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DER NACHTPORTIER (IL PORTIERE DI NOTTE, Italien 1974, Regie: Liliana Cavani)

Max hat eine düstere Vergangenheit. Er war SS-Offizier in einem Lager. Nach dem Krieg tauchte er als Portier in einem Wiener Hotel unter. Er arbeitet nachts, da er sich tagsüber schämt. Eines Tages tritt ihm im Foyer eine junge Frau gegenüber, die er aus dem Lager kennt…

DER NACHTPORTIER ist harter Tobak – speziell für die Zeit, in der er entstand. Zum einen gibt es hier einen Nazi, der auch Mensch ist, der hinter Uniform und Kittel, hinter Strenge und Disziplin Gefühle versteckt. Zum anderen gibt es hier einen Nazi, der sich übelster Verbrechen schuldig gemacht hat und nun ungestraft und von Freunden gedeckt unter uns lebt. Und nicht zu Letzt gibt es hier einen Nazi, der ein junges, 15jähriges Mädchen in Haft zu seiner sexuellen Gespielin machte – mehr noch: zu seiner Sex-Sklavin. Und dieses junge Mädchen fügt sich dem sadomasochistischen Grundtenor der einst ungleichen Beziehung ein weiteres Mal. Nicht jedoch ohne sich dem Rollenwechsel der einstigen Machtverhältnisse bewusst zu sein. DER NACHTPORTIER scheint mir eine erste filmische Studie zum Stockholm-Syndrom (so benannt nach einem Ereignis in Stockholm 1973) zu sein, dass in eine ungleich düsterere Rahmenhandlung eingebettet wurde. Hierbei werden eine Vielzahl von (damaligen) Tabu-Themen aufgegriffen und zur Diskussion gestellt.

Die Protagonisten sind sich ihrer ehemaligen und neuen Rolle in der Beziehung bewusst. Sie liefern sich einander aus, fügen und wehren sich, bekämpfen und lieben einander. Schmerz und Liebe tritt hier beiderseitig sowohl physisch als auch psychisch auf, wird provoziert und gewollt. Im Grunde handelt es sich um eine tragisch-melancholische Liebesgeschichte, durchaus auf dem Niveau von ROMEO UND JULIA und ähnlichem (mit vertauschten Rollen lassen sich auch Assoziationen zu DER VORLESER finden). Schließlich ist es ein Verhältnis, welches so nicht sein kann und sein darf. Dennoch existiert es – und beide Protagonisten haben nicht vor dies zu leugnen. Das Max seine Vergangenheit nicht zu ignorieren versucht ist schon nur daran erkennbar, dass er seine Uniform aufbewahrt hat und bisweilen sogar trägt. Und auch Lucia lässt sich bereitwillig wieder in Ketten legen und akzeptiert ihre alte Rolle im neuen Spiel – völlig losgelöst von ihrer eigentlich gewonnenen Freiheit.

DER NACHTPORTIER ist ein sehr ruhiger, stimmungs- und kunstvoller Film, der durch die Verknüpfung von Leni Riefenstahl- und gängiger Nazi-(Uniform-)Ästhetik mit Erotik, die wiederum durch den SM-Bezug in eine zutiefst metaphorisch geladene Ebene von Herr- zu Sklaventhematik gedrängt wird, sehr kritisch und kontrovers aufgenommen wurde. Bisweilen gilt dieser Film sogar als einer der Prototypen der Naziploitation, was ihm aber auf Grund eines tiefgreifenden künstlerischen Anspruches nicht im Geringsten gerecht wird. Dennoch weiß dieser Film nur bedingt zu überzeugen. Nicht, dass die Verknüpfung zur Lagerthematik in irgendeiner Form selbstzweckhaft und aufgesetzt wirken würde, aber es ist bei allem Ernst auch ein Mangel an sensiblem Gespür für den historischen Stoff zu konstatieren. Die Rückblenden sind teils unzusammenhängend und nur wenig dramatisch arrangiert, so dass sich der Heftigkeit und Trostlosigkeit des Basisszenarios nur schwerlich erschließt. Zeit für mehr und intensivere Rückblenden wäre aber allemal gewesen, da der Film im Gesamteindruck leider auch einige Längen aufweist. Ernstzunehmende Spannung will kaum aufkommen, obwohl man sich der kontroversen Dramatik nur schwerlich entziehen kann. DER NACHTPORTIER ist ein zwiespältiger Film, der zwar längst nicht zu halten vermag, was sein vorauseilender Ruf seit den 70er Jahren in Aussicht stellt, der aber dennoch einen Blick wert ist. Er stellt sich und seinen Gegenstand zur Debatte – mehr nicht. Alles andere obliegt dem Rezipienten, sofern er sich von dieser grenzwertigen Dramatik und dem teils unerträglichen Konflikt zwischen Liebe und Verbrechen nicht entziehen konnte und auch über die Laufzeit des Spielfilms hinweg noch Aufmerksamkeit für das Thema aufbringen möchte.

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