Review

Beware!
MPAA says:This Review is rated R for strong violence, language, drug content and some sexuality.


So, um mal ein wenig mit dem recht einstimmigen Tenor zu brechen, hier ein paar fucking (1) Worte meinerseits. Obwohl ich noch nicht so recht weiß, wie ich’s anstellen soll, den Film zu verteufeln und dabei argumentativ verständlich zu bleiben, denn inwiefern es sich einfach um persönliche Antipathien gegenüber bestimmten Elementen des Filmes handelt, kann ich aus meiner Position nur schwer identifizieren - dafür müsste ich wohl Yoga machen und ein Geist-löst-sich-vom-Körper-Training absolvieren. Dennoch will ich es auf einen Versuch ankommen lassen, denn was kann ein Review schon mehr sein als der Versuch der objektiven Darstellung des Subjektiven...

“The 51st State” ist freilich ein auf den ersten Blick sogar recht witziges Wortspiel. Zum einen bezeichnet der famos ausgeklügelte Filmtitel die macguffinsche Wunderdroge des Hauptcharakters, Chemikers und Drogenpanschers Elmo McElroy (Samuel L. Jackson), die angeblich die 51-fache Wirkung von allem bisher dagewesenen erreicht. Ist man also unter dem Einfluss von Elmos kleinen blauen Traumkügelchen, schwebt man auf Wolke 51, man ist im 51. Level, nimmt den Aufzug zum 51. Stock, tanzt mit den Wolken des 51. Höhengrades.
Zum anderen ist “The 51st State” in seiner Übersetzung nicht als Status, sondern als Staat ein leicht abfälliges Synonym für England aus Sicht der Amerikaner, genauer gesagt für die angloamerikanischen, transatlantischen Beziehungen zwischen den USA und ihrem “Schoßhündchen” Großbritannien - fuck (2), so nennen es jedenfalls sarkastische Beobachter der Blair-Politik.

Haben wir erstmal zu Ende gelacht und uns die Tränen weggewischt im Angesicht dieses Clous, können wir überlegen, über welche Informationen wir nun verfügen. Es geht offenkundig um Drogen, und nicht etwa um einen Thriller im Stil von “Requiem for a Dream”, nicht einmal mit einer Art “Trainspotting” haben wir es hier zu tun. Denn dass die Wirkung von Ecstasy zugunsten einer leicht euphorisch präsentierten neuen Droge derart abgeschwächt wird, spricht für einen köstlichen Pulp Fiction-Klon der zweiten Generation. Und was haben wir aus “Vier lieben dich” gelernt? Die Kopie einer Kopie des Originals ist gar noch minderwertiger als die erste Kopie. Aber lassen wir das erstmal. Fuck! (3) Das führt doch zu nichts.
Weiterhin muss es sich um ein Buddy-Movie von interkulturellen Ausmaßen handeln, denn wo die spannungsreichen Beziehungen zwischen zwei Ländern angedeutet werden, muss es natürlich auch zwei Buddies geben, einer aus jedem Land. Weil es sich um die USA und Großbritannien handelt, liegt aus wirtschaftspolitischer Sicht eine Hierarchie vor, die es zu brechen gilt. Und diese Aufgabe liegt beim Unterlegenen, dem England-Repräsentaten Felix DeSouza (Robert Carlyle).

