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Die erste Sichtung des als Skandalfilm bekannten DER NACHTPORTIER (1974) ließ mich vor 15 Jahren etwas verwirrt zurück: die Liebesgeschichte zwischen einem ehemaligen SS-Offizier und seiner Insassin Lucia wirkte auf mich hochgradig konstruiert und exploitativ. Wir haben da Dirk Bogarde, der sich durch seine Darstellung in Luchino Viscontis TOD VON VENEDIG (1971) für alle Zeiten in die Filmgeschichte eingeschrieben hatte und eine junge Charlotte Rampling, die ich enorm wegen ihrer späteren Rollen, vor allem François Ozons SWIMMING POOL (2003) mochte. Die Zweitsichtung in diesem Jahr anlässlich der mustergültigen Veröffentlichung des Heimkino-Labels WICKED VISION ergab ein differenziertes Bild. Diesmal hat mich vor allem beeindruckt, welche Zeit und welcher Ort hier gewählt wurde. Wir kommen in ein tristes Wien der Nachkriegszeit, in welchem die Verbrecher der Vergangenheit noch am Leben sind und in dem Leugnung und Verdrängung auf der Tagesordnung stehen. Die ehemaligen Nazis, die nun bürgerlichen Berufen nachgehen, sind nun in einer Art Selbsthilfegruppe organisiert. Selbsthilfe im Sinne von aktiver Vertuschung, die auch nicht vor Verbrechen zurückschreckt. Im Hotel erleben wir eine Art ZAUBERBERG à la Thomas Mann voller weltfremder Figuren, die allerdings auch in ihrer Vergangenheit gefangen sind und deren Wünsche Max stoisch erfüllt. Mit dem Eintreffen von Lucia werden wir Zeuge des explosionsartigen Aufflammens einer Liebesgeschichte, immer wieder durchzogen mit Rückblenden in die Zeit des Verbrechens. Cavani hatte neben ihrem Filmstudium klassische Literatur und Linguistik studiert und für Dokumentarfilme über die Nazizeit zahlreiche Zeitzeugen interviewt. Als Motivation für DER NACHTPORTIER erzählt sie in dem hervorragenden Interview im Bonusmaterial, dass sie „das Gefühl, dass sie beim Zuhören dieser Geschichten empfand, auf die Leinwand bringen wollte.“ Es sollte eine Liebesgeschichte sein, „wie Schmetterlinge auf einem Misthaufen“. Denn für sie „war dieser Film eine Liebesgeschichte, angesiedelt auf dem fürchterlichsten Ort auf der Erde.“ Dank des Interviews wissen wir nun, dass sie keineswegs einen oberflächlichen Naziploitation-Film schaffen wollte, oder einen Film, der in der SM-Community gutgeheißen würde. Ähnliche Angebote, wie der später von Tinto Brass inszenierte SALON KITTY (1976) lehnt sie folglich entschieden ab. Zwar kann der Film klar so gelesen werden, worauf das Bonusmaterial (vor allem die umfangreiche Featurette DER NACHTPORTIER ALS SADICONAZISTA von Dr. Marcus Stiglegger) intensiv eingeht. Für mich zeigt dieser Film jedoch vielmehr, dass es kein Ende der Grausamkeit gibt. Das Liebespaar kann seiner Vergangenheit nicht entrinnen. Die Schergen und Schatten der Vergangenheit sind noch allgegenwärtig, genauso, wie der graue, trostlose Putz an den Fassaden keine Hoffnung mehr ausstrahlt. Egal, wie bedrückend die Umstände sind, scheint dieser Film nur den beiden zu gehören, niemand anderem. Nicht einmal dem Zuschauer. 

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