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Inmitten all der Effektespektakel, mit denen Regisseur del Toro in den USA bekannt wurde ("Mimic", "Blade 2") besann sich der Mexikaner auf seine hispanischen Wurzeln und drehte in seiner Heimat einen ruhigen und ebenso intensiven Streifen, der sich als Mischung aus übernatürlicher Mystik und Individuendrama präsentiert.

Es geht um ein abgelegenes Kinderheim zur Zeit des spanischen Bürgerkrieges Ende der Dreissiger. Der kleine Carlos verliert seinen Vater durch den Krieg und wird von seinem Tutor unter falschem Vorwand in das Heim gelockt und dort ausgesetzt. Fortan sieht sich der hilflose Junge einem ganz neuen, zunächst feindselig erscheinenden Leben ausgesetzt: während der Heimleiter und seine stellvertretende Kraft streng, aber gerecht sind, ist der Aufpasser ein egoistisches Ekel, dem die Kinder egal sind. Auch mit seinen Leidensgenossen bekommt Carlos schon bald Probleme. Doch verbirgt sich hinter den Feindseligkeiten mehr als bloße Streitigkeiten unter Kindern: Angst und Unbehagen stehen in der Luft geschrieben.
Als Carlos dann eine unheimliche Begegnung mit einem Geisterwesen macht, erfährt er von einem Vorfall, in den auch der Aufpasser verwickelt zu sein scheint...

Vergleiche mit Filmen wie "The Sixth Sense" oder "The Others" sind durchaus angebracht, weil der Film eine ähnliche Erzählstruktur aufweist, eingehüllt in spanisches Flair. Die Geschichte ist nämlich vordergründig mehr Drama denn Horror und versucht, vielschichtig und bedeutungsintensiv zugleich zu sein.
Funktionierten diese Vorgaben bei Shyamalan noch optimal, kann man das bei del Toro trotz gelungener Optik und weitgehender Stilsicherheit nicht behaupten: die Verquickung von Geisterstory und Drama will einfach nicht gelingen.

Woran liegt das? Einerseits wird versucht, zu viele Ebenen auf einmal abzudecken. Bleibt die Story an sich sehr geradlinig und einfach, will del Toro durch seinen Erzählstil jedes Stilmittel einbauen. Da hätten wir die Bombe als mystisches Element und gleichzeitig mit symbolischer Wirkung, die Liebesgeschichte zwischen dem Hausherrn und seiner Stellvertreterin, das Verhältnis von dieser zu dem zwielichtigen Aufpasser, dessen Verhältnis wiederum zu seiner eigentlichen Freundin, das Gold, Carlos und sein Verhältnis zu den anderen Kindern (speziell zu Santos` ehemaligem Kumpel) und nicht zuletzt die eigentlich zentrale Geschichte um den Geist des kleinen Santos.

Zum anderen wollen all diese Ebenen einfach nicht miteinander fusionieren. Jede Ebene, sei sie symbolisch, metaphorisch oder mystisch, läuft ganz für sich voran und nimmt keinen sichtbaren Einfluss auf die anderen. So bleibt stets das Gefühl der Unvollständigkeit im Raum, so als habe del Toro mühsam alles aufgebaut, ohne an den Kleber zu denken, der alles zusammenhält und die einzelnen Teile zu einem Sinn ergebenden Ganzen zusammensetzt.

Immerhin gibt es in Form des kleinen Carlos einen roten Faden, der den Zuschauer durch die Geschichte begleitet. Wie wir erfährt er nur häppchenweise von den seltsamen Vorkommnissen und dunklen Geheimnissen des Kinderheims. Traditionell wendet sich der Geist dann auch an das neue Glied in der Gemeinschaft, also an Carlos.

Ebenfalls traditionell ist der Umstand, dass der Geist als furchterregendes Ding erscheint und in Wirklichkeit nur eine Botschaft überbringen will. So fühlt sich Carlos zunächst bedroht und verfolgt, und wir erleben einige haarsträubende Jagden durch die dunklen Gänge des Kinderheims.
Das ist nicht zuletzt dem Geisterdesign zu verdanken, das mit modernster Technik am Computer perfektioniert wurde. Entsprechend seinem Tod erscheint Santos als halb gleitendes Wesen mit einem großen Loch in der Stirn, aus dem unentwegt Blut strömt. Dieses Blut strömt aber nicht auf den Boden, sondern es verteilt sich wie eine rote Wolke in der Luft, denn Santos ist von einer Wasseraura umgeben, die sich durch kleine Luftbläschen und das wässrige Schimmern an den Fliesen der Gänge bemerkbar macht. Endgültig gruselig wird die Erscheinung dann durch die Risse im Gesicht und die bedrohlichen Kontaktlinsen sowie eine dünne, schimmernde Haut, die je nach Beleuchtung Blick auf das Skelett des Jungen gewährt.

Aber auch die gelungenste Geisterdarstellung bleibt uneffektiv, wenn man sie nicht richtig in Szene setzt. Das gelingt dem Regisseur glücklicherweise durchgehend; gerade die Szene vor und im Kleiderschrank beschert uns den ein oder anderen Schock.
Und auch die ruhigen Szenen rund um die menschlichen Dramen überzeugen mit einer Bildgewalt, die zwar nicht die Intensität eines Shyamalan erreicht, aber dennoch überzeugen kann.

Auch wenn die Technik stimmt, bleibt es leider dabei: die Geschichte bietet gute Ansätze, ist aber unfähig, sich zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Und genau daran scheitert del Toros Zwischenprojekt. Dennoch sollte man mal eine ruhige Minute finden und sich den Film ansehen, auch wenn der für dieses Genre nötige Perfektionismus fehlt. Shyamalan hätte vielleicht mehr daraus gemacht. Vielleicht.
5/10

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