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DER NACHTPORTIER ist einer dieser Filme, von denen man nur Gutes und Großes liest. Eine nachdrückliche Geschichte, eine bestechende Geschichte, großartige Schauspieler, so diese Dinge halt. Ein Klassiker im Filmkanon, der gleichermaßen die hochgestochenen Filmkritiker wie die niederen Genrefans anspricht. Im Kern geht es darum, dass eine Frau, die vor rund 15 Jahren in einem Konzentrationslager gefangen war und dort eine Liebes(?)affäre mit einem hohen SS-Offizier hatte, dass diese Frau jetzt, im Wien des Jahres 1957, diesen Offizier wiedertrifft und ihre Beziehung wieder auflebt. Beide verfallen einander mit Haut und Haaren, und ihre Liebe und ihr Begehren, das Hand in Hand geht mit dem Wunsch nach Schmerz, ist stärker als alles andere, und die vergangenen 15 Jahre wirken wie ausgelöscht. Was die ewiggestrigen Partner des Offiziers, der jetzt als Nachtportier in einem Hotel arbeitet, nicht gutheißen können, denn diese Frau ist eine Zeugin der Vergangenheit. Und Zeugen müssen eliminiert werden.

So weit, so schön. Ich gebe auch gerne zu, dass vor allem die Beziehung zwischen dem Offizier Max und der Frau Lucia in fiebrigen Tönen gemalt wird, dass sie den Zuschauer mit irritierend-hypnotischen Bildern und Aktionen in sich saugt und seine Sinne vernebelt. Auch die Handlung um die Gruppe Alt-Nazis, die sich unter Leitung des strengen Anwalts Klaus (wie immer alles überragend: Philippe Leroy) und des Kommandanten Hans (eher schwach dieses Mal: Gabriele Ferzetti) untereinander mit simulierten Prozessen quälen, um herauszufinden, ob ihre ach so ruhmreiche Vergangenheit irgendwann mal aufgerollt und sie mit Strafen belegt werden könnten, diese Handlung ist nicht unspannend und gut gemacht. Aber der Zusammenhang zwischen diesen beiden Handlungssträngen, der wirkt so dermaßen konstruiert und mühsam, dass es zumindest bei mir für ein gerüttelt Maß an Langeweile gereicht hat. Regisseurin Liliana Cavani zeichnet ein Bild eines Konzentrationslagers, in dem in einer grellen und industrialisierten Umgebung melancholisch der Kunst und der Erotik gefrönt wird, und wo Nazioffiziere ihr verderbtes Kunstempfinden rücksichtslos und jederzeit ausleben können. Da wird gefilmt, da wird Ballett getanzt, und die vermutlich zentrale Szene ist, wenn das jüdische(?) Mädchen Lucia, angetan mit SS-Schirmmütze, oben ohne und mit Hosenträgern, einen melancholischen alten Schlager singt, und dabei lasziv durch den Saal tänzelt. Diese Szene wird so zentral platziert, dass das dazugehörige Bild den Film seit mittlerweile 50 Jahren ikonisch begleitet, und ohne dieses Bild, Charlotte Rampling eben nackt mit Mütze und Hosenträgern, der Film kaum noch vorstellbar ist. Kennst Du den NACHTPORTIER? Das ist der Film mit der Rampling mit Mütze und Hosenträgern. Ah ja, der. Aber noch nicht gesehen …

Denn wirklich Sinn ergibt diese Szene nicht, wie auch so manches anderes in diesem Film kryptisch bleibt. Dass ein jüdisches(?) Mädchen sich in ihren Peiniger verliebt? Und nach 15 Jahren sich zwar noch einige Zeit zurückhalten kann, schockiert über das plötzliche Wiedersehen, aber nach ein paar saftigen Ohrfeigen und Schlägen erwacht auch ihre alte Liebe wieder und sie fällt ihm um den Hals. Ja klar, wenn Fred Olen Ray sowas gedreht hätte würde alle Sexismus schimpfen, aber wenn eine Frau das dreht ist das Feminismus, oder was?

Wahrscheinlich bin ich einfach nur zu unempfindlich für die feinen Abstufungen dieser künstlerisch hochsensiblen Studie, aber mich hat DER NACHTPORTIER kaum berührt. Ich mochte die Stimmung dieses längst untergegangenen Wiens, die Schauspieler waren wirklich großartig, und ich habe Lust bekommen, Zulawskis POSSESSION einmal zu sehen, den ich in seiner Beschreibung als wilde und hochgradig erotisierte Variante zu lesen meine (Keine Ahnung ob das so ist, man möge mir mein gesundes Halbwissen verzeihen …). Aber DER NACHTPORTIER hat mich tatsächlich nicht abgeholt, und an den allermeisten Stellen ratlos, nein richtiger: desinteressiert zurückgelassen.

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