zur Flucht dient. Doch trotz dessen und der unnachgiebigen Jagd auf die Ausbrecher gelingt das Unterfangen und das Gute siegt.

Für Matteis Verhältnisse geriet „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ relativ sorgfältig inszeniert und bis auf den einen oder anderen unverständlichen Ausflug ins Komödiantische über weite Strecken angenehm grimmig und dreckig, ohne jedoch jemals wirklich ernstzunehmen zu sein. Grobe Timing-Probleme konnte ich keine ausmachen, in den Inszenierungen der unterschiedlichen Softsexszenen schien man mir bewusst zwischen freiwillig und unfreiwillig zu unterscheiden und dennoch durchaus gekonnt großes Augenmerk auf die Erfüllung von Fetischphantasien zu legen, ohne die Handlung gänzlich zur Nichtigkeit zu degradieren. Die Kameraarbeit bietet darüber hinaus auch immer wieder interessante Einstellungen und Perspektiven; so wird der Zellentrakt beispielsweise öfter starr von schräg oben gezeigt, wie aus einer Überwachungskamera, was das Gefühl des Verlusts von Individualität und Privatsphäre sowie des Eingesperrtseins verstärkt. Einige Nebendarsteller agieren zwar hölzern oder sind mit der Theatralik, die Mattei anscheinend hier und dort gern einkalkuliert hätte, überfordert, die Hauptrollen sind jedoch prominent besetzt: Laura Gemser thront keinesfalls über dem Cast, sondern steht gleichberechtigt neben einer irrwitzigen, beängstigend intensiv spielenden Franca Stoppi, die Französin Lorraine De Selle sieht klasse aus und beweist Wandlungsfähigkeit, wenn man ihr die Direktorin auch nicht ganz abnimmt. Tinti wiederum wird vor keine allzu großen Herausforderungen gestellt, versieht seine Rolle aber dankenswerterweise ebenfalls mit der nötigen Ernsthaftigkeit und macht sich gut an der Seite seiner Ehefrau. Allen Absurditäten und offener Spekulation zum Trotz entwickelt „Laura – Eine Frau geht durch die Hölle“ auch mithilfe Luigi Ceccarellis Synthesizer-Klängen so etwas wie Atmosphäre und wer sich darauf einlassen kann und möchte, findet einen unterhaltsamen Sleaze-Exploiter vor, der vieles richtig macht, mir zumindest verglichen mit anderen Genrevertretern überraschend gut reinlief und gewissermaßen Matteis Handschrift trägt, die auch aus einem Film wie „Riffs III – Die Ratten von Manhattan“ zwar keinen wirklichen guten, aber doch interessanten und vergnüglichen machte. Fazit: „Black Emanuelle“ goes WIP in einem Film mit gesteigertem Unterhaltungswert über die subgenreüblichen Zutaten hinaus.

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