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Tum wohnt in einem bescheidenen kleinen Apartment in einem ebenso bescheidenen Apartmenthaus. Was ihre Situation nicht gerade verbessert, ist, dass ihr gerade gekündigt wurde. Ohnehin schon nicht in einer exzellenten Lage, ist dadurch ihre Existenz bedroht, sie ist schon gezwungen, im Supermarkt zu klauen, weil sie merkt, dass sie sich nicht mehr alles leisten kann. In ihren Träumen trinkt sie flaschenweise Waschmittel und jagt sich eine Kugel durch den Kopf.
Was so trostlos als Einzeltragödie und harsche Kritik am thailändischen Wirtschaftssystem beginnt, entwickelt sich bald zur makabren Komödie. Die Zimmernummer an der Tür zu ihrem bescheidenen Apartment – es ist die Nummer sechs – hat die lästige Eigenschaft, sich ständig umzudrehen, was schon mal zu Verwechslungen führen kann. Und so findet Tum am nächsten Morgen eine Kiste voll mit einer Million Bat vor ihrer Tür, die definitiv nicht für sie bestimmt ist, aber man nimmt halt, was man kriegt. Die zwei Gestalten, die die Kiste dort abgelegt haben, merken aber recht schnell, dass sie einen Fehler gemacht haben und kommen zurück um das Geld wieder mitzunehmen. Tum habe das Geld aber nie gesehen, die Gangster wiederum glauben ihr kein Wort, durchsuchen ihre Wohnung und liegen ziemlich schnell tot in der selben. Tum braucht das Geld nun mal. Natürlich ahnt sie nicht, was sie mit ihrer Affekthandlung ins Rollen gebracht hat, und hofft, dass sie ohne viel Aufsehen noch am gleichen Abend mit einem gefälschten Pass das Land verlassen kann. Wären da nicht da nicht der Gangsterboss, deren Schergen sie getötet hat, der Mann, für den das Geld bestimmt war, sowie noch einige weitere Personen, die irgendwie in die Sache verwickelt sind, darunter ein Polizist, eine geschwätzige Nachbarin, ein verpeilter Junkie und ein perverser Telefonanrufer.
Mit „Runag talok 69“ liefert Pen-ek Ratanaruang einen Film ab, der in einer Zeit, in der alles, was nur in irgendeiner Weise mit Gangstern, verschachtelter Erzählweise, diversen Leichen und seit „Kill Bill“ Asiaten jeglicher Abstammung zu tun hat, gleich zwangsläufig mit Tarantino in eine Tonne gestampft wird, tatsächlich auch mal diesen Vergleich impliziert. Denn der Plot wirkt stellenweise schon wie eine thailändische Antwort auf „Pulp Fiction“ mit dem Ende von „True Romance“. Da sind diverse Leichen, hinter denen erst mal nachgewischt werden muss. Manipulierte Boxkämpfe. Eine Menge Zufälle und Verstrickungen. Leute, die auf dem Klo erschossen werden (na ja, so halb wenigstens...). Und ein gewaltiges Standoff am Ende, bei dem sich die beiden gegnerischen Parteien mit ein paar mehr oder weniger zufällig hineingeratenen Polizisten konfrontiert sehen.
Klingt bekannt? Trotzdem, „69“ kommt nicht wie irgendein Plagiat daher, sondern bekommt von Ratanaruang eine ganz persönliche Note aufgedrückt. Gerade die Gegebenheiten, durch die immer mehr Personen in diese Angelegenheit hineingezogen (und später herausgeschliffen) werden, sind genial konstruiert, keine der Nebenfiguren ist für den Verlauf der Handlung unwesentlich. Hinzu kommt eine sehr morbide Atmosphäre, vor allem in den Fantasiesequenzen, sei es die Fußabtrennung mit dem rotesten Rotfilter, den man sich vorstellen kann, oder die Fleischsalatgeschmacksprobe (mich schaudert’s). Und mit Tum muss man einfach mitfiebern, ganz gleich, wie viele Menschen sie auf dem Gewissen hat.
Die Bewertung fällt dann letztlich schwer, weil man beim Ansehen ständig das Gefühl hat, diese Szenen so oder so ähnlich schon mal gesehen zu haben. Allerdings ist der Mann mit dem Kinn auch nicht gerade dafür bekannt, dass ihm seine Ideen aus dem Nichts kommen. „Ruang talok 69“ ist sicherlich nicht Ratanaruangs bester oder originellster Film, Spaß macht er aber allemal.

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