Maximilian Aldorfer arbeitet 1957 als Nachtportier in einem Hotel in Wien. Der Krieg ist zwölf Jahre her, doch holt Max die Vergangenheit immer wieder ein. So trifft er gelegentlich seine früheren Nazimitstreiter, welche sich um die Beseitigung von Dokumenten und Zeugen kümmern, um nicht mit den Konsequenzen ihres Handelns konfrontiert zu werden. Auch manche Bewohner im Hotel wissen um seine Vergangenheit und so ist Max in diesem Konstrukt quasi gefangen. Als eines Tages eine junge Frau in das Hotel tritt, die Max als Gefangene eines Konzentrationslagers erkennt, ändert sich schlagartig alles.
Denn er und die Dame haben eine gemeinsame Vergangenheit, was dem von Liliana Cavani inszenierten Film einen durchaus kontroversen Ruf bescherte. Das gegenseitige Erkennen der Insassin und des SS-Offiziers passiert prompt, hier wird nicht auf Zeit gespielt. Erst danach, denn es dauert bis zur Konfrontation, das Skript lässt erst einmal beide mit dem Schock selbst klarkommen und wechselt zwischen Gegenwart und Rückblenden hin und her, was die gemeinsame Vergangenheit bebildert.
Interessant bei der Thematik ist, wie wenig explizit Cavani dies schildert. Da wird nichts ausgeschlachtet, wo die Versuchung nach Exploitation doch gegeben ist. Zeigefreudig ist das Werk dennoch, allerdings bekommt man nichts, was nachhaltig verstören würde. Das wäre auch nicht nötig, die Konstellation birgt auch so genug Potential für ein einnehmendes Drama.
Dieses will sich aber nicht so recht entfalten. Cavani blickt auf die Beziehung der beiden Hauptfiguren, lässt diese sich wieder entwickeln und auf ein Ende zusteuern. Dies zieht sich im letzten Drittel doch merklich und anstatt mehr das Innenleben seiner Figuren zu ergründen, lässt das Skript lieber zusehen denn hineinsehen. Die Erforschung der schwer nachvollziehbaren Seiten dieser Zuneigung und deren Auswüchse mag dem hier zugrunde gelegen haben, die Ausführung mäandert zwischen interessant und redundant. Letzteres ist sicherlich so beabsichtigt, denn die beiden drehen sich im Kreis und sind einer Spirale gefangen, das will Cavani deutlich machen. Dennoch hätte das gerne straffer vermittelt werden können.
Vielleicht wartet man auf die Umkehrung der Rollen, der Dominanz, auf das Aufbäumen der einen und das Niederknien der anderen Figur, sowohl mit Körper als auch mit dem Verstand. Vielleicht auf eine erlösende Explosion, vielleicht auf ein Ende der Verfolgung durch erlebte und personifizierte Vergangenheiten.
Aber nein, es bleibt bei der Anziehung über Grenzen hinweg und hier liegt ob der Konstellation dann eben die Härte. Bei Erscheinen kontrovers aufgenommen, als Ausschlachtung des historischen Leidens zur Erregung betitelt. Erregend ist hier, vielleicht auch nur aus heutiger Sicht, nicht viel. Das Spiel der beiden miteinander, immer der historische Kontext mitschwimmend, ist da die interessantere Ebene.
Dazu gesellt sich die verknüpfte Nebenhandlung mit den ehemaligen Kollegen von Max, die wenig zwingend inszeniert ist. Und es einem schwer macht, denn diese Altnazis haben sich ebenso wenig geändert wie Max, dem man zu folgen verdammt ist. Etwas Dekoration in Form der anderen, mitunter geisterhaft wirkenden Gäste gibt es obendrein. Diese wie auch andere Figuren sind die Schatten der Vergangenheit, denen beide nicht entkommen und vor denen sich in die Isolation geflüchtet wird.
Mit Dirk Bogarde und Charlotte Rampling in den Hauptrollen hat man fähiges Personal, wobei Rampling den stärkeren Part hat. Von Wien sieht man zwar nicht viel, dennoch ist das als Handlungsort gut gewählt und aus technischer Sicht ist das Werk gelungen.
Seine spannende Idee lässt „Der Nachtportier“ in einer undenkbaren Anziehung aufgehen. Hier ist der Knackpunkt, der Aufreger, der sich unkommentiert über die Laufzeit erstreckt. Und hält sich das Schockpotential in Grenzen, ist das szenenweise dennoch ein eindrückliches Drama mit zwei sehenswerten Akteuren, in der Erzählung aber selten packend und nicht ohne Längen, die gerade in der zweiten Hälfte spürbar werden. So steht und fällt Cavanis Drama durch seine Erzählung mehrfach, bietet aber dennoch ein paar memorable Szenen. Nur keine Antworten.
Zwischen Schund und Meisterwerk findet man allerlei Einordnungen. Ich hänge irgendwo in der Mitte.