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Der Nachtportier macht einem ohne Frage moralische Bauchschmerzen. Kann sich aus dem Sadismus in einem KZ eine spätere Liebesbeziehung entwickeln? Wer ist dann der eigentliche Perverse? Skandal ist dabei vor allem der Bruch aller Pietät. Jemand, dem in seiner Haft in einem nationalsozialistischen Arbeits - oder Todeslager etwas Gefallen bereitet hat? Unvorstellbar! Doch anscheinend nicht mal unaussprechlich, immerhin werden solche Werke auf 3.Sat ausgestrahlt.
Die Kontroverse wird dann jedoch etwas holprig erzählt. Mit wenig poetischer Bildsprache erreicht Liliana Cavani den Zuschauer leider nicht an einem emotionalen Schwachpunkt, intensiviert also auch nicht den Bezug zur Geschichte. Der Konflikt mit den um ihre Schuldvertuschung bemühten Verbrechern sorgt zwar für Abwechslung auf halbwegs realistischer Ebene, hatten sich doch wirklich viele Personen durch gegenseitige Deckung schadensfrei entnazifiziert, doch die lebensbedrohliche Dramatik bietet kaum Spannungsmomente.

Ähnlich dem ebenfalls mit Charlotte Rampling besetzten Film Max, mon amour liegt der Schwerpunkt nicht auf Exploitation, obschon Der Nachtportier natürlich keine Satire darstellt und tatsächlich ein paar Brüste zu sehen sind. Man erhält hier ausreichend Grundlage zu einer weiteren Diskussion über die Grenzen einer sexuellen Beziehung. Indirekt greift Der Nachtportier ja sogar die morbide Faszination am Nazionalsozialismus auf, die auch als Uniformfetisch und in dieser Verbindung auch im Subgenre Naziploitation ihren Platz gefunden hat. Ferner klingt die Frage durch, ob man im Zusammenhang mit dem Holocaust tatsächlich über ein Wort wie Verzeihung nachdenken kann. Die beiden Hauptfiguren lassen erkennen, daß die Umstände auf beiden Seiten Narben hinterlassen haben, es etwas aufzuarbeiten gilt. Denn Täter wie Opfer sind Menschen und haben Gefühle. Das ist harter Tobak und auch heute noch ein Tabu im bizarren Kontrast zu christlichen Werten, die Vergebung zu einem der Kernpunkte zählen.

Zur Reflexion der oben genannten Punkte mag Der Nachtportier geeignet sein. Er findet eine Nische zwischen Die Akte Odessa und Der letzte Tango in Paris. Beide Filme haben gegenüber dem besprochenen Werk, welches künstlerisch hätte besser ausfallen können, ihre unterhaltsamen Vorzüge. Es sind die Inhalte, die hier zählen. Die sind noch immer nicht überholt. Historische Bildung und trotz aufgeschlossenem Interesses gefestigte Moral sollte der Zuschauer jedoch mitbringen.

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