Als die Idee geboren wurde, muß das Ganze furchtbar nett geklungen haben: Hey, komm, laß uns irgendwo in der Einöde einen harten Slasher drehen, und als Killer nehmen wir einen Indianergeist, dann heben sich auch die Morde von den anderen Filmen da draußen etwas ab, so mit Pfeilen und Tomahawk, wie Indianer eben so killen. Und skalpiert wird zum Drüberstreuen auch noch jemand. Hey, warum nennen wir den Film nicht gleich Scalps? Macht zwar wenig Sinn, klingt aber umso besser! Vielleicht las sich die Geschichte sogar noch vielversprechend, nachdem man sie in aller Eile zu Papier gebracht hatte. Und vielleicht wäre ja echt was draus geworden, wenn das Projekt in die richtigen Hände gelangt wäre. Aber Spekulationen bringen leider nichts, und so muß man sich mit dem Murks auseinandersetzen, der schlußendlich veröffentlicht wurde: Scalps, ein Film von Fred Olen Ray.
Ein guter Regisseur war B-Fließband-Filmer Fred Olen Ray ja nie, auch wenn seine dreistellige Filmographie den einen oder anderen netten Film aufweist (wie z. B. Hollywood Chainsaw Hookers, Evil Toons oder Possessed by the Night). Was er aber mit Scalps abgeliefert hat, grenzt an Körperverletzung. Die Geschichte von den sechs Studenten, die an der falschen Stelle herumbuddeln und sich deshalb mit dem mörderischen Indianergeist Black Claw herumschlagen müssen, wurde so gänzlich ideenlos, uninspiriert und ohne Leidenschaft heruntergekurbelt, daß man versucht ist zu glauben, jemand hätte Herrn Ray unter Androhung von Gewalt gezwungen, diesen Film zu machen. Fred Olen Ray behauptet, das im kalifornischen Aqua Dulce entstandene Machwerk wäre im Nachhinein vom Vertrieb völlig umgeschnitten worden, sogar Testaufnahmen hätte man willkürlich reingeschnitten. Das mag ja alles stimmen, aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, daß ein Director's Cut diesen Film besser machen würde, dafür fehlt es einfach an zu vielem. Stimmung, Timing, Tempo, Schauspieler, Kameraführung, Schauwerte, Spannung, Interesse für die Figuren... alles totale Fehlanzeige.
Und doch schimmern zwischen all dem Dilettantismus zwei Dinge durch, die Scalps zumindest für beinharte Genrefans fast schon wieder sehenswert machen. Zum einen ist da der gelungene Score (gegen Ende unterstützt von ominösen Indianergesängen), der die öden Geschehnisse auf dem Bildschirm zumindest einigermaßen erträglich macht. Und zum anderen sind da die teils effektiv, teils haarsträubend schlecht umgesetzten Morde. Gut gemacht ist z. B. die Szene, in der Black Claw hinter einem ahnungslosen Mann auftaucht und ihm seinen Tomahawk über den Schädel zieht, woraufhin das Opfer unendlich langsam zur Seite kippt. Das beeindruckt und ist doch ein Beweis dafür, daß die Macher nicht völlig talentfrei sind. Ebenfalls in Ordnung ist die blutige, stark an Friday the 13th erinnernde Enthauptung, und auch die Skalpierszene ist recht gut gelungen. Daß es auch anders geht zeigt die Sequenz, in der eine Frau von mehreren Pfeilen getroffen wird und trotzdem einige Zeit munter weiterläuft, was für ein Highlight der unfreiwillig komischen Art sorgt. Aber das alles kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die knapp achtzig Minuten von Scalps anfühlen wie drei Stunden auf dem Zahnarztstuhl. Laut Backcover der amerikanischen DVD handelt es sich bei Scalps übrigens um "one of the most censored films of all time". Das kann man glauben oder nicht, Qualitätskriterium ist es jedenfalls keines. Wer sich dennoch an den billigen Streifen heranwagt, wird mit Cameos von Famous Monsters of Filmland-Schöpfer Forrest J. Ackerman, Ex-Superman Kirk Alyn und Carroll Borland (Mark of the Vampire) belohnt. Im Abspann wird uns dann noch eine Fortsetzung in Aussicht gestellt, und einige Fans ließen es sich nicht nehmen, diese Drohung in die Tat umzusetzen.