Nehmen wir uns beide Punkte mal nacheinander vor.
Nr. 1. Obwohl ich Tarantinos hochgelobte Gangsterballade vergöttere, bin ich keiner von denen, die alles verteufeln, was sich an “Pulp Fiction” anschließend orientiert hat - solange es sich dann um wirklich gute Filme gehandelt hat. Guy Ritchie hat mit “Bube, Dame, König, grAs” und “Snatch” zwei gute Filme gemacht, genau wie Paul McGuigan mit “Gangster No. 1". Nur: Die hatten alle ihren eigenen Charme und vor allem ihre eigenen inhaltlichen Kniffe. Natürlich hatte das alles nichts mit der narrativen Genialität Tarantinos zu tun, für gute Filme reichte es dennoch. Doch was hat nun “51st State” zu bieten? Ein paar längst ausrangierte “Fucks” (4), in den Mund genommen ganz allein auf weiter Flur (Hallo? Sinn? Authentizität? Irgendwas?) und überhaupt schon vor Jahren bei “South Park” mit einer Satire abgehakt. Aber nöö, wir meinen ja, wir müssen auch zeigen, dass wir die parentale Beratschlagung rechtfertigen können. Lang lebe der sinnentleerte und aus dem Zusammenhang gerissene “Fuck” (5). Hier empfiehlt sich doch glatt mal die deutsche Synchronisation, denn in der Originalfassung fällt nicht mal richtig auf, wie fehl am Platz die fucking (6) Flüche hier sind. Aber ein bedeutungsloses “Fuck” (7) hat noch niemandem geschadet, und ich will das jetzt auch nicht unbedingt zum Aufhänger dieser Kritik machen... (Applause)
...denn da gibt es wichtigere Dinge anzumerken.
Wie etwa den Plot. Gut, schön, Ronny Yu inszeniert hier eine flotte Hetzjagd durch eine aus amerikanischer Sicht fremde Kultur mit schön variierten Schauplätzen, skurrilen Charakteren und makaberen Situationen. Aber losgelöst von den Schauwerten, was ist das eigentlich für ein abgefucktes (8) Drehbuch? Stringent, geradlinig und unkompliziert - das passt eigentlich eher auf eine Komödie vom Schlage Disney. Bei der Reise durch den einundfünfzigsten Staat begegnen uns aber allerlei Motive, die dazu verführen, eine vertrackte Handlungskonstruktion nach Ritchie zu backen, welcher sich wiederum an Tarantino hochzog. Schön und gut. Der Seventies-Prolog ist ein vielversprechender Aperitif. Dann treffen wir auf den Lizard, der von sich selbst immer in der dritten Person spricht. Der Lizard ist halt so fucking mean (9), dass er sich von sich selbst distanzieren muss, weil er es nicht mit sich selbst aushält, und in die Maske wurde des Lizards Darsteller Meat Loaf auch noch gesteckt (eine verbrannte Gesichtshälfte lässt auf eine bösartige Vergangenheit schließen), bis dessen wahrer Name in der erbärmlichen Schlusspointe eine ironische Note bekommen sollte.
Aber greifen wir nicht vor, es kommen ja noch viele lustige Späße auf uns zu. Der Ami trägt nen Schottenrock - nur so oder vielleicht doch zur Provokation? Schließlich ist der Schotte des Briten liebstes Kind, um es mal sarkastisch auszudrücken. Ach, und die Hools. Die sind dermaßen mindfucked (10), dass sie sich selbst auf die Schuhe pissen und alles anpöbeln, was sich bewegt - oder nicht bewegt. Und ein bemüht psychotisch anmutender Rhys Ifans ist auch dabei, ebenso wie eine Killerin mit besten Schwiegertochter-Voraussetzungen, ein in höchstem Maße dummer Chauffeur, ein manischer Ermittler, sein fetter, beleidigter, plumper Gehilfe, ein dicker schwarzer Spiritueller, und das war jetzt nur ein Bruchteil dessen, was hier gnadenlos aufgefahren wird. Mal abgesehen von der Tatsache, dass ich nur mit den wenigsten dieser Charaktere - dazu später mehr in Punkt 2 - etwas anfangen konnte, sind doch damit die Grundzutaten für eine Krimikomödie mit Drehungen und Wendungen, mit Zufällen und zufällig ablaufenden Kausalfolgen, mit dem Ritchie-typischen “wie reite ich mich zuerst in die Scheiße und verwende anschließend die Ironie des Schicksals dazu, diesen Tag zu meinem Tag zu machen, sofern ich der Sympathieträger bin” vorhanden.
Was soll ich sagen, es wird einfach nicht genutzt. Bieder wie sonstwas klettert der Herr Yu die Story-Bohnenranke rauf, ohne mal auf die Äste und Verzweigungen auszuweichen, so nach dem Motto “der kürzeste Weg zwischen A und B ist die gerade Linie dazwischen”. Die Folge: Alle Charaktere werden vollkommen verschenkt, es wird belanglos, ob dieser oder jener nun abgefuckt (11) ist oder nett oder cool oder schrill oder doof. Und tja, dem Finale im Stadion geht jegliche Ironie des Schicksals ab. Was soll das? Wo sind denn eigentlich die richtigen Guy Ritchie-Anleihen, wo ist das, was die Ritchie-Filme im eigentlichen Sinne so gut gemacht hat?

Nr. 2. Die generell gar nicht mal so falsche Idee, den britischen und den amerikanischen Gangsterfilm durch das Buddy-Konzept zu vereinen, nimmt leider recht schnell absurde Auswüchse an - und das, obwohl es ein Geniestreich und zugleich eine glückliche Fügung war, Samuel L. Jackson zu casten bzw. ihn casten zu können. Der Kerl tanzt da im Schottenrock an und sieht noch gut dabei aus - nicht nur gut, er stiehlt allen Beteiligten wie selbstverständlich die Butter vom Brot, als derjenige, der am wenigsten von allen schauspielert. Fügt sich seine komplette Umwelt nämlich dem gnadenlosen Overacting, agiert Jackson cool as ice, ohne zu agieren. Er ist es einfach.
Nun ergibt sich daraus schon die Buddy-Hierarchie, die ökonomisch / politisch auf internationaler Bühne ja sowieso gegeben ist. Da die Filmhandlung in Großbritannien abläuft und man damit Zeuge der britischen Kultur wird, kann man davon ausgehen, dass “51st State” auch dazu angedacht war, dem internationalen Publikum den britischen Flow näherzubringen und die Briten gut dastehen zu lassen und vielleicht auch ein wenig von Vorurteilen zu befreien.
Es wäre also nun auf einen Buddy angekommen, der Jackson hätte Paroli bieten können, der dazu imstande gewesen wäre, die Hierarchie anzugreifen und Jackson von seinem hohen Ross der Coolness runterzuwerfen. Ewan McGregor hätte ich mir gut vorstellen können, obwohl der ja gebürtiger Schotte ist. Aber das ist Robert Carlyle auch.
Carlyle legt seine Rolle gemäß seines Rollenrepertoires als tendenzieller Psycho mit selbstbewusster, witziger und gar romantischer Ader an, was man ihm nicht verübeln kann - schließlich ist es das, was er am besten kann. Aber damit läuft er dem coolen Elmo voll in die Falle. Denn willst du einen coolen Mann duellieren, wirst du mit Mimosengequatsche nur verlieren. Ein “Fuck” (12) hilft dir da nicht. McGregor hätte das gewusst. Der hätte den coolen Eisblick des Elmo McElroy eiskalt mit ‘nem ironischen Grinsen (das hat der Ewan drauf) gekontert. Ist doch klar: wenn einer nur quatscht und damit fast schon nervt, steht man gut da, wenn man mal einfach die Klappe hält und seine Aura sprechen lässt. Das Erfolgsrezept für eine gute Buddy-Chemie wäre aus Sicht von Felix DeSouza nicht Aktion gewesen, sondern Reaktion. So aber spüre ich da keine Chemie, da kann der Elmo noch so viele Chemikalien brauen im Labor der Hooligans (“Na klar haben wir ein Labor, oder hälst du uns für fucking [13] Anfänger?”). Da fehlt einfach die Reibung, die Interaktion. Und das liegt nicht am famosen Jackson, sondern am fehlgecasteten Robert Carlyle, der immer dann seine besten Auftritte hat, wenn er alleine agieren darf - wie beim Besuch im ManU-Pub, und strenggenommen wirkt er selbst da eher wie ein hinterwäldlerischer Vollprolet, der nicht gerade dazu beiträgt, mit Vorurteilen gegen die Briten aufzuräumen.
Was für dieses Hauptdarstellerpärchen gilt, lässt sich auch auf alle anderen Charaktere übertragen. Keine der Figuren vermag es, mit einer anderen eine glaubwürdige Verbindung aufrechtzuerhalten. Das führt uns direkt zu Emily Mortimer, deren Liebschaft mit DeSouza man ihr ebensowenig abnimmt wie ihre Rolle als gnadenlose Killerin - dafür ist sie zu brav. Und wer jetzt sagt, dass sich Bravheit und Killertum nicht ausschließen müssen, der hat zwar Recht, aber hier passt es einfach nicht. Der Lizard hat genau die gleichen Probleme, ganz zu schweigen vom psychotischen Waffenhändler Iki (Ifans) - Jacksons Elmo McElroy ist wahrhaftig die einzige komplett durchgedachte Figur im ganzen Film! Fuck, fuck, FUUUCK!!! (14, 15, 16)

So, genug gefaselt. Man möge mir den Wortschwall und die darin enthaltenen Flüche verzeihen, ich hätte mich gerne kürzer gefasst, musste aber für meinen Standpunkt etwas weiter ausholen, um ihn klar zu machen. Wie schon angedeutet, einiges, was hier unter kritischer Beobachtung steht, mag durchaus auf persönliche Antipathien zurückzuführen sein (Carlyle ist wahrhaftig keiner meiner Lieblingsschauspieler, was auch für Herrn Ifans gilt). Dennoch ist “51st State” so, wie er in meinen Augen wirkt, unter der stylishen Oberfläche eine teilweise fatale Missachtung der Erfolgsrezepte für gute Gangsterkomödien und für gute Buddy-Movies. Samuel Jackson rettet einiges, kann aber nun mal nicht alleine einen Buddy-Film stemmen, dazu braucht’s mindestens zwei. Die gibt’s leider nicht, denn so viele abgedrehte Figuren auch aufgebahrt werden, miteinander agieren vermögen sie kaum. Mit einer raffinierteren Story hätte das vielleicht etwas anders ausgesehen... 3.5/10, wenngleich ich nach dem dritten Versuch kurzzeitig zur 4/10 tendierte. Vielleicht zücke ich nachträglich noch die 4 nach dem vierten Versuch...

This Review contains 16 “Fucks”.

